Seite - 348 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Füger-Gsellhofer, Band 5
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ihre Flecken ;u ergründen; geblendet senke ich
den Blick, mich ferner nur ihrer Wärme und
ihres Lichtes zu erfreuen. Welche tiefe, doch
nicht einschneidende, verwundende, nur vor-
dringende Blicke hat der Dichter in das weib-
liche Herz geworfen! Von dem Dornenritze
jener Rose, die Sappho's Herz blutig an-
streifte, bis zu der Entführung Melittens, der
es durchbohrte — wie wahr, schön und natur-
treu ist das Alles vorgebildet! . . Wenu mir
auch das Gebot des Dramaturgen, eine dra-
matische Handlung dürfe eine gewisse Bühnen-
länge nicht überschreiten, sonderbar erscheint,
da ich erwäge, daß doch dem Maler verstattet
ist, eine meilenweite Landschaft in einen fuß-
engen Rahmen zu sperren, wenn nur Licht
und Schatten, Größenverhältniß und Fernsicht
beobachtet sind — so rühmlich bleibt doch, daß
der Dichter „Sappho's" jene Forderung so
völlig zu bewahren verstand. Innerhalb eines
Tages und einer Nacht sieht man den Keim,
das Wachsen, die Blüte, die Frucht, daS Hin-
wellen der Liebe; die Natur selbst hatte keiner
längeren Zeit bedurft." Und nachdem Borne
noch kurz die einzelnen Charaktere des Phaon
und der Melitta slizzirt, schließt er: „Soll
ich noch sprechen von dem holden Zanber in
allen Reden unseres Dichters? Von dieser
bald milden, bald glühenden Farbenpracht,
von der Schönheit und Wahrheit feiner Vil-
der, von der Tiefe und Wärme seiner Em-
pfindungen? Tiefer wundervolle paradiesische
Garten ist genug gepriesen, wenn ich ihn dem
Fruchtmarlt anderer ne:ien Dichter gegenüber-
stelle. Dort findet sich des Vollkommenen gar
viel für Küche und Magen, nur nichts für
Herz und Phantasie. Zierliche Weltweisen,
find sie mit Lob zu nennen, welche Bücher-
schränke voll guten Verstandes und Blumen-
guirlanden umhängen, oder wohl auch einer
saftigen Frucht, ein abgerissenes grünes
Blatt unterlegen oder eßliche Kuchen mit
Dragen bestecken — aber Dichter sind sie
nicht. Gr i l lparzer ist ein Dichter." —
Außerordentliche Beilage zum Notizenblatte
des „Sammlers" 1818, zu Nr. 51; dann
Hauptbllltt Nr. 52 u. 53 und außerordentliche
Beilage zu Nr. 54 leingehende Besprechung der
ersten Aufführung diefer Dichtung). — Wiener
Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und
Mode. 1820, Nr. 130 und 131: „Ueber das
antike Costüin in Grillparzers Sappho" von
Bött iger. — Chronik der österr. Literatur
(Beilage zu Hormahrs „Archiv") 1819,
Nr. 21. — Morgenblatt (Stuttgart, 4°.)
1818, S. 1155: „Grillparzers Süppho und
Phaon." ^Versuch darzustellen, wie G. selbst
diese zwei Charaktere aufgefaßt hat.^ — j l Dasselbe 1319, S. 252 >in der Correspondeuz
aus Wienj. — Literaturblatt (Beilage des
„Morgenblattes") 1819, Nr. 18. — Literar.
Wochenblatt lLeipzig, 4°.) 1819, IV. Bd.
Nr. 13 (August). — Der Humorist, herausg.
von M. G. Saphir. 1840, Nr.222(9.Nov.):
„Didaskalien" von M. G. Saphir. (Be-
sprechung einer Aufführung dieses Stückes im
Burgtheater.) — (Hamburger) Originalien.
1818, Nr. 152. Der Recensent der „Sappho"
in diesem Blatte Nagt über Schreibfehler in
! dem Stücke und verbessert die Stelle ira
l 3. Acte, wo Phaon den schönen Abend schil-
! dert: „Ein leifer Hauch spielt in den schlan-
ken Pappeln, I Der kosend mit den jung-
fräulichen Säulen z Der Liebe leisen
Gruß herüber flüstert
u. s. w." in der zweiten
Zeile dahin: „Die tosend mit dem jung-
fräulichen Säuseln". Böttiger weist
in der „Abendzeitung" (1818 December) den
Verbesserer zurecht. — Eine französische Ueber-
setzung der „Sappho" erschien unter d. Titel:
n82M^6 ^ ti-ageäie 6n 5 20tS8 or OH vsis^
traä. äs I'^Iloru. P2.r äs I,**«" (?2,ri81821,
Vai-ba., 3°.). — Zonruai äeg vedat«. 1818,
1 ^lulii bringt einen komischen Bericht über
den Erfolg der ersten in Wien stattgehabten
Aufführung der „Sappho" von Gripalzer,
wie der Dichter genannt wird, der im 5. Acte
gekrönt und dann in Procession m die Woh-
nung geleitet worden fein soll! Der Referent
scheint nicht zn wissen, daß man bei uns nur
Tänzerinnen abgöttische Ehren erweist; rnit
den Poeten macht man es sich bequemer.
Unter den übrigen Abgeschmacktheiten, welche
das «^ourrl2.1 äes vedats" bringt, ist auch
jene von einer beträchtlichen zu Gunsten des
Dichters eröffneten Subscription, welche in
wenigen Stunden vollendet war!!! — Gräf-
fer (Franz), Historische Unterhaltungen (Wien
1823, 8".) S. 45: „Ein Franzose über Grill-
parzers Sappho." — Eine italienische Ueber-
setzung gab Guido Sorell i unter dem
Titel: »82.20, I'rs.ssoäia." (^lorsu? 1819,
16".) heraus. — Eine gelungene englische
Uebersetzung der „Sappho" ist schon 1822 in
London bei Black erschienen. — Eine zweite
Uebersetzung erschien unter d. Titel:
d? 1^. (3. 0." (Näirldui'3 1855, Oc>ngt2.o1e).
lVergl.: Wiener Conversationsblatt (Theater-
zeitung) 1855, S. 1113. — In neuester Zeit
wurde in Nordamerika eine englische Neber-
setzung von G.'s „Sappho", ausgeführt von
Miß Edda Middleton und 1853 bei Ap-
pleton <b Comp. in New-York ausgegeben.
lZwischenact 1858, Nr. 59.1 — Parodie
der „Sappho": „Die moderne Sappho"
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Füger-Gsellhofer, Band 5
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Füger-Gsellhofer
- Band
- 5
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1859
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 426
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon