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Habsburg — Joseph 297 Habsburg — Joseph
der Politik und Geschichte seines Hauses,
und Beck in jener Deutschlands. Strenge
erzogen, wuchs er zum Jünglinge, zum
Manne auf, immer von seiner Mutter
in einer Abhängigkeit erhalten, welcher
zwar seine selbstständige, der Freiheit
bedürftige Natur sehr widerstrebte, die
er jedoch in kindlicher Liebe und Ergeben»
heit niemals zu brechen wagte. Dieses
Verhältniß aber war es eben, das ihn
frühzeitig zur Beobachtung der Menschen
und Ereignisse und zum Nachdenken über
den Beruf eines Regenten und den Ein«
fluß seiner Umgebung anregte. Zwei Facto -
ren warm es, welche die Entschließungen
seiner großen Mutter vornehmlich beein-
flußten : der Adel und die Geistlichkeit;
die Vorrechte des Ersteren waren mit dem
Kosmopolitismus des philosophischen
Kaisers unvereinbar, und die Macht des
Letzteren erschien ihm in Sachen des
Staates schädlich', so geschah es denn
nicht selten, daß die Grundsähe, nach
welchen die Mutter regierte, des Sohnes
Widerspruch erregten; aber in solchen
Fällen gab, so lange die Mutter lebte,
der Fürst dem Sohne nach. Dieser aber,
in seinem Feuereifer nach Beschäftigung
lechzend, warf sich mit aller Energie
auf die kriegerischen Uebungen. Als im
Jahre 1739 der Krieg ausbrach, sollte
der ritterliche Prinz den Feldzug mit«
machen, den seine Mutter gegen den
großen Preußenkönig eröffnete; aber die
Räthe der Kaiserin vereitelten die wieder«
holten Bitten des Sohnes, den seine
Mutter vielmehr häuslich zu fesseln ver<
suchte. Im Alter von 19 Jahren ver<
malte sie ihn mit der ebenso liebenswürdi'
gen als schönen Mar ia Elisabeth von
Parma, der er auch mit der ganzen
Innigkeit seines fühlenden Herzens zuge»
than war. Aber das Glück dieser Ehe,
eben weil es so groß und herrlich war. zerstörte das neidische Schicksal, das
diesen Fürsten nun einmal zu Leiden
auserkoren hatte. Schon nach zwei»
jähriger Ehe starb Maria Elisabeth
im zweiten Wochenbette, nachdem auch
das Kind wenige Stunden nach seiner
Geburt gestorben war. --Auch seine zweite
Gemalin, Mar ia Josepha, der er
nach einer solchen Vorgängerin nicht aus
Liebe, sondern aus politischen Gründen
die Hand gereicht, verlor er nach zweijäh'
riger Ehe, die überdieß kinderlos geblie»
ben ist. So betrat er, zweifach Witwer,
ohne männlichen Leibeserben, im Jahre
1764 den historischen Schauplatz; denn
in diesem Jahre wurde er zum römischen
Könige und, als im folgenden sein Vater
starb, von seiner Mutter zum Mitregen»
ten ernannt, die jedoch dem raschen, frei»
sinnigen Sohne alle eigentliche Regie«
rungsthätigkeit und den Einfluß auf
die Staatsgeschäfte entzog. Joseph
war nur Chef des Militäretats und
Großmeister aller Orden. Allenthalben
Mängel in der Staatsverwaltung und
den Rechtsverhältnissen gewahrend, suchte
er, soweit es ihm gelang, die Mutter zu
bewegen, dieselben zu beseitigen oder
zu bessern. Gleichheit vor dem Ge>
setze, gleiche Vertheilung der Rechte
und Pflichten, der Ehren und Lasten
unter alle Stände, überhaupt die mög.
lichste Gleichheit aller Staatsbürger und
aller Staatsformen in den verschiedenen
Lebenskreisen und den verschiedenen Län«
dern seines Staates, waren der Haupt'
gesichtspunct, aus welchem er das Glück
der seiner Leitung anvertrauten Völker be«
trachtete und den er, so viel es ihm mög»
lich, festzuhalten strebte. Die starre Unbe-
weglichkeit der alten Staatseinrichtungen
bei Lebzeiten seiner erlauchten Mutter
zu brechen, war ihm aber nicht möglich;
und um einerseits das Unerquickliche der-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Guadagni-Habsburg, Band 6
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Guadagni-Habsburg
- Band
- 6
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1860
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 502
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon