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Habsburg — Joseph 321 Habsburg — Joseph
stantinopel würde stets ein Gegenstand der
Eifersucht und ein Grund der Zwietracht sein,
der jeden Verein der großen Mächte zu einer
Theilung der Türkei vereiteln müßte." —
Eines der merkwürdigsten Urtheile über die
Iosephinische Periode, in welches mittelbar
also auch der Kaiser eingeschloffen ist, finden
wir im zweiten Fascikel der „Antediluviani-
schen Papierschnitzel" (von 1842 bis 1847) des
Werkes: „Aus dem Wanderbuche eines ver-
abschiedeten Lanzknechtes". Das Urtheil, wel-
ches unrichtig Erscheinung und Wesen der
Sache identificirt, lautet an einer Stelle:
„Die Iosephinische Epoche sollte dem De-
mokraten, d. h. Volksmanne, noch ver-
haßter als vom Standpuncte des Aristo-
kraten erscheinen. Dem Aristokraten griff sie
nur an den Beutel — dem Volke an das
Herz, denn im Herzen des Volkes klingen
zwei Stimmen vernehmlich, es ist die Mutter-
sprache, d. h. die Sprache, welche die Mutter
zum Kinde sprach — dann die Worte, mit
welchen der Priester ihm Trost und Hilfe von
Oben zusichert. Wer diese beiden Zungen aus
dem Halse reißt, ist ein Hochverräther an Volk,
Nationalität und Kirche — Glaube an seine
Nace und seinen Gott sind Heiligthümer des
gemeinen Mannes, der sie ihm raubt, versün-
digt sich mehr an ihm, als an dem Fürsten und
Grafen,'dessen Wappenschild er in den Staub
tritt. Ich will nicht eben behaupten, daß ich
täglich in die Frühmesse gehe, und noch weni-
ger, daß ich nicht zuweilen gerne ein Glas
Champagner mitAccompagnement einer Trüf«
felpastcte zu Leibe nehme. Würde man mir
aber verwehren wollen, in die Messe zu
geben und mich zwingen, täglich Cham-
pagner zu trinken und Pasteten zu essen, ich
spränge zum Dachfenster hinaus, um in die
Kirche zu laufen, und man müßte mir die
Zähne ausbrechen, um mir den Champagner
einzugießen und die Pastete in den Hals zu
stopfen. So kommt mir aber die Iosephinische
Epoche vor und noch dazu war es mit dem
Champagner und den Pasteten auch nicht so
ganz richtig, und die Herren Philosophen
hatten allerhand Teufelsdreck und Laugensalz
beigemischt, welches sie nicht wie bei der Hoch«
zeit zu Canaä zu trinkbarem Weine zu verwan-
deln verstanden." ^Welch' eine einseitige Kennt-
niß der Iosophinischen Periode, welch' eine
unzulängliche befangene Beurtheilung des
Iosephinischen Geistes und Charakters! Wem
in der Iosephinijchen Periode überhaupt und
wann dem Kaiser selbst, als dem eigentlichen
v. Wur; bach, biogr, Lerikon. Vl. Vertreter derselben ist es eingefallen, irgend
Jemanden den Glauben an seine Race und
seinen Gott zu nehmen? Dem Volke hätte
Joseph an das Herz gegriffen, dieser Jo-
seph, der im Herzen des Volkes fortlebt und .
leben wird, wenn längst alle antediluvianischen
Papierschmhel in alle vier Winde verweht sein
werden. Woher denn diese unauslöschliche
Dankbarkeit des Volkes gegen einen Monar-
chen, der ihm, nach des Landsknechtes Ansicht,
seine heiligsten Güter zu rauben beabsichtigte?
Woher dieses begeisterte Gedenken des großen
Fürsten, vor dessen Standbilde die Ausländer
den Kopf entbloßen, wenn sie davor vorbeige-
hen? Woher die Verherrlichung in der Wissen-
schaft. Kunst und Poesie, die d?m Kaiser seit sie<
ben Dezennien ununterbrochen gezollt wird,
und welche sich mit jedem Jahre steigert? Halte
Maß in allen Dingen! rief ein griechischer
Weise; auch ist es nicht genug, daß man geist-
reich urtheile; man urtheile vorerst gerecht. —
Blätter für literarische Unterhaltung (Leip«
zig. 4°.) 1833, Nr. 49.- „Ein Ausspruch des
„Vsliud'ii'sk-i'svisn" über Kaiser Joseph".
— Sonntags blätter, herausgegeben von
Dr. L. A. Frankl , I I I . Jahrg. (1844),
Nr. 1 : „Bei Joseph I I . " , von Franz
Graffer. sGräffer schildert in seiner
bekannten Weise mit lebendigen Farben eine
Audienz, in welcher er nacheinander den Hof«
rath von Keeß, von Born, Wucherer und
Grossing, Feßler und Baron von Tren k
vorführt.) — Gräffer (Franz), Iosephi-
nische Curiosci, I. Bändchen, S. 106—127:
„Iosefthinische Memorabilien von dem 1810
verstorbenen Hofrath von Bretschneider" ^eine
sehr freimüthige Charakteristik des Kaisers I 0«
seph, mehr des Menschen, als des Kaisers);
S. 138: „Rhapsodien über Kaiser Joseph".
Von Friedrich Karl von Moser, Handschrift«
lich an einen Freund, der dann (1816) Einiges
davon veröffentlichte; — V. Bdchn-. S. 32:
„Friedrich I I . über Joseph I I . " ; S. 64:
„Kaiser Joseph als Mensch; sein Privat'Cha.
rakter; seine Lebensweise und Gewohnheiten;
seine Neigungen und Eigenheiten und seine Per-
sönlichkeit überhaupt". — Das Linzer W0-
chen-Bulletin, VIII.Iahrg. (1855).Nr.33:
„Kaiser JosephII." ^aus Casti's ^Ismorio
6i Vionna"). — Diese Abtheilung, nämlich die
Aufzählung und Mittheilung der Urtheile über
Kaiser Joseph, könnte ungleich weiter aus-
gedehnt werden, ja sie könnte den Umfang
eines stattlichen Bandes annehmen; alle —
die kleine Zahl der abweichenden kann nicht
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Guadagni-Habsburg, Band 6
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Guadagni-Habsburg
- Band
- 6
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1860
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 502
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon