Seite - 428 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Guadagni-Habsburg, Band 6
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Zabsburg — Leopold 428 Habsburg — Leopold
Anstand, sich als Kaiser an die Spitze der
noch bestehenden Leopoldinischen —nach
ihm so benannten — naturforschenden
Gesellschaft zu stellen; um vollständige
Specialgeschichten der deutschen Reichs'
lande zu erhalten, stiftete er das sogenannte
kaiserliche Kollegium der Historie. Auch
die Kunst fand an ihm einen thätigen
Mäcen; auf seine Veranlassung begründete
Weigl das Collegium der Künstler und
Mathematiker in Nürnberg. Die höchste
Probe seiner Rcgentenweisheit lieferte er
mit seinem, dem Geschichtslehrer seines
Sohnes Joseph, Freiherrn Wagner
von Wagenfels, ertheilten Befehle,
in der für den Kronprinzen abzufassenden
Geschichte seiner Zeit alle Staatsfehler,
die er begangen hatte, getreulich anzu«
geben; wie er dasselbe dem Grafen
Johann Quintin von Jörg er befahl,
welcher die Begebenheiten seiner Regie»
rung niederschrieb. Unter den Künsten
liebte er vornehmlich die Musik; er hielt
seine eigene Capelle, bestehend aus den
ausgezeichnetsten Italienern, und zwar
nicht allein für Kirchenmusik, sondern
auch für Opern und Schäferspiele, die er
am Hofe aufführen ließ. Scenerie und
Garderobe waren dabei außerordentlich
prachtvoll. So kostete die Inscenesetzung
einer solchen Oper: ,^11 I>oino ä'oi-o" (der
goldene Apfel), 100.000 Gulden. Nach
Graf Mai läth betrug der GehaK der
kaiserlichen Hofmusikanten jährlich 44.730
Gulden, wozu jedoch oft Remunerationen
kamen. Leopold trieb überdieß selbst
Musik: „er spielte die Flöte und compo«
nirte fthr artig." Sein Capellmeister
machte ihm einst das Compliment: „Wie
Schade ist es', daß Ew. Majestät kein
Musikus geworden sind." Gemüthlich
antwortete der Kaiser: „Thut nichts,
Haben's halt so besser!" ... Ein Spinet,
auf dem Leopold in seinen Ruhestunden sich ergötzte, stand an allen den vier
Orten, wo er im Laufe des Jahres
abwechselnd zubrachte, zu Wien in der
Burg im Winter, in Larenburg im
Frühling, in der Favoriie (Wien) im
Sommer und in Ebersdorf im Herbste.
Nicht selten dirigirte er, umgeben von
semem Hofstaate und den fremden. Gesand»
ten, in der Burgcapelle von seiner Loge
herab mit Taktschlägen. Claudia, die
zweite Gemalin Leopold's (l663 mit
ihm vermalt) j^ s. d. Nr. 47^, spielte eben-
falls mehrere Instrumente und sang dazu.
Dieß trug nicht wenig dazu bei, sie dem
Kaiser vorzüglich werth zu machen. Sie
benutzte die Opernaufführung gelegentlich,
um ihrem Gemale Dinge zu sagen, die er
nicht anderswo hören mochte. So ließ
sie einmal das Stück: »1^2. I^ntsrna äs
OioFsnk" aufführen und dabei dem Kai-
ser als Alexander Magnus die Gebrechen
des Hofes vor Augen stellen. Kaiser
Leopold sammelte auch die Werke der
berühmtesten Kirchen- und Ouerncompo-»
nisten seiner Zeit und ließ sie in Perga-
ment binden, sie bilden die
stärkste Samm-
lung in Europa und befinden sich in der
kaiserlichen Hofbibliothek. Ueberdieß hat
er selbst mehreres, darunter treffliche
Madrigale und Kirchengesänge componirt.
Sogar auf seinem Sterbebette bewahrte
Leopold seine leidenschaftliche Vorliebe
für Musik: als er am 3. Mai 4705 dem
Verscheiden nahe war und sein letztes
Gebet verrichtet hatte, mußte seine Capelle
noch einmal eintreten. Sie spielte ihm
noch einmal, das letzte Mal, und er
verschied unter den sanften Tönen der
Instrumente. Leopold starb im 63.
Jahre seines Lebens, nachdem er 30 Jahre
die ungarische, 49 die böhmische und 47
die Kaiserkrone getragen und 16 Könige,
2 in Spanien, 2 in Portugal, 3 in Eng-
land, 3 in Polen, 3 in Schweden, 3 in
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Guadagni-Habsburg, Band 6
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Guadagni-Habsburg
- Band
- 6
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1860
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 502
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon