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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Hartmann-Heyser, Band 8
Seite - 177 -
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Seite - 177 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Hartmann-Heyser, Band 8

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177 Oedbel denn in seinem Haschen nach Originalität spricht sich kein Genie aus; er ist originell, aber nicht im guten Sinne. Die frühen Schwachen des jugendlichen Schi l ler , die Seltsamkeiten Shakespeare's tausendfach überbietend, fast in den scheingenialen, burschikosen Ton des unglücklichen Dramatikers Grabbe und der neueren Nachäffer desselben verfallend, giebt er nichts als Karnkaturen oder, wie in seiner sehr untragischen „Judith" Puppenkomödien, artige Charaktere, die gemein, eckelhaft und widerwärtig sind. Idealische Größe und echt poetische Anschauung ist ihm fremd; alles ist bei ihm zerflossen und zerfahren, ausgenommen die auf den gemeinen Haufen berechnete theatralische Wirkung; auf drastische Wirkung hat esHebbel lediglich abgesehen, aNcs Neblige ordnet er diesem Zwecke unter." — Hettner bemerkt in einem Aufsatze: „Hebbel und die Tragikomödie", aus Anlaß dessen, daß Hebbel sich beschwert, sein „Trauerspiel in Sicilien" sei nicht verstanden worden, da man es für eine Tragödie, statt für eine Tragikomödie gehalten habe: „Das Geheimniß der Hcbbel'schen Tragikomödie ist die Cri minalgeschi ch te. lind damit ist dieser neuen, mit so viel Pomp angekündigten Kunst» gattung ihr Urtheil gesprochen. Traurig genug; aber wenn irgendwo, so kann man an Hebbel die Pathologie unserer Zeit studieren. Eine reiche ursprüngliche Dichternatur durch falsche Geniesucht zu carikirter Maßlosigkeit, ja zu fratzenhafter Höflichkeit aufgestachelt — wahr« lich eine solche Erscheinung wäre tragisch, wenn man nicht versucht sein sollte, nach Hebbel's eigenem Vorgange, sie lieber tragi« komisch zu nennen," ^Blätter f. lit. Unterhal- tung 1851, S. 8.^ — Arnold Rüge in einem Aufsatze, betitelt: „Der Geist unserer Zeit", welcher in der periodischen Schrift: „Das Jahrhundert" 1837, S. 17, abgedruckt stand, schreibt über Hcbbel: „Das Talent zu charakterisircn und seine'rohe Welt ftsycho« logisch richtig und interessant zu entwickeln ..., besitzt auch Hebbcl, der Dramatiker, ein Mensch, der eine ehrliche Neigung zur Poesie hat, aber immer bis über die Ohren in den Schmutz taucht, um ihre Perlen dort zu suchen; er hat Charaktere und ihre Entwicklung, oder vielmehr die Entwicklung des Drama's durch die Charaktere, wie in der „Maria Mag» dalena" hervorgebracht, abcr cs ist immer ein Wurm darin; der Fehltritt der Heldin, der Maria Magdalena z. B.. ist nicht erklärt, weder aus dem Charakter, noch aus Umständen, v Wurz b a ch, biogr. Lerikon VI I I . j^ Ged Und alle Producte Hebbel's fallen aus der Region heraus, wo der Mensch crst ein mensch, liches Interesse einflößt. Ohne Gemeinheit geht es nicht ab, und wenn er ganz gemein sein will, wird er verrückt und abgeschmackt, wie in „dem Diamanten", „derKuh"(eine Novelle Hebbel's), „dem Trauerspiel in Sicilien" oder wie diese Tollhausproducte heißen." — Hennebcrger (August). Das deutsche Drama der Gegenwart (Greifswalde 1853), beurtheilt neben anderen Dramatikern der Gegenwart auch Hebbel; Henncberger geht mit dem Dichter sehr scharf in's Gericht und zählt Hebbel's Sündenregister (bis 1833) ziemlich vollstän- dig auf. Eigenthümlich stimmt es aber nach einer sechs Seiten langen ganz un^ barmherzigen Strafpredigt zu vernehmen.- daß der also Gescholtene schließlich den- noch ein ganz vortrefflicher Kerl sei. — Ein Kritiker des Hebbel'schen Stückes: „Gyges und sein Ring" schreibt in den „Blät- tern für literar. Unterhaltung 1836, S. 640: „Hebbel hat sich wahrlich über die Stimmung des deutschen Publikums seiner Proouction gegenüber nicht zu beklagen; es könnte aber ein Tag kommen, wo seine Launen die glan» zende Gestalt, in welcher er sie zu bannen weiß übersehen lassen und die allgemeine Bewun« derung fich von ihm wendet; die „Agnes Ber» nauerin" wird nicht vergessen werden, denn sie ist warme vulsirende Menschheit und Deutsch- heit; . . .Hebbel aber — wir rufen es ihm geradezu entgegen — versündigt sich an seinem Genius, wie an der deutschen Nation, wenn er statt für die letztere zu arbeiten und zu schassen, seinen literarischen Launen die schönsten Jahre seiner dichterischen Schöpferkraft opfert." — Tai l landier, der wie bekannt, sich viel mit deutscher Literatur befaßt und für seine Lucu» brationen immer Spalten in der „Nsvus äs äsux mouclsä" zur Verfügung hat, sagt unter anderem über Hebbel: „Ein Dichter der Zukunft ist auch Friedrich Hebb el,ein echter Dichter, mächtige Phantasie, aber durchaus entblößt von dem Gefühle der Realität, ohne welche das Theater unmöglich ist. Eines von den Dingen, welche diese „Dichter der Zukunft" kennzeichnen, ist ihr Widerwille gegen die Ne« dingungen der Bühne. Damals brachte Heb« b el seine Werke auf die Bühne und er that es oft mit einer besonderen Kühnheit, er verhehlte nicht seine Verachtung der scenischen Conue- nienzen. Ich weiß nicht, wann die Generation kommen wird, für welche H cbbel seine Dra» men verfaßt hat; gewiß ist es. daß heut zu 4. Dec. l2
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Hartmann-Heyser, Band 8
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Hartmann-Heyser
Band
8
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1862
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
514
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
Lexika Wurzbach-Lexikon
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