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Aainerftarfer 336 Kainerftorfer
Linz 23.Mai 1837). Eine jener unglück-
lichen menschlichen.Naturen, die in ihrem
Streben das Ideal der Kunst zu erreichen,
dem Dämon des Wahnsinns verfallen,
und in der gräßlichen Ironie des Ge»
schickes mit ihrem Dränge nach oben tief
unter die Menschlichkeit herabsinken.
Johann Mathias war der Sohn
eines Krämers in Kirchdorf, dem die
Mittel fehlten, seinem strebenden Sohne
eine seinen Talenten angemessene Grzie»
hung zu geben. Die Elemente der Musik
erlernte er bei dem Organisten in Kirch-
dorf, Herrn Mathe, außerdem bildete er
sich selbst und trieb neben der^Musik mit
allem Eifer mathematische ^tuHien.
Schon im Alter von 16 Jahren verstand
er es, ein Concert zu instrumentiren und
18 Jahre alt, schrieb er eine Oper
„Adelsucht und Eitelkeit" für eine wan-
dernde Schauspielertruppe, erhielt aber
weder ein Honorar noch seine Partitur
wieder. Indessen verlor sein Vater sein
kleines Vermögen und K. war auf sich
selbst angewiesen. Er ging nun nach Linz,
hörte dort den pädagogischen Iehrcurs
und erhielt nach dessen Vollendung eine
Schulgehilfenstelle in Lambach, welche
ärmliche Stelle in jenen unruhevollen,
durch Kriegsereignisse vertheuerten Zeiten
ihn nur kümmerlich ernährte. Endlich
wurde der Prälat von St. Florian auf
ihn aufmerksam und ernannte ihn mittelst
Decret zum Organisten im Stifte, welche
Stelle K. am 17. Juni 1796 antrat.
Auf diesem Posten, der ihm die Sorge
für die nöthigsten Lebensbedürfnisse
ersparte, in diesem Stifte, in welchem die
Pflege der Kunst und Wissenschaft tra-
ditionell ist, benutzte K. die Muße zur
Ausbildung in der Musik, verlegte sich
aber vornehmlich auf die Akustik, weil er
bei diesem Studium auch seine mathe«
malischen Kenntnisse anwenden konnte. Als Organist brachte er es zur Meister»
schaft und erntete daS Lob eines Michael
Haydn und Beethoven, als Ersterer
am 14. Juni !798 in St. Florian selbst
die Orgel spielte und Letzterer im Jahre
1816 Linz besuchte. Als im Jahre 1806
der berühmte Abb6 Vogler im Stifte
St. Florian sich befand und sein merk-
würdiges Tonstück „Das Donnerwetter"
spielte, lehnte K. an einer Säule starr
und sprachlos, deren Tönen horchend'
seine Gehimnerven waren auf das Höchste
gespannt. Nach beendetem Spiele warf
Vogler die Bemerkung hin: „Ein Ton-
künstler. der die höchste Zinne des Ruh-
mestempels erklimmen will, dürfe nur
von Brot und Wein leben". Das ver«
hängnißvolle Wort war gesprochen. Am
nächsten Morgen, in aller Frühe, als noch
Alles schlief, horte man die große Orgel
spielen, es war als ob ein überirdisches
Wesen die Tasten schlüge. Man erkannte
bald Vogler's „Donnerwetter". Vog.
ler selbst sprang erschreckt aus dem
Bette und rief außer sich: „Entweder
istes meinGeistoderderTeufel".
Die Chorherren eilten in die Kirche und
fanden Kainer st orfer nackt auf der
Orgel, Brot und Wein auf dem Noten-
pulte. Dieß war der erste Anfall des
Wahnsinns. Wohl kam K. wieder zu sich.
vertiefte sich aber immer mehr in's
Studium des Contrapunctes und der
Akustik, lehnte jede Nahrung ab und trank,
um sich aufzuregen, den besten Wein und
stärksten Kaffee. Die Folgen ließen nicht
lange auf
sich
warten, er verfiel in tobenden
Wahnsinn und mußte nach Linz in's
Spital der barmherzigen Brüder gebracht
werden. Eine sorgfältige Behandlung und
Pflege gaben ihm die Gesundheit wieder,
und er kehrte in das Stift nach St. Florian
zurück. Dort blieb er nun ein paar Jahre,
setzte seine Studien steißig aber mit mehr
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Jablonowski-Karolina, Band 10
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Jablonowski-Karolina
- Band
- 10
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1863
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 524
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon