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Paradis 288 Paradis
tanzte in jüngeren Jahren mit voller
Grazie kunstreiche Menuetts und lernte
statt schreiben setzen. Der berühmte Me>
chaniker Kempelen sBd. XI , S. 138^
hatte für Therese eine eigene Presse
sinnreich coristruirt und sie in den Stand
gesetzt, ihre Briefe selbst zu setzen und zu
drucken. Es sind mehrere solche typo<
graphische Briefe des Frauleins von
Paradis bekannt und mit Herrn
Weissenburg in Mannheim hatte
Therese einen längeren typographischen
Briefwechsel geführt. I n Wien lebte sie
bis zu ihrem im Alter von 63 Jahren
erfolgten Tode allgemein geachtet und
ob ihrer Kunstfertigkeit als blinde Kunst«
lerin bewundert. Seit ihrer Rückkehr
von der letzten großen Kunstreise, 1786,
übte sie ihre Kunst mehr im häuslichen
Kreise als öffentlich. Nur selten trat sie
in Concerten auf. wie z. B. in den Aka-
demien der Tonkünstler-Societat. 1787
und 1790. Ueber ihr Spiel und ihren
Gesang herrschte nur eine Stimme, erste-
res bekundete eine Fertigkeit, die bei
einem Sehenden angestaunt worden
wäre, geschweige bei einem Blinden. Sie
spielte die schwierigsten Stücke, so u. a.
die verwickelten und für die gewandtesten
Spieler schwer zu bewältigenden Fugen
von Händel. Ihr Gesang war unge>
mein rührend, und der Ausdruck, den fie
in jeden Ton zu legen wußte, erfaßte in
wunderbarer Weise tief die Gemüther.
Sie hatte auch Mehreres componirt und
dictirte ihre Compositionen Note für
Note in die Feder. Von ihren zum Theile
im Stiche erschienenen Compositionen
sind bekannt: „Pkeft'el's Gedicht: Gherese
ullnPüradis, ihr selbst gewidmet", im 3. Jahrg.
(1786). Nr. 8, von Bibras' „Journal
von und für Deutschland"; — „Vier
l5lllnirr5llülltrn" (Amsterdam 1778) ; —
er, ant ihrer Aeisr in Nlnsik ge- seht" (Leipzig 1786), auf diesem Ton-
stücke befindet sich ihre Silhouette, das
einzige Bildniß, das von ihr vorhanden
ist; — „An meine entfernten Uieurn , tiir's
Olauier" (Leipzig 1786); — „Bürgers Kimre,
mit Begleitung des Klaviers" (Wien 1790);
— „Zlriadne nnb Nachns", Drama in einem
Act, als Fortsetzung der „Ariadne auf
Naxos", Text von Riedinger. zuerst
auf einem Privattheater, dann aber auf
dem National-Theater in Wien, 1791,
mit großem Beifalle aufgeführt; — „Ner
Schnlcandikllt", Operette; ebenda aufge«
führt, 1792; — „ ^5 Fon^ss ^on?- ?s
O7av.">0x. l (Paris 179l, beiImbault);
— „IT^Hona^sö ^on?' ?s 6?«v.", Op. 2
Melier". 1790 für B land in London,
wo sie wohl auch gestochen worden, wenn
diese nicht mit den vorerwähnten „Zwölf
Liedern auf meiner Reise" identisch sind;
— „Grllner-Gantllte ank Bropold den Gütigen,
tiir'5 Clauier" (Wien 1792. bei Kozeluch);
— „Deutsches Mannment Dntmig's ür5 Nn-
glücklichen am ersten Jahrestage des »Tlltles
Mdllch's XVl."; zum Besten der kais. Sol'
datenwitwen. Große Cantate, zu Wien auf
dem National'Theater aufgeführt, 1794.
Für's Clavier gestochen (ebd.); — „Nin»ldll
unll Ilcina". Oper, aufgeführt zu Prag 1797.
Merkwürdig war ihr in fast unglaub-
licher Weise entwickelter Tastsinn, wovon
Zeitgenossen das Folgende berichten: Sie
verfertigte Spitzen, schob gern und nicht
ohne Glück Kegel; sie liebte daS Theater
leidenschaftlich und trat selbst auf dem
Liebhabertheater mit vielem Glück in man»
chen Rollen auf. Sie bemerkte die An«
näherung fremder Personen und urtheilte
richtig über deren Entfernung, Form
und Größe. Besonders deutlich nahm
sie es wahr, wenn sie sich oinem größeren,
im Wege stehenden Körper näherte. Eie
ging im Hause wie eine Sehende umher.
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
O'Donnel-Perényi, Band 21
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- O'Donnel-Perényi
- Band
- 21
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1870
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 542
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon