Seite - 235 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Prokop-Raschdorf, Band 24
Bild der Seite - 235 -
Text der Seite - 235 -
Nahl 238 Nah!
Hauptmomente seines Lebens in jener
Kürze zusammengefaßt, wie sie der Zweck
dieses Werkes verlangt. ES bleibt nur
mehr Weniges zu sagen übrig. Als Cha>
rakter war R. eine durchaus eigenartige,
selbstständige, unbeugsame Natur. Sein
ganzes Wollen und Thun war von un»
unterbrochen fortschreitender Geiftesbil»
düng beherrscht. Homer war seine Bi>
bel, Geschichte seine Lieblingslectüre. und
alleS Neue. was Epoche machte, so selbst
Darwin'S Werk, zog ihn an und fesselte
seine Aufmerksamkeit. Mit großer Uner»
schrockenheit, ja mit Selbstbewußtsein in
feinem Auftreten verband er eine seltene
Gabe der Rede. Einer seiner Biographen
schreibt über ihn: er hatte glanzende und
dunkle Eigenschaften, und keine derselben
war ihm fragmentarisch verliehen. Er war
umgänglich und mittheilend. Allzu reich,
um zu kargen, gab er willig uon seinen
geistigen Schätzen und seinen Erfahrun-
gen in der Kunst, und verschmähte nicht
zu empfangen, wo er längst besaß. Ein
Urtheil, ein leitendes Wort von ihm hat
Männer und Jünglinge. Schüler und
Künstler oft mehr als jahrslange An»
strengungen gefördert. Er kannte wie
jeder Tüchtige seinen Werth und ließ sich
davon nichts nehmen. Rahl war unter
seinen Collegen gefürchtet, denn er tadelte
scharf; aber ein Lob uon ihm galt viel.
Seine Logik war unbezwingbar, seine
Rede klar wie sein Denken. Wenn er
aber von großen Werken der Kunst oder
der Dichtung, wenn er uon Griechenland
sprach, dann waren seine Worte Begeiste»
rung, die jedermann fortriß. Schwäche,
Heuchler» und Pharisäerthum waren ihm
Greuel in der Kunst wie im Leben. Un-
bittlich ging er diesem modernen Krebs,
schaden zu Leibe, und wenn er Leute traf,
welche, aller Wärme, Kraft und Leiden»
schaft bar, bei jeder Kraftäußerung, bei jedem Leidenschaftsausbruche sich lugend-
lich entsetzen, und in ihrer moralischen
Entrüstung berechtigt zu sein vermeinten,
zu tadeln und zu richten, so brach er
nicht selten mit den Worten Heinc's
aus: „O, daß ich große Laster seh', Ve»
brechen blutig, kolossal, nur diese
satte Tugend nicht und zahlungsfähige
Moral!". Er genoß auch des Lebens und
der Liebe nach seinem Vermögen. Seine
Religion war die Kunst und sein Gebet»
buch die Geschichte. Aus diesem schöpfte
er Trost, wenn ihn das deutsche Glend
bekümmerte. Von der Sonne, die in
Amerika wieder aufging, hoffte er Erlö>
sung seines über AlleS geliebten Volkes.
Von seiner äußeren Erscheinung entwirft
Nogtein köstliches, aber trefflich gezeich»
neteS Bild. Rah l war, schreibt Vogt .
ein corpulenter breitschultriger Mann,
dem die musculöse Urkraft aus jedem
Gliede schwoll, und über dieser Trutzge»
stalt ein Kopf, häßlich und anziehend
zugleich, etwas uom Eber, aber mit der
Stirne eines Denkers! Kleine tiefliegende,
braunstrahlende, etwas mongolisch schief»
geschlitzte Augen unter einer hohen und
breiten, seltsam durch kleine weiße Linien
gewirkten Stirn ^), auf deren Mitte ein
Büschel dunkler Haare saß, ein breiter
Mund mit aufgestülpten, hellroth glän»
zenden Lippen, aus denen einige scharfe
Zähne hervorblinkten; ein struppiger
Borstenbart, der sich bis über die Backen
hinaufzog. Man erschrack fast bei dem
eisten Anblicke, so überraschte die wilde
ungezähmte Kraft, die in diesem Gesichte
sich aussprach! Aber bald fand man
) Diese kleinen Linien wnren Narben von
Wunden, welche uon einem Räubcrüberfalle
in Ungarn herrührten, wo Rahl auf den
Roden geworfen ward und die Strolche auf
ihm wie auf einer Tenne mit den Füßen her-
umtrampelten und ihm mit den Sporen den
Kopf zerhackten.
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Band 24
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Prokop-Raschdorf
- Band
- 24
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1872
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 450
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon