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Klänkungen zufügte. Durch dieses uner
wartete Vorgehen eingeschüchtert, endlich
ermüdet, beschloß R. neuerdings der
Heimat den Rücken und nach Kieiu
zurückzukehren. Da sich ihm aber auch
dort wenig Aussichten auf eine entspre
chende Wirksamkeit darboten, so beschloß
er !n den Orient zu wandern, theils um
seine Studien zu vervollständigen, theils
»m i» den Klöstern des Orients Forschun
gen über die altere Geschickte seines
Volkes anzustellen. Kaum mit den noth»
dusligsten Mitteln zur Reise ausgestattet,
begab er sich nach Konstantinopel, welches
er aber bald wieder verlassen mußte, weil
dort eben die, Pest wüthete. Tr setzlenun
sein Vorhaben, den Klosterbesuch, in's
Werk. Er begab sich nach dem Berge
Athos und sprach zuerst im Kloster Chi
lendar ein. Da begegneten ihm die
Mönche mit Unfreundlichkeit und Rohheit
und ließen ihn kaum einen Blick thun in
die kostbare», alten Urkunden und Denk
mäler, welche daselbst aufbewahrt wer
den und reiche,Ausbeute zur Aufhellung
der älteren serbischen Geschichte verspra«
ä>en. Voll Unwillens und in seinen
Hoffnungeil getauscht verließ R. die arg-
wöhnischen, zelotischen Einsiedler und
begab sich, um sein Glück nochmal zu
versuchen, in das Kloster Detschan, wo es
ihm aber m'cht um ein Haar besser erging,
als im vorigen.' Unverrichtcter Dinge
trat er demnach die Rückreise an und
langte über Belgrad im Jahre 1738 in
Karlowih an. Hier schien sein LooS im
Anbeginn sich freundliä'er zu gestalten.
Man trug ihm eine Lehrerstelle an, die
er auch annahm, und nun begann R.
seine Wirksamkeit, und zwar in reforma»
torischer Weise, weil es ihm unmöglich
war, im hergebrachten Schlendrian nur
einigermaßen Ersprießliches zu leisten.
Der alte Verfolgungsgeist war jedoch neuerdings erwacht, und zuletzt gestalteten
sich die Verhältnisse für R. in so drohen»
der Weise, daß er. um den Gefahre» für
seine Person sich zu entziehen, genöthigt
war, 1761 die Flucht zu ergreifen. DaS
nächste Ziel seiner Flucht war Temesvar,
wo er endlich an dem geistvollen und
hochsmnigen Bischof Vincenz Vidak
einen Mäcen fand, wie er ihn brauchte.
Der Bischof übertrug ihm sofort den
Unterricht der zu seinem Kirchensprengel
gehörigen Kleriker. Aber trotz der Patr»
nanz des edlen Kirchenfürsten blieben
auch in dieser Stellung die Verfolgungen
,nicht aus. Sein Wirken auf dem Posten
war von den besten Erfolgen begleitet,
und der Bischof verlieh ihm in Anerken»
nung seiner Leistungen die Stelle eiueS
Archimandriten in dem griechifch»nicht'
unirten Kloster zu Kovil. Jedoch eben
diese Beförderung weckte nun umso mehr
den Neid und das Mißbehagen seiner
zahlreichen Gegner, und es kam so weit,
daß selbst der Vrzbischof, der übrigenü
dem gelehrten Piofessor nie sonderlich
zugethan gewesen, seine Mißbilligung
über diese Beförderung dem Bischöfe
Vidäk zu erkennen gab. R. selbst lebte
auf diesem letzten Posten ganz zurück»
gezogen seinem priesterlichen Berufe und
den gelehrten Studien, die er in der
Muße des Klosterlebens mit allein Eifer
betrieb. Fünfzehnmale soll ihm während
dieser Zeit die Würde eines Bischofs
angeboten worden sein, aber R , von dem
Treiben der Welt angewidert und durch
die unablässigen Verfolgungen seiner
Feinde eingeschüchtert, war nicht mehr zu
bewegeil, die unanfechtbare Stille seiner
Zelle gegen irgend einen äußeren Prunk
oder eine hervorragende Stelle in der
Welt zu vertauschen. Nahezu dreißig
Jahre brachte er in dieser Abgeschieden-
heit zu, bis ihm im Jahre 480l im Alter
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Band 24
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Prokop-Raschdorf
- Band
- 24
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1872
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 450
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon