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Anschauung brachte. In tiefer Erkenntniß deS
Volkes und seines innersten Gemüths wählte
er märchenhafte Stoffe, die dem Volle noch
weit näher liegen, als man fich gewöhnlich
einbildet; und wie Carlo Gozzi , ja in noch
glücklicherer Weise, verstand er die Märchen
welt mir den Zuständen unserer Zeit in die
innigste Verbindung zu bringen. Während
uns diese Welt in den Darstellungen der
Romantiler, die bei aller ihrer nationalen
Gesinnung durchaus nichts Volksthümlicheö
hatten, immer als schneidender Gegensatz z»r
Prosa unserer Tage, als eine der Wirklich»
lcit fremde Abstraction, als ein verlorenes
Paradies entgegen tritt, das wir zwar ahnen,
aber uns nicht aneignen können: erscheint sie
bei Raimund in aller jugendlichen Frische
und Wahrheit, wie sie sich nur im ewig
jungen Gemüth des Volkes abspiegeln kann.
Dieß konnte eben nur ein wahrer Dichter»
geist erreichen, der mit der reichsten Phan»
tasie die glücklichste Gabe der Gestaltung be>
saß, und ein Dichter, der bei hoher geistiger
Bildung zugleich vom tiefpoelischen Leben des
Volkes durchglüht war. Wie großartig seineGe»
staltungsgabe war, zeigt sich uicht blos darin,
daß alle seine Personen die märchenhaften,
sowie die, welche er aus der Wirtlichkeit ent,
nahm, mit der größten Wahrheit gezeichnet
sind, daß sie sämmtlich die vollkommenste
Individualität und Lebensfähigkeit besitzen,
sondern ganz besonders'darin, daß er selbst
allegorische Figuren, das Schwieligste, was
der dramatische Dichter wagen kann, mit dem
vollsten persönlichen Leben beseelt; wie uns
denn in seinen Dramen die Hoffnung, die
Jugend, das Alter in solcher Lebensfülle er<
scheinen, daß wir, wie ein Kritiker richtig be<
merkt, „wider unsern Willen gezwungen
werden, an sie zu glauben," Unter seinen
dem Leben entnommenen Personen, sind die
Diener und Kammermädchen mit großer
Liebe und Wahrheit gezeichnet. Meistens ist
es dieselbe Persönlichkeit nur mit uerönderlem
Namen, aber in einigen Stücken erscheint sie
mit trefflichen Modifikationen, so daß wir in
diesen Personen rin vollkommenes Vild der
unteren Stände nac!) ihren verschiedenen l^ r»
scheinunge» erhalten. Das österreichische Volk,
insbesondere die Wiener, sind in diesen Ge-
stalten mit der höchsten Wahrheit gezeichnet;
der,immer lebensfrische Humor, der uon dem
nordischen Witz sehr verschieden ist, weil er mit
einer liebenswürdigen Gutmüthigkeit vcibun>
den ist, die keineswegs der Krnft enlbchrt; die heitere, immer jugendliche Lebenslust, die
beinahe etwas Ländliches hat; der Gegen»
satz der äußeren Schwerfälligkeit mit geistiger
Lebendigkeit; alle diese Züge treten in den
Reden und Handlungen dieser Personen mit
der lebendigsten Anschaulichkeit hervor. Aber
auch in der Erfindung, in der Anlage und
Ausführung zeigt Raimund großes Talent;
seine Tramen sind reich an den schönsten
poetischen Motiven, an großartigen und eigen,
thümlichen Gedanken, an wirkunglvollen Si>
tuationen, in denen er eine wahrhaft geniale
Schöpfungskraft entfaltet. Seine Stücke sind
freilich nicht alle von gleichem Werth, viel'
mehr finden wir, daß er in stetem und mäch
tigem Fortschreiten begriffen war: denn ge>
rade die weniger gelungenen Stücke, die
nach unzweifelhaft besseren erschienen, wie die
„Gefesselte Phantasie", sind Beweise seines
eifrigen und gewissenhaften Strebens, da er
sich darin in neuen Bahnen und Anschauun»
trauern, daß er sich selbst vor der Zeit dem
Leben und der Kunst entriß, weil er gewiß noch
viel Bedeutenderes geschaffen und dem Volks'
schauspiel eine entschiedene Richtung gegeben
haben würde".
Nolfgang Menzel schreibt über Rai«
mund: Die Wiener Dichter des Leopold--
städter Theaters ließen ihre Märchenpossen
drucken. Bäuerle schrieb deren sehr viele in
dem normalen Localhumor. Raimund ver-
stieg sich in eine höhere Sphäre der Roman-
tik, und seine Tingspiele: „Der Alpenkönig",
„Der Vauer als Millionär". „DerVcischwen'
der" sind so lieblich, so echte Poesie, daß ich
sie zu den trefflichsten zähle, was unsere
Vühnr in der heitern Gattung besitzt. Dazu
Wenzel Müller's immer herzliche und froh-
liche Musik- Die ernstgestimmte Seele kann
keine wohlthätigere Zerstreuung finoen, als
wenn sie sich dieser lachenden Feerei hingibt,
hinter deren hinreißender Lustigkeit eine tiefe
Menschenkenntnis: und daü edelste Gemüth er>
kannt wird. Welches Volk hat eine» Dichter
wie Raimund?" —Später nach Raimund's
Tode, bei Gelegenheit der Nesprrchung der
von I . N. Vogl veranstalteten Ausgabe von
Naimund's Werken, schreibt Menzel: In
R a i m u n d hat Deutschland einen der liebens-
würdigsten dramatischen Dichter verloren.
Ohne aus der Eigenthümlichkeit der Leopold»
städter'Theatermonirr herauszutreten, ohne sie
durch vornehmere Zuthat zu verfälsche», hat er
sie doch dadurch veredelt, daß er die Geinütli-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Band 24
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Prokop-Raschdorf
- Band
- 24
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1872
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 450
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon