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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Prokop-Raschdorf, Band 24
Seite - 271 -
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Nllinwnd 271 Anschauung brachte. In tiefer Erkenntniß deS Volkes und seines innersten Gemüths wählte er märchenhafte Stoffe, die dem Volle noch weit näher liegen, als man fich gewöhnlich einbildet; und wie Carlo Gozzi , ja in noch glücklicherer Weise, verstand er die Märchen welt mir den Zuständen unserer Zeit in die innigste Verbindung zu bringen. Während uns diese Welt in den Darstellungen der Romantiler, die bei aller ihrer nationalen Gesinnung durchaus nichts Volksthümlicheö hatten, immer als schneidender Gegensatz z»r Prosa unserer Tage, als eine der Wirklich» lcit fremde Abstraction, als ein verlorenes Paradies entgegen tritt, das wir zwar ahnen, aber uns nicht aneignen können: erscheint sie bei Raimund in aller jugendlichen Frische und Wahrheit, wie sie sich nur im ewig jungen Gemüth des Volkes abspiegeln kann. Dieß konnte eben nur ein wahrer Dichter» geist erreichen, der mit der reichsten Phan» tasie die glücklichste Gabe der Gestaltung be> saß, und ein Dichter, der bei hoher geistiger Bildung zugleich vom tiefpoelischen Leben des Volkes durchglüht war. Wie großartig seineGe» staltungsgabe war, zeigt sich uicht blos darin, daß alle seine Personen die märchenhaften, sowie die, welche er aus der Wirtlichkeit ent, nahm, mit der größten Wahrheit gezeichnet sind, daß sie sämmtlich die vollkommenste Individualität und Lebensfähigkeit besitzen, sondern ganz besonders'darin, daß er selbst allegorische Figuren, das Schwieligste, was der dramatische Dichter wagen kann, mit dem vollsten persönlichen Leben beseelt; wie uns denn in seinen Dramen die Hoffnung, die Jugend, das Alter in solcher Lebensfülle er< scheinen, daß wir, wie ein Kritiker richtig be< merkt, „wider unsern Willen gezwungen werden, an sie zu glauben," Unter seinen dem Leben entnommenen Personen, sind die Diener und Kammermädchen mit großer Liebe und Wahrheit gezeichnet. Meistens ist es dieselbe Persönlichkeit nur mit uerönderlem Namen, aber in einigen Stücken erscheint sie mit trefflichen Modifikationen, so daß wir in diesen Personen rin vollkommenes Vild der unteren Stände nac!) ihren verschiedenen l^ r» scheinunge» erhalten. Das österreichische Volk, insbesondere die Wiener, sind in diesen Ge- stalten mit der höchsten Wahrheit gezeichnet; der,immer lebensfrische Humor, der uon dem nordischen Witz sehr verschieden ist, weil er mit einer liebenswürdigen Gutmüthigkeit vcibun> den ist, die keineswegs der Krnft enlbchrt; die heitere, immer jugendliche Lebenslust, die beinahe etwas Ländliches hat; der Gegen» satz der äußeren Schwerfälligkeit mit geistiger Lebendigkeit; alle diese Züge treten in den Reden und Handlungen dieser Personen mit der lebendigsten Anschaulichkeit hervor. Aber auch in der Erfindung, in der Anlage und Ausführung zeigt Raimund großes Talent; seine Tramen sind reich an den schönsten poetischen Motiven, an großartigen und eigen, thümlichen Gedanken, an wirkunglvollen Si> tuationen, in denen er eine wahrhaft geniale Schöpfungskraft entfaltet. Seine Stücke sind freilich nicht alle von gleichem Werth, viel' mehr finden wir, daß er in stetem und mäch tigem Fortschreiten begriffen war: denn ge> rade die weniger gelungenen Stücke, die nach unzweifelhaft besseren erschienen, wie die „Gefesselte Phantasie", sind Beweise seines eifrigen und gewissenhaften Strebens, da er sich darin in neuen Bahnen und Anschauun» trauern, daß er sich selbst vor der Zeit dem Leben und der Kunst entriß, weil er gewiß noch viel Bedeutenderes geschaffen und dem Volks' schauspiel eine entschiedene Richtung gegeben haben würde". Nolfgang Menzel schreibt über Rai« mund: Die Wiener Dichter des Leopold-- städter Theaters ließen ihre Märchenpossen drucken. Bäuerle schrieb deren sehr viele in dem normalen Localhumor. Raimund ver- stieg sich in eine höhere Sphäre der Roman- tik, und seine Tingspiele: „Der Alpenkönig", „Der Vauer als Millionär". „DerVcischwen' der" sind so lieblich, so echte Poesie, daß ich sie zu den trefflichsten zähle, was unsere Vühnr in der heitern Gattung besitzt. Dazu Wenzel Müller's immer herzliche und froh- liche Musik- Die ernstgestimmte Seele kann keine wohlthätigere Zerstreuung finoen, als wenn sie sich dieser lachenden Feerei hingibt, hinter deren hinreißender Lustigkeit eine tiefe Menschenkenntnis: und daü edelste Gemüth er> kannt wird. Welches Volk hat eine» Dichter wie Raimund?" —Später nach Raimund's Tode, bei Gelegenheit der Nesprrchung der von I . N. Vogl veranstalteten Ausgabe von Naimund's Werken, schreibt Menzel: In R a i m u n d hat Deutschland einen der liebens- würdigsten dramatischen Dichter verloren. Ohne aus der Eigenthümlichkeit der Leopold» städter'Theatermonirr herauszutreten, ohne sie durch vornehmere Zuthat zu verfälsche», hat er sie doch dadurch veredelt, daß er die Geinütli-
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Prokop-Raschdorf, Band 24
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Prokop-Raschdorf
Band
24
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1872
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
450
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
Lexika Wurzbach-Lexikon
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