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Napoport 388 Napoport
Seite, und dieser Beharrlichkeit gelang
es endlich, daß sich R. behaupten und
seine wüthenden Gegner zum Schweigen
zu bringen vermochte. Ungeachtet dessen
war eS ihm im hohen Grade willkom
men. als er im Jahre 1840 den ehren
vollen Ruf als erster Rabbiner und
Oberjurist nach Prag erhielt, den er
auch auf Anrathen seines Freundes
Per l , von dem es ihm eben schwer fiel,
sich zu trennen, annahm. Auch bei dieser
Berufung fehlte es nicht an Hindernissen
und wie in Tarnopol der finstere Fana»
tismus, so erhob sich in Prag ein Träger
der Intelligenz und des Fortschrittes
gegen Rapoport 's Berufung. Die
Sache verhielt sich nämlich so. R. hatte
im Jahre 4829 die von M. I . Landnu
bewerkstelligte Ausgabe der Lebenöbe»
schreibung des talmudischen Lexikogra»
phen R. Nathan bm Iech! el in Rom,
welcher Land au gelehrte Anmerkungen
beigefügt hatte, eincr scharfen Kritik,
welche er drucken ließ, unterzogen. I n
dieser Kritik bewies R. eine nicht geringe
Ueberlegenheil über Land au, der zur
Zeit von Rapoport 's Berufung al6
Rabbiner nach Prag daselbst als Vorsteher
an der Spitze der israelitischen Gemeinde
stand. 3 andau wollte nun zu R aPo>
po rt's Berufung durchaus nicht seine Zu»
stimminig geben, aber den Vorstellungen
des Oi-. S a ch s, der zu jener Zeit Prediger
in Prag war, gelang es, Land au um-
zustimmen, und so wurde R. für Prag,
aber auch für Land au selbst gewonnen/
der bald in R. den Man» von großer
Gelehrsamkeit und den Menschen von
edelster Sinnesart kennen und würdigen
lernte und mit ihm einen innigen Freund»
schaftsbund schloß, den nur der Tod
trennte. R. blieb in seiner Stellung in
Prag bis an sein im hohen Altec von
7? Jahren erfolgtes Lebensende. Nei Gelegenheit seiner 70jähr!gen Geburls»
feiei, im Jahre '4860, erhielt er von der
Gesammtgemeinde die Beweise einmüthi»
ger Theilnahme und Anerkennung seines
segensreichen Wirkeng in Adressen, Be>
glückwünschungen und Geschenken, auch
wurde er aus diesem Anlasse mit dem
Titel eines Ober > Rabbin erü ausge-
zeichnet. Wenn R. aber trotzdem in
Prag die gedeihlichen Folgen seiner Wirk»
samkeit nicht im gewünschten Maße sich
ausdehnen sah, so lag die Schuld nicht an
ihm, sondern an den traurigen Gemeinde
zustanden Prags, in denen die Zerklüf»
tungen einen derart ausgesprochenen
Charakter annahmen, daß in der Gemeinde
selbst mehrere sclbstständige Rabbiner
geschaffen wurden, wodurch denn ein uin»
heitlicheS segenöuolles Zusammenwirken
geradezu unmöglich wurde. I n die Zeit
seines Prager Aufenthaltes fallen zwei,
dnS Iudenthum und die erwachende Ne>
formbewegung desselben betreffende Mo.
mente, nämlich im Jahre 1848 die Na!>
bmer'Vcrsammiungeii zn Wiesbaden lind
zu Frankfurt a. M. Die Fortschnüs.
männer im Iud^nthume wollten die
hemmenden starren Fonnen, welche jcde
geistige Entwickelung im Schooße der
einzelnen Gemeinden erstickten, beseitigt
wissen. Der Frankfurter Reformverein
faßte seine Forderungen in folgende
H.niptpuncte zusammen: u,) Fonoil»
dungsfähigkeit deö Mosaismus, b) Vr»
welfung deS Talmud, o) Abschaffung
des MessiasglaubenS. Die Debatten un>
tor solchen Umständen wurden wichtig,
leidenschaftlich und jeder wünschenüwl,'»
then Reform hinderlich. Bei dieser Oe>
legenh'eit richtete nun R. an die Franl''
furter Versammlung ein eigenes Send»
schreiben, in welchem er jede Berechtigung
zu Reformen Übelhaupt bestreitct, wcil
dadurch zmiächsl eine höchst verderbliche
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Band 24
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Prokop-Raschdorf
- Band
- 24
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1872
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 450
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon