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Neinhold 223 Veinhold-
Anna aufgenommen. Binnen wenigen
Monaten hatte der kaum fünfzehnjährige
Jüngling die Denk» und Lebensweise
eineS lebensmüden Mönches angenom»
men, der die reinste Befriedigung in der
strengsten, abschreckendsten Ascese suchte.
Noch kein volles Jahr war verstrichen,
seitdem er die Schwelle deS Klosters
überschritten hatte, als die Aufhebung
des Ordens erfolgte, welche den Zöglin»
gen deü Kollegiums bei St. Anna am
12. September 1773 angekündigt wurde.
Ueber den merkwürdigen, dabei beobach»
teten Vorgang gibt uns ein Brief Rein-
hold's Aufschluß, den er am folgenden
Tage aus dem Probehause bei St. Anna
an seinen Vater gerichtet hatte. Dieses
in seiner Art einzige und in vieler Hin»
sicht höchst interessante Document ist
bereits öfter, und zwar in den Zwanzi>
gerjahren in dem von Ferdinand PH!»
l ippi redigirten „Mercur" , dann in
I . I . C. Pappe's „ Lesefrüchten" (Hain-
bürg, 8«.) 1826, Band IV , Stück 2,
zuletzt aber fragmentarisch in dem Feuil»
leton-Artikel: „Ein Jesuiten-Zögling",
von dem Professor an der Wiener Han»
dels-Akcidemie, Dr. Richter. abgedruckt,
welchen die „Neue freie Presse" 1866,
in Nr. 803 gebracht, die deßhalb — zum
Ueberstusse — confiScirt wurde, nachdem
bereits Tausende von Eremplaren im
Publicum verbreitet waren. Dieser Brief
deS 15jährigen Reinhold ist aber ein
Beweis der außerordentlichen Gewalt,
welche die Jesuiten über die Geister
übten und welchen Gebranch ste selbst
bei der ihrem Unterrichte anvertrauten
zarten Jugend davon machten. So zum
Beispiele klagte sich der 18jährige, man
kann wohl sagen Knabe Re inho ld ,
selbst an, daß sein ungeistliches Be»
tragen allein sträflich genug war, um
dieses schwere Unglück, als welches ihm die Auflösung des Ordens erscheint, her«
beizuführen, und doch gehörte er selbst
zu den steißigsten, sittsamsten und unter»
würsigsten Novizen. Welch' eine Ver>
irrung der knabenhaften Einfalt, sich mit
zur Ursache einer That zu machen, die in
höchsten Regionen der Staalweisen die
Lenker der Völker geplant und, einer
Forderung der Zeit gehorchend, zur AuS-
führung brachten! In welcher Weise den
Zöglingen diese Nachricht beigebracht
worden, erfahren wir gleichfalls auö
diesem Briefe. Die Novizen, schreibt
Reinhold , lagen betend vor dem Ein»
treffen der Bulle drei Tage und drei
Nächte lang auf den Knien und klagten
dem wunderthätigen Gnadenbilde der
seligsten Jungfrau, welches der Provin»
zial auf der Treppe des zweiten Stock»
Werkes im Annakloster prächtig geschmückt
aufstellen ließ. ein ihnen unbekanntes
Leid, und die ganze Zeit dieser Andacht
nahmen die Novizen ihre Speisen auf
dem Fußboden sitzend, die PatreS kniend
ein. Iur Buße setzten sich alle Glieder
deS Ordens Strohkranze auf daS Haupt,
Dorsal- und spanische Geißelung kam
alle Tage uor, all diese Bußen konnten
die Aufhebung nicht abwenden. Am
Tage vor dem oberwähnten 12. Septem»
ber, Donnerstag — daö Schicksal hatte
schon entschieden, die Patres wußten
bereits das Kommende, die Schatzkam»
mer war schon mit dem kaiserlichen
Siegel belegt — dn waren die Novizen
noch recht fröhlich im Herrn. Reinhold,
wie er schreibt, „gewann auf dem Billard
zwölf Ave Maria'S, welche Strot t»
mann, und auf dem Bosselplatze wie»
derum fünf andere, die Pol ler für ihn
beten mußte". Am Abende des nächsten
TageS war der Orden aufgehoben und
die Knaben wurden ihren Eltern zurück»
gegeben. „Mir siel", schreibt der kleine
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Band 25
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rasner-Rhederer
- Band
- 25
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1868
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 446
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon