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Neitzenberg 269 Neihenberg
versuchen, einging. Als ihn der Inten
dant des Dresdener Theaters, Graf
Vitzthum, auf dem Hoftheater auf
treten lassen wollte und ihm. alsReitzen
berg sich ihm vorstellte, bemerkte: ob
nicht sein Dialekt die Wirkung seines
Spieles beeinträchtigen werde, erwiederte
der durch diese Bemerkung verletzte Kunst»
ler: „o nein, Herr Graf Blitzdumm,
ich bin dialektfrei", und so ging es
elliche Male im Dialoge mit „Graf
Bl ihdumm" hin, mit „Graf Blitz
dumm" her, bis der Intendant, die
abfichlliche Beleidigung erkennend, das
Gespräch abbrach und N.. der mit
einer kleinen Summe abgefertigt wurde,
ziehen ließ. — Ein anderes Mal wettete
er: auf der Bühne den grellsten Unsinn
sprechen zu wollen, ohne daß es Jemand
bemerke. Und in der That verdrehte er
in „Kabale und Liebe" in der Scene mit
Lady Mi l fo r t die Worte: „Umgürte
dich mit allem Stolze deines Englands,
ich verwerfe dich, ein deuischer Jüngling"
in folgender Weise: „Nmengle dich mit
allem Gurte deines Stolzlandes, ich uc»
jüngle dich, ein deutscher Werfling",
ohne daß dieser groteske Unsinn im
Publicum bemerkt worden wäre. — Als
er ein ander Mal auf seinem ewigen
Wandern — für die DIrectoren bereits
ein Schlecken geworden — in einer
Stadt ankam und sich schnurstracks zum
Theaterdirector begab, der sich eben im
Kreise seiner Mimen befand, trat er auf
den Director zu und ihn vertraulich am
Rockknopfe fassend, redete er ihn an:
„Ich bin Neitzenberg", „Und was
soll'S?" erwiederte der vor Schreck —
da er Scandal roch — bestürzte Director;
Reitzenberg cntgegnete nun im Cha»
rakter deä Kapuziners aus den Räubern:
„Ein Wort an dich", und nun zu den
Schauspielern sich wendend: „Drei an die Bande". „Nun?" platzte der Di-
rector heraus, „Engagement!" entgegnete
Reitzenberg; „Nein", lief der Director
lakonisch — darauf drehte ihm Reihen«
berg den Rücken und sprach pathetisch
zu dem ihn umstehenden Personale: „So
macht Collecte". Diese wenigen Züge
von dem Hundert und mehr, die über
sein Leben in Schauspielerkreisen curfiren,
werden einigermaßen das Absonderliche
seines Thuns beleuchten. Nüchtern konnte
er die Bühne nicht betreten, erst wenn er
angetrunken, ließ er die Zügel seines
GeniuS schießen und dann spielte er
Rollen, wie den Walter in „Kabale
und Liebe", den Hamlet, den Kar l
Moor in den „Räubern" u. a. mit hin»
reißendem Zauber. Die Schauspieler
Moritz, Schikaneder waren seine
Freunde, die sich alle Mühe gaben, ihn
von dem Laster des Trunkes frei zu
machen, aber vergeblich. Ueber sein trau«
riges Ende berichtet Franz Wallner
in seinen „Rückblicken auf meine thea>
lralische Laufbahn" das Folgende: „Der
nordamerik.-mische General'Consul Bor n>
stein in Bremen besuchte auf einer
Reise nach Wien an einem bitterkalten
Wintermorgen des Jahres <889 einen
Freund im Dorfe Schwechat. Ueber einen
Feldweg bemerkte Börnstein einen von
einer elenden Mähre gezogenen Karren,
auf dem ein aus rohen Brettern zusam»
mengenagelter Sarg lag. Hinter dieser
Beitelleiche gingen ein paar Jungen und
ein Geistlicher. Auf die Frage, wer da
zur letzten Ruhestätte geführt werde,
erzählte der Priester, es sei ein fremder
Mann, der in äußerst zerlumptem Zu»
stände vor zwei Tagen in einem Pferde»
stalle theils verhungert, theils erfroren
gefunden worden sei. Seine sämmtliche
Habe bestand nebst den Lumpen, die er am
Leibe trug, in einem alten Theaterzettel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Band 25
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rasner-Rhederer
- Band
- 25
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1868
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 446
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon