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sie selbst so viel verdankte, gedachte,
während Tieck in seinen dramaturgi»
schen Blättern öfter in aufmunternder
und anerkennender Weise seiner Elevin
erwähnt. Zwei Jahre war Julie Gley
am Dresdener Hoftheater thätig gewesen,
und schon ergingen im Jahre 1827 an
sie Einladungen zu Gastspielen in Prag
und Hamburg. Aber ihre Blicke lichtete
sie damals bereits nach der Wiener Hof»
bühne, welcher das schöne Vorrecht, die
erste in Deutschland zu sein, wohl zu
jener Zeit Niemand streitig machen konnte.
Das Wiener Burg »Theater, damals
unter Schreyvogel 's gediegener Lei»
tung, besaß einen europäischen Ruf. Im
Winter 1828 war eS ihr endlich gegönnt,
zu einem Gastspiele nach Wien zu leisen,
welches in der Zeit vom 18. bis 19. De>
cembernurdreiRollen umfaßte, das M ad»
chen von Mar ienburg , in dem da>
maligen beliebten gleichnamigen Stücke
von Kra t te l , die Wi lhe lm ine in
Bretzner'S „Rauschchen" unddieIiene
in Schenk'S „Belisar". Dieses Gast.
spiel hatte kein weiteres Ergebniß als im
folgenden Jahre die Einladung zu einem
zweiten, in welchem sie nebst der letzten
der obgenannten Rollen noch die Jung»
frau von Or leans, die Thekla in
„Nallenstein", Hie Isabel la in den
„Quälgeistern", einer älteren Bearbe!>
tung von Shakespeare'S ,Viel Lär.
men um Nichts", und dieTl i fena in
„Wald von Hermannstadt", von Frau
von Weissentyurn, spielte und mit
dem Neifalle des Publicums den viel
lohnenderen Schreyvogel 's erntete,
der nun in ihr eine Kraft erkannte, die
den vorhandenen Kräften der von ihm ge>
leiteten Bühne stch ebenbürtig zeigte und
welche zu gewinnen
sich um so mehr lohnte,
als eben das von ihr gespielte Fach einer
Ergänzung bedürfte. Ueberdieß hatte der glänzende Erfolg ihres Wiener Gastspie^
leS ihren Künstlerruf gesteigert, eS kamen
ihr von mehreren bedeutenden Bühnen
Anträge zu, aber sie entschied sich für
Wien, wo ihl Schreyvogel's Leitung
für die Lösung künstlerischer Aufgaben
eine sichere Bürgschaft bot. Nnchdem sie
ihre Verbindlichkeiten an der Dresdener
Hofbühne gelöst, an welcher sie noch in
der ersten, zur Goethe>Fe!er veranstalte-
ten Aufführung deS.Faust" als Giet.
cker einen glänzenden Eifolg gefeiert,
trat sie am 12. October 1830. wenige
Monate nach dem Tode der Sophie
Mül le r (gest. 20. Juni 1830). als
Ju l ie in „Romeo und Julie" ihr En-
gagement im Vulgtheater an. In dem«
selben wurde sie bald der Liebling deS
Publicums, vor dem sie in einer Reihe
der schönsten Rollen, die sie schuf, na-
mentlich als Olga in Raup ach'S „Ist»
dor und Olga", als Mar ia Stuar t ,
als Cami l la in Houwa lds „Bild",
als E lv i ra in Müller 'S „Schuld"
ihre künstlerische Meisterschaft darlegte.
Die Ferien benutzte sie zu Gastspielen i
auf einem derselben, in Gratz 1832, ga»
stirte sie zugleich m>'t dem Hofschauspieler
Kar l Rett ich, und als dessen Braut
kehlte sie nach Wien zuiück und wurde
am 9. April 1833 dessen Gattin. Nun
traten mehrere Umstände zu gleicher Zeit
ein, welche der Hofbühne die kaum
gewonnene Künstlerin wieder entführten.
Durch die damals herrschende Eholera
hatte sie zuerst ihren Vater verloren,
bald darauf wurde sie selbst und ihre
Schwester vom Typhus befallen, welchem
die Letztere erlag. Tiefe Melancholie be>
mächtigte sich nun der genesenden Künst»
lerin, die nun eifrigst bestrebt war, die
Stätte zu verlassen, wo sie in kurzer Zeit
so schweres Leid erfahren. Aber eS waren
noch andere Factoren thätig, um der
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Band 25
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rasner-Rhederer
- Band
- 25
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1868
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 446
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon