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den Umgang mit Gebildeten bereicherte
sie täglich den bereits gewonnenen Schatz
ihrer mannnigfaltigen Kenntniffe. I n
dieser Hinsicht wirkte der Verkehr mit
dem Dichter Ha lm, der ein Freund
ihres Hauses war, im hohen Grade
anregend und fast erscheint eS wie ein
Act dankbarer Wiedervergeltung, wenn
sie als Trägerin der Hauptrollen in
seinen Dramen ihnen auf der Hofbühne
zu Erfolgen verhalf, der ihnen auf ande»
ren Bühnen nicht immer zu Theil ward.
Dabei besaß Frau Rettich ganz unge»
wohnliche Sprachkenntniffe und behan«
delte fie daS Italienische, Französische,
Englische wie ihre Muttersprache. Die
Gabe der Declamation besaß sie in einer
Art, wie nur wenige Künstlerinen
sich
der»
selben rühmen können, und nur dadurch
ist eS erklärlich, daß z. B. die oft schalen
Declamationidichtungen Saphir 's zu
einer Bedeutung gelangten, die fie sonst
nicht erlangt hatten. Wunderte sich doch
der Humorist selbst oft genug über
den ungeahnten Erfolg seiner Reime»
reien und Wortklaubereien, welche sogar
Mode geworden und nachgeahmt wur»
den. Als Vorleserin Ihrer kais. Hoheit
der Erzherzogin Sophie stand sie auch
in Hofkreisen in der höchsten Achtung.
Nach dem Ableben der Künstlerin ließ
die erlauchte Frau Herrn Rettich zu
sich rufen, um ihm in den zartesten Wo»
ten ihr Beileid über den unersetzlichen
Verlust auszusprechen, den er und die
Kunst durch ihren Tod erlitten, und
schloß die Erzherzogin ihre Rede: , Ich
selbst ver lor in ihr die Künstle,
r in und eine Freundin". Während
der Zeit der Krankheit der Künstlerin
sandte sie jeden Morgen den Kammer«
diener in die Wohnung der Frau Ret»
tich, um gleich in den frühesten Morgen»
stunden einen Berickt über daS Vesinden der Künstlerin zu erhalten. Es war eine
seltene Frau, die mit den großen Talen»
ten eines reichen Geistes die edelsten
Vorzüge eines Weibes in sich vereinigte.
— Ueber Frau Rettich als Mutter gibt
uns Betti Pao l i einige Aufschlüsse. AuS
ihrer Ehe mit Ka r l Rettich hatte die
Künstlerin nur eine Tochter (geb. im
Jahre 4834) und zur Erinnerung an die
dahingeschiedene Schwester Emi l ie ge»
nannt. Mit welch schwärmerischer Zart»
lichkeit sie diese« Kind, das ihr einziges
blieb, umfaßte, schreibt Betti Pao l i ,
weiß nur der, dem ein Einblick in ihr
Verhältniß zu ihrer Tochter gegönnt
war. Diese Liebe war ihr ein Cultus,
der all ihr Thun und Lassen bedingte,
dem sie freudig Alles opferte, unbeküm-
meit, ob das Opfer nicht unuerhältniß»
mäßig größer sei, als der damit zu er»
reichende Zweck. Lieber hätte sie ihr
eigenes Herz zerdrückt, als einen Wunsch
Emilien'S unerfüllt gelassen. Die Gü»
ter, die ihr eigenes Leben schmückten,
hatten für sie nur in sofern Werth, als
sie in ihnen Mittel sah, den künftigen
Lebensweg ihres KindeS zu ebnen. Es
ist charakteristisch für ihr ganzes Wesen,
«daß die Mutterliebe, diese einzige Liebe,
der kein Atom von Selbstsucht innewohnt,
die stärkste und heftigste Leidenschaft war.
die sie empfand". Emi l ie erhielt eine
ungemein sorgfältige Erziehung,' bildete
sich vornehmlich im Gesänge aus und
widmete sich der Bühne. Sie wurde
spater Gemalin deS italienischen Impre»
sario Eugen Mere l l i und trat an meh.
reren italienischen ^Bühnen unter dem
Namen Madame Redi mit Erfolg auf.
AuS dieser Ehe der Tochter mi tMerel l i
sind zwei Kinder, Karo l ine und Fried«
rich, vorhanden, welche seit ihrer Geburt
im Hause der Großeltern sich befinden
und deren Erziehung noch gegenwärtig
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Band 25
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rasner-Rhederer
- Band
- 25
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1868
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 446
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon