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weil man bei der Ermordung des eigenen
Sohnes nicht an die volle Wahrheit glaubt,
sondern sich mit dein Begriffe einer Komödie
tröstet. Solche Aufgaben bedürfen nicht, ja
sie vertragen kaum die Unmittelbarkeit des
Darstellungs'Talenteö, Ebenso war sie in
Aufgaben trefflich, welche eine didaktische
Grundlage hatten. Al2 „Kaloline Neuberin"
war sie von schlagender Kraft. Diese Theater«
Regentin lebt und webt in geistiger Bestie»
bung und verliert sich in keine Leidenschaft.
In solchen Rollen blieb Geist und Talent
der Frau Rettich in gleicher Linie, und da
war sie meisterhaft. Welch ein Verlust ist ihr
frühzeitiger Tod! Welcher Schatz für ein
Theater, eine Frau von so großer geistiger
und moralischer Tüchtigkeit zu besitzen! Sie
war eine feste Säule des guten Beispiels in
gründlicher Beschäftigung mit ihren Aufga»
ben, in geistig freier und großer Auffassung
derselben, in gewissenhafter Erfüllung auch
dei kleinsten Pflicht. Sie adelte den Schau«
spielerstand durch die Auffassung, welche sie
ihm widmete, durch die Hingebung an seine
Grundidee eines edlen Berufes, welche ihn
hoch erhebt über die hundertfachen perfön>
lichen Nichtigkeiten so vieler Schauspieler.
Sie gehörte an die Seite eines Directors,
sie wäre der Regisseur gewesen, den man zu
wünschen hat — sie war eine erhöhte ,Karo<
line Neubcrin". Denn sie war gründlich im
Stande, ein gutes Theater zu schaffen und
zu leiten."
Adalbert S t i f te r schreibt in einem Nach»
rufe über die Künstlerin- ,, . , Wenn man
sagt, daß die Schaubühne ein Tempel der
Gesittung und Größe sein kann, und wenn,
so die Bühne diese« Ziel nicht erreicht, sie
eine Schule deS Lasters und der Verderbniß
zu werden vermag, ja wenn der Menschen»
freund in unseren Tagen bitter klagen muß,
daß sie auf diesem Abwege eilig weiter geht,
weßhalb ein Mann der Kunst und der Mensch»
heit den Ausspruch that, man suche die Bühne
mit allen Mitteln, die sich tausendfach lohnen,
zu heben, oder schließe sie gänzlich — wenn
es so ist, und es ist so: dann ist die Gestalt
der edlen Frau Nettick) um so uerehrungs»
würdiger und die Welt hat einen desto grö>
ßeren Verlust,erlitten. Was man auch gesagt
hat, daß sie fehle, daß sie dieses oder jeneS
anders gestalten sollte, daß sie an die Schtö»
der nicht hinanrciche, so war das, wenn es
gründlich und wohlwollend war, ein Wink
zu ihre« Fortschreite»; jetzt aber ist es unnütz zu reden, was sie nicht war; und wir fühle«
nur, wns sie war, und selbst ihre Tadler
werden eS fühlen. Sie ist eine Größe gewe.
sen, deren Ersatz nicht leicht zu finden sein
wird. Wenn Darstellungen lediglicher Leiden»
schaft, tobender Empfindungen, ausschwei»
fender Absonderlichkeiten, roher Wirklichkeiten
— von dem Haufen beklatscht werden, und
wenn selbst Künstler besserer Art nach dem
Astergolde diese« Ruhmes haschen, so that
Julie Rettich dieses nie; in ihren Leistun»
gen war imnnr der Hauch drr hohen, reinen^
großartigen Menschlichkeit, die unS über uns
emporhebt und uns edler macht, und die
Seele jeder Kunst ist. Ja selbst durch jene
ihrer Gebilde, an denen Einzelnes getadelt
werden konnte, und durch ihre Darstellung,
der erschütterndsten Gefühle ging dieser
Schritt der Größe; in jenen ihrer Kunst,
schöpfungen aber, die vollendet wlucn, strahlte
diese Größe in ganzer Fülle, und wird von
denen, die sie in sich aufgenommen haben,
nicht vergessen werden."
Bemerkenswerthes schreibt auch Ludwig
Speidel über diese große Tragödin, der,
wie bekannt, wenn eS die Wahrheit gilt, auch
vor dem Tode sich nicht genirc und das äs
moi-tui« non nist dono zur alten unbrauch»
bar gewordenen Phraseologie geworfen bat.
, „An Leib und Seelc", schreibt Spe ide l ,
„hat Frau R ctti ch die Natur für ihre Kunst
freigebig ausgestattet, Ihre Gestalt war frei»
lich nur mittelgroß, doch schien sie im Augen»
blicke des Affccts über sich selbst hinaus zu
wachsen; ihre Bewegungen waren energisch
und voll Adel. Das schöne Oval ihres We,
sichte«, die bedeutende Nase, das große feu,
rige Auge und der wohlgebaute Mund, der
den Athem voll ausströmen ließ, gewiß waren
das unschätzbare Mittel für eine dramatische
Künstlerin. Zu ihnen gesellte sich eine volle,
wohllautende Stimme, in deren seltenem
Umfange sich für jede Empfindung die nchrige
Klangfarbe fand. Das war aber nur das
treffliche Instrument, auf welchem nnr der
GeniuS spielte. Mit heftiger Empfindung
erfaßte sie ihre Aufgabe»; sie drang mit einem
Ruck in das Innere einer Nolle und arbeitete
sie von da in ihre Details heraus, sehr uer>
schieden von der Methode der sogenannten
„verständigen" Schauspieler, die ihre Rollen
von auien beseelen wollen. Mit einer unta>
delhaft reinen Aussprache und einer wunder»
bar gelösten Zunge, war sie eine vollendete
Meisterin der Rcdü. Ihrer Auffassunasweiie
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Band 25
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rasner-Rhederer
- Band
- 25
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1868
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 446
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon