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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rasner-Rhederer, Band 25
Seite - 333 -
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Nettich 333 Nettich weil man bei der Ermordung des eigenen Sohnes nicht an die volle Wahrheit glaubt, sondern sich mit dein Begriffe einer Komödie tröstet. Solche Aufgaben bedürfen nicht, ja sie vertragen kaum die Unmittelbarkeit des Darstellungs'Talenteö, Ebenso war sie in Aufgaben trefflich, welche eine didaktische Grundlage hatten. Al2 „Kaloline Neuberin" war sie von schlagender Kraft. Diese Theater« Regentin lebt und webt in geistiger Bestie» bung und verliert sich in keine Leidenschaft. In solchen Rollen blieb Geist und Talent der Frau Rettich in gleicher Linie, und da war sie meisterhaft. Welch ein Verlust ist ihr frühzeitiger Tod! Welcher Schatz für ein Theater, eine Frau von so großer geistiger und moralischer Tüchtigkeit zu besitzen! Sie war eine feste Säule des guten Beispiels in gründlicher Beschäftigung mit ihren Aufga» ben, in geistig freier und großer Auffassung derselben, in gewissenhafter Erfüllung auch dei kleinsten Pflicht. Sie adelte den Schau« spielerstand durch die Auffassung, welche sie ihm widmete, durch die Hingebung an seine Grundidee eines edlen Berufes, welche ihn hoch erhebt über die hundertfachen perfön> lichen Nichtigkeiten so vieler Schauspieler. Sie gehörte an die Seite eines Directors, sie wäre der Regisseur gewesen, den man zu wünschen hat — sie war eine erhöhte ,Karo< line Neubcrin". Denn sie war gründlich im Stande, ein gutes Theater zu schaffen und zu leiten." Adalbert S t i f te r schreibt in einem Nach» rufe über die Künstlerin- ,, . , Wenn man sagt, daß die Schaubühne ein Tempel der Gesittung und Größe sein kann, und wenn, so die Bühne diese« Ziel nicht erreicht, sie eine Schule deS Lasters und der Verderbniß zu werden vermag, ja wenn der Menschen» freund in unseren Tagen bitter klagen muß, daß sie auf diesem Abwege eilig weiter geht, weßhalb ein Mann der Kunst und der Mensch» heit den Ausspruch that, man suche die Bühne mit allen Mitteln, die sich tausendfach lohnen, zu heben, oder schließe sie gänzlich — wenn es so ist, und es ist so: dann ist die Gestalt der edlen Frau Nettick) um so uerehrungs» würdiger und die Welt hat einen desto grö> ßeren Verlust,erlitten. Was man auch gesagt hat, daß sie fehle, daß sie dieses oder jeneS anders gestalten sollte, daß sie an die Schtö» der nicht hinanrciche, so war das, wenn es gründlich und wohlwollend war, ein Wink zu ihre« Fortschreite»; jetzt aber ist es unnütz zu reden, was sie nicht war; und wir fühle« nur, wns sie war, und selbst ihre Tadler werden eS fühlen. Sie ist eine Größe gewe. sen, deren Ersatz nicht leicht zu finden sein wird. Wenn Darstellungen lediglicher Leiden» schaft, tobender Empfindungen, ausschwei» fender Absonderlichkeiten, roher Wirklichkeiten — von dem Haufen beklatscht werden, und wenn selbst Künstler besserer Art nach dem Astergolde diese« Ruhmes haschen, so that Julie Rettich dieses nie; in ihren Leistun» gen war imnnr der Hauch drr hohen, reinen^ großartigen Menschlichkeit, die unS über uns emporhebt und uns edler macht, und die Seele jeder Kunst ist. Ja selbst durch jene ihrer Gebilde, an denen Einzelnes getadelt werden konnte, und durch ihre Darstellung, der erschütterndsten Gefühle ging dieser Schritt der Größe; in jenen ihrer Kunst, schöpfungen aber, die vollendet wlucn, strahlte diese Größe in ganzer Fülle, und wird von denen, die sie in sich aufgenommen haben, nicht vergessen werden." Bemerkenswerthes schreibt auch Ludwig Speidel über diese große Tragödin, der, wie bekannt, wenn eS die Wahrheit gilt, auch vor dem Tode sich nicht genirc und das äs moi-tui« non nist dono zur alten unbrauch» bar gewordenen Phraseologie geworfen bat. , „An Leib und Seelc", schreibt Spe ide l , „hat Frau R ctti ch die Natur für ihre Kunst freigebig ausgestattet, Ihre Gestalt war frei» lich nur mittelgroß, doch schien sie im Augen» blicke des Affccts über sich selbst hinaus zu wachsen; ihre Bewegungen waren energisch und voll Adel. Das schöne Oval ihres We, sichte«, die bedeutende Nase, das große feu, rige Auge und der wohlgebaute Mund, der den Athem voll ausströmen ließ, gewiß waren das unschätzbare Mittel für eine dramatische Künstlerin. Zu ihnen gesellte sich eine volle, wohllautende Stimme, in deren seltenem Umfange sich für jede Empfindung die nchrige Klangfarbe fand. Das war aber nur das treffliche Instrument, auf welchem nnr der GeniuS spielte. Mit heftiger Empfindung erfaßte sie ihre Aufgabe»; sie drang mit einem Ruck in das Innere einer Nolle und arbeitete sie von da in ihre Details heraus, sehr uer> schieden von der Methode der sogenannten „verständigen" Schauspieler, die ihre Rollen von auien beseelen wollen. Mit einer unta> delhaft reinen Aussprache und einer wunder» bar gelösten Zunge, war sie eine vollendete Meisterin der Rcdü. Ihrer Auffassunasweiie
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Rasner-Rhederer, Band 25
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Rasner-Rhederer
Band
25
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1868
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
446
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
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