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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rasner-Rhederer, Band 25
Seite - 334 -
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Seite - 334 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rasner-Rhederer, Band 25

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Nettich 334 Nettich nach huldigte sie jenem wahrhaften Illealis» mus, der die Wirklichkeit nur in dem Sinne vereint, daß ei sie geistig verzehrt und läu- tert. Allerdings lagen'ursprünglich harte, rea» listische Elemente in ihrem Wesen, die auch später gelegentlich durchbrachen und sich mit den Jahren häufiger geltend machten. Ein geistreicher College wies bereits auf den üblen Einfluß hin, welchen die Gastspiele der Rachel und Nistori auf Rettich geübt. Dem Zaubertrant, der alle Welt berauschte, tonnte sich die empfängliche Künstlerin gleich« falls nicht verschließen, und er wirkte um so heftiger, als er auf verwandte, allerdinge durch Vildung und Geschmack zurückgedrängte Kräfte in ihrem Innern traf. Man konnte einen Augenblick befürchten, daß sich Frau Rettich ganz in Manier verlieren werde; es schien sich eine Verhärtung von Eigen» schuften einzustellen, die, wenn sie im Zu> sammenhang des Ganzen vorübergehend auf> treten, ihre Berechtigung und Nothwendigkeit haben. Das stete Zwinkern mit den Augen» liedern, das häufige Starren wie in's Leere, dieses rasche, eckige Vorwerfen der Arme, die in der Luft sich plötzlich zu versteinern schei< nen, das grelle Pointiren der Rebe und jenes schrille Aufschreien. das aus dem tiefsten Register unvermittelt in die höchsten Chorden bricht — dieß tonnte man Alles für'Anzei' chen eineS nicht mehr aufzuhaltenden Verfalls betrachten. Aber die gute Natur der Kunst» lerin stellte sich rasch wieder her, und wenn sie durch glänzende Talente, in welchen sich Echte« und Falsches seltsam mischten, einen Augenblick von ihrem Pfade abgelenkt werden tonnte, so brach sich in ihr die Erkenntniß wieder Uahn, daß in aller Kunst die Wahr» heit zwar das Erste, aber nur die Schönheit das Letzte sei. Nach der Rachel schuf Frau Rett ich noch die Thusnelda, nach der Ri< stori noch die Marfll: zwei Rollen, vor deren Gewalt und hoher Schönheit jene Bel> den sich hätten beugen müssen. Man hat an Frau Nettich oft ihre ewige Jugend bewun. dert, die am Ende nur auf dem Geheimniß beruhte, die ganze Persönlichkeit vom Geiste aus zu verjüngen, Cin geistreiches Wort der Aachel scheint für sie geschrieben zu sein. Es lautet: ,Nicht« macht alt, als das Ein» willigen darein, Vernachlässigung der Jugend und Mangel an ewiger Eleganz; man kann nicht nur Abends um sechs Uhr ein Künstler sein, man muß es den ganzen Tag sein". Frau Rettich war die Künstlerin nach dem Sinne Rachel's. Ihr diese unverwüstliche Jugend zu bewahren, trug viel jener treue Freundeskreis bei, der sich, seit der Dichter der „Griseldis" ihr naher getreten, um sie als seinen Mittelpunct bewegte. Frau N e t< tich mit ihrer reichen, von der mannigfaltig» sten Bildung befruchteten Natur, hatte viel zu geben. Alles Schöne und Holde, was ein Weib ziert, hatte sie i» sich ausgebildet; es .ging eine erziehende Kraft von ihr aus, die unbewußt veredelte. Zwei Talente, die man nur bei Frauen findet, besaß sie in vorzüg» licher Weise: sie war eine Meisterin im Pfle, gen und im Dulden. Das fühlte man auch ihrer Kunst an. Sie strömte ihr Herzblut aus, wenn sie uns als Griselois in Abgründe weih. lichen Leidens blicken ließ und die grellen Dissonanzen dieses Lebens in einer erhabenen Resignation auflöste; sie war Parthenia, bevor sie Parthenia spielte, denn gerade das Erziehen durch Liebe war recht ihr Element. Durch die Würde ihrer Persönlichkeit hat sie, gleich wie Anschüh, für die Stellung des Schauspielers in der bürgerlichen Gesellschaft Großes geleistet; dem jungen Volle fiel diese Frucht in den Schooß, und es zeigt, natür< lich mit rühmlichen Ausnahmen, nicht übel Lust, sie leichtsinnig wieder wegzuwerfen. Julie Nettich ruht nun In der kühlen Erde; aber eine doppelte Unsterblichkeit ist ihr sicher.- sie wird fortleben in den Ueberlieferungen ihrer Kunst, und jeder redliche Mensch, der einen Hauch ihreS reinen WaltenS verspürt, wird es Kindern und Enkeln weiter erzählen, daß sie nicht nur eine berühmte, sondern eine tugendhafte und, gütige Frau gewesen, deren Größe gerade auf dieser inneren Tüchtigkeit beruhte." 5nniuL no vn« — unter welchem Pseu. donym sich der Director des Leopoldstädter Theaters, Anton Ascher, nach Anderen Vauernfeld verbergen soll— schreibt über Julie Nettich, nachdem er ihr als Künst» lerin Gerechtigkeit widerfahren ließ: „Das deutsche Theater hat durch ihren Tod einen großen Verlust zu betrauern. Und doch be» Häupten wir, noch bedeutender ist der Verlust, den die Gesellschaft Wien« durch den Tod dieser Frau erlitten. Der Geist der Rettich zählte größere Schätze, als er auf der Bühne nur reproducirend ausgeben konnte. Vielleicht in einigen Rollen eine einseitige Schauspie» lerin, war sie eine der vielseitigsten Frauen, die wir gekannt. Eine echte Patriotin, ein aufgeklärter Geist, begeistert und begeisternd
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Rasner-Rhederer, Band 25
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Rasner-Rhederer
Band
25
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1868
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
446
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
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