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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rasner-Rhederer, Band 25
Seite - 335 -
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338 Nettich für alles Tdlc, Gute und Schöne, nahm sie nn Allem, was die Zeit und die Männer der Zeit bewegte, regen Antheil. Und sie war oft von großem Einflüsse auf dieselben; denn sie wußte ihr Haus zu einem der anziehendsten von Wien zu gestalten. Gar mancher Staats» mann suchte nach vollbrachter und voraus» sichtlich vergebens vollbrachter Arbeit geistige Erholung in der erfrischenden, stärkenden Luft des Salons, dessen Zierde Julie Rettich war. Nie schone Jungfrauen eine Atmo> sphäre verbreiten, daß man glaubt, Blumen» duft unigebe sie und sie kämen eben aus einem Rosengarten, so durchgeistigte Julie Rettich förmlich ihre Umgebung. Wenn sie, in welche Gesellschaft immer, eintrat, stockte rasch das Gespräch, das sich vielleicht um nichtige Tagesereignisse bewegt hatte, und Jeder war bemüht sein BesteS zu geben. Die Frau wußte stets das A der guten Lebensart und des gebildeten Tones anzuschlagen. Sie hob sichtlich Jeden, der mit ihr sprach. Wie Schön» heit stets Gefallen erregt, so wirkte der Reiz ihres Geistes anregend und anmuthend. Be< geistert, wie sie es sein konnte, riß sie Alles zur Begeisterung mit sich fort. Von ihrer Jugend an, wo Ludwig Tieck die ersten Schritte der Kunstnouize geleitet, bis in ihr Alter waren Dichter stets ihr liebster Umgang, und es gibt kaum einen Poeten von Vedeu» lung in Deutschland, der mit ihr nicht in Verkehr gestanden, dcc ihr nicht gehuldigt, den sie nicht gefördert hätte. Was sie gar Friedrich Halm gewesen, ist bekannt. Außer dem feingebildeten Gatten der Rettich hat wohl Niemand einen so großen Verlust durch den Tod der verehrten Frau erlitten, als der Dichter der „Griseldis", dessen Muse die Ent» fchwundene gewesen. Wenn der erste Schaf« fensdrang dem Dichter in dem Kampfe des Lebens verflogen ist, so bedarf er einer Frau, die ihn anregt, anspornt und fördert, ihn, wie dae Germanenweio die Söhne, in die Schlacht jagt. damit er den Kranz erringe. Eine solche Freundin fand Halm in Julie Nett ich; und da sie nicht blos seine Muse, sondern auch die Frau gewesen, die seine Westalten verkörperte, so begreift sich die Bewunderung, welche ihr der Dichter dar< brachte. Julie Rettich hat das Geheimniß verstanden, Freundin eines Dichters zu wei> den und eine liebeciolle Gattin und Mutter zu bleiben." <3in norddeutscher Kritiker schrieb über Julie Rettich in der ersten Zeit ihrer künst» lerischen Wirksamkeit (l833): „ . . . Wohl ver. dankt Fräulein GIeyTieck 's Unterricht viel; kein Lehrer aber, auch nicht der erste der Welt, kann eine Künstlerin bilden, wenn nicht der Prometheische Funke von innen heraus mit. arbeitet. Die ihr inwohnende Poesie, die Fülle ihrer Begeisterung arbeiteten mit der geistigen Bildung fort, die wohl hauptsächlich Tiecl's Werk ist. die Naiuheit ihres Talentk ist aber etwas Angeborenes, was lein Lehrer geben kann. Die Kritik nannte ihre Erscheinung eine ganz neue auf deutscher Bühne. Ihre Darstellungsart hat mit leiner irgend einer früheren Schauspielerin Aehnlichkeit. Am besten charakterisirt sie die Frage, mit der sie'früher ihre Kritiker beschäftigte.- ob sie sich zum Lust. spiel mehr, oder zur Tragödie eigne? Aller» ding« eignet sie sich für'« Lustspiel; sie besitzt jenen poetischen Humor, der Rührung und Frohsinn zugleich erweckt, und sie weiß ihn zu einer so zauberischen und neckischen Schalt» hafligkeit zu steigern, daß sie mit allen Reizen und Schätzen innerer Weiblichkeit gleichsam coauettirt. Ihr Spiel ist daher die Mannig» faltigteit und Vielgestaltigkeit des «eiblichen Charakters, und sie ist in jeder Rolle eine Andere. Der Humor gehört eben auch in die Tragödie, in die romantische nämlich. Sie beginnt eine solche Rolle in vollkommener Iugendfnsche und Lebeneheiterkeit, die um so empsindlichec und reizbarer der feindseligen schmerzvollen Berührung des vernichtenden Schicksais unterliegt. Weil sie jede tragische Rolle mit der heiteren Lebensfülle beginnt, Hut sie eine Charatterfarbe, einen Ton der Empfindung mehr alS jede andere Schau» spielerin, die sogleich in Empfindsamkeit und Wehmuth, ehe noch eine Anfeindung des Lebens den Charakter berührte, erscheint. Sie kann daher die letzte äußerste Kraft bis zum äußersten letzten Momente sparen, und hier offenbart sie sich abermals als Humor des Wahnsinns, der Agonie, der Verzweiflung. So verwirklicht sie die innige Verwandtschaft des Tragischen und Komischen in der roman. tischen Poesie, und obige Frage charaktensirt daher die romantische Schauspielerin." III. b) »Nutüen zur CharakteriM. Con,oer» sations »Lexikon der neuesten'Zeit und Literatur. In vier Bänden (Leipzig 1833, F. A. BrockhauS. gr. ««.) Bd. I I , S. l«3, unter Julie Gley »ine treffende Eharatte» ristil der damals noch ganz jungen Künst< lerin, die als «eine ganz neue Erscheinung auf der deutschen Bühne" bezeichnet und uon
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Rasner-Rhederer, Band 25
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Rasner-Rhederer
Band
25
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1868
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
446
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
Lexika Wurzbach-Lexikon
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