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Neutter 366 Neuiter
nisse — der Verfall der kaiserlichen Hof»
capelle. Die bisher von Seite deS HofeS
verwalteten Theater an der Burg und
dem Karnthnerthore gingen mit 22. Fe-
bruar 1782 in die Administiation der
Siadt Wien über, die Hofmusik wurde
sowohl in Hinsicht des Kirchendienstes
als der Kammer» und Tafelmusik dem
zweiten Capellmeister, damals Reutter,
gegen ein Pauschale mittelst Contract
und mit dem Vorbehalte verpachtet, daß
die mit Decret angestellte» Mitglieder in
ihrer Dienstleistung und mit ihrem Ge>
halte lebenslänglich zu verbleiben haben
und nur die nach und nach durch Abster»
ben oder Pensionicung abgängig gewor»
dZnen, von Reutter nach seiner Willkür
neu ersetzt werden konnten, jedoch ohne
daß diese zum Hofstaate gehörig und
pensionsfähig sein sollten. Der damalige
erste Capellmeister Predier i sM.XXII I ,
S. 248^ bchielt zwar seinen Titel und
Gehalt, Hütte aber seit 4751 feinen wei»
leren Einfluß auf die Leitung. Reutter
wurde dadurch factisch erster Kapellmeister,
obwohl er eS wirklich erst im Jahre 1769
wurde. Unter seinem Regimente sank
nun die Hoscapelle von Jahr zu Jahr
immer tiefer und war zuletzt, wie von
Köchel berichte!, so verkommen, wie
kaum in d>,'r düsteren Epoche deS dreißig»
jährigen Krieges, denn damals war der
Organismus nur vorübergehend gestört,
jetzt schwand er wie ein Marasmus
dahin. Daß zu diesem bedauernswürdi-
gen Zustande auch die oberwähnte Ver-
anderung in der Administiation und das
auf Bildungsstätten der Kunst immer
höchst nachtheilig einwirkende Verpach-
tungssnstem nicht unwesentlich beitrug,
bedarf kaum einer weiteren Erörterung.
Was nun Reut ter selbst betrifft, so
war er als Compositeur sehr thätig. Von
ihm stammt eine Unzahl von Compositio- nen zu allen während seiner Zeit statt«
gehabten Hof. und Kammerfesten, als
Oratorien, Messen, Motetten und Opern,
wovon sich wohl eine ansehnliche Menge
in der Musikaliensammlung der k. k. Wie»'
ner Hofbibliothek befinden mag. Größere
Arbeiten lieferte er ferner zu den Huldi»
gungsfeierlichkeiten des Ti-zherzogthumS
Oberösterreich und der Steiermark, deren
erstere zu Linz, letztere zu Gratz Statt
hatten. Ferner wirkte er als Capellmei»
ster bei St. Stephan und war er es auch,
der auf einem Besuche in Haimburg auf
die schöne Sopranstimme des kleinen
Haydn aufmerksam geworden, die
nächste Veranlassung zu dessen musikali«
scher Ausbildung wurde. Haydn wurde
von ihm als Chorknabe bei St. Stephan
aufgenommen und war, wenn er auch
dort eben nicht rosige Tcige verlebt hatte,
doch zunächst seiner wahren Bestimmung,
der Musik, zugeführt worden. Freilich
war er nur mit genauer Noth dem
Schicksale der Castration entgangen, für
welche ihn Reutter ausersehen hatte,
und dem Haydn, wenn man Reutter's
nichts weniger als nachgiebigen, sondern
vielmehr herrischen und impetuosen Cha»
rakter bedenkt, verfallen wäre, wenn nicht
Haydn's Vater, durch eine Anfrage
Neutter'S stutzig gemacht, sich nicht so>
fort auf den Weg nach Wien gemacht
hätte, um dieses Unheil zu verhüten.
Reutter war für seine Verdienste, die
er sich als Hofcapellmeister und Capell»
meister bei St. Stephan selbst erwor»
ben, wie in Würdigung der Verdienste
seines Vaters und Bruders Anton
ssiehe die Quellen auf nächster Seite^ im
Jahre 1740 in den Adelstand erhoben
worden. Was R.'S musikalische Compo»
fitionen betrifft, so besaßen und besitzen
wohl noch alle Kirchenchöre der öster»
leichischen Monarchie seine Messen und
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Band 25
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rasner-Rhederer
- Band
- 25
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1868
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 446
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon