Seite - 157 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rhedey-Rosenauer, Band 26
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Nigler NiZler
leider aber auch oft der Natur allein den
Heilungsproceß überließ und dadurch
jenem fürchterlichen Nichilismus in der
ärztlichen Praxis den Weg bahnte, der
in Wien die Sterblichkeit auf eine, alles
natürliche Maß weit überschreitende Höhe
gesteigert hat. Unter den Studien der
neuen, in der Geschichte der Medicin so
bedeutsamen Richtung nahte der Moment
heran, daß R. seiner.Verpflichtung als
Zögling der Iosephs'Akademie gemäß in
die kaiserliche Armee als Feldarzt eintreten
sollte. Durch einen glücklichen Umstand
wurde er davor bewahrt, denn er wurde
im Jahre 1842, damals 27 Jahre alt,
mit einem Collegen, Dr. Eder, auf
Ersuchen der türkischen Regierung zur
Reorganisation der Militärspitäler nach
Constantinopel gesendet. I n den letzten
Tagen des September trat R. seine Reise
an und traf am 14. October in Constan-
tinopel ein. Dort übernahm er nach den
üblichen Vorstellungen bei verschiedenen
türkischen Würdenträgern das von dem
Sultan Mahmud im Jahre 1823 ge-
baute Spital Malt6pe. das 30 Kranken-
säle zu 20 Betten enthielt. R. begann
nun seine Reformen, die in der That
dringend nöthig waren, denn in dem
Spitale waren binnen 45 Jahren 28.600
Menschen, ungefähr der vierte Theil der
in dasselbe Aufgenommenen, ihrem Lei»
den erlegen! Die Schilderung der dort
herrschenden anomalen Zustünde mt>
zieht sich der Aufgabe dieses Werkes.
Genug. Rigler hatte volle Hände zu
thun. Wenn man ihm auch von einer
Seite hilfreich und bereitwillig entgegen^
kam, so hatte er doch von der anderen
Seite mit Dummheit, Böswilligkeit, ver»
rotteten Schlendrian und Mißbrauchen
zu kämpfen, die ungeachtet des ihm von
der Regierung gewahrten Schutzes doch
seine Lage unendlich erschwerten. Ueber seine Verhältnisse dort zu 3ande erstattete
R. selbst in der österreichischen medicini»
schen Wochenschrift 1842, S. 79, um-
standlichen Bericht, und zwar mit einer
Unumwundenheit und Offenheit, die
seinem Mannesmuthe alle Ehre macht,
und dieß um so mehr, als man ihn von
verschiedenen Seiten ob dieser unge-
schminkten Enthüllungen türkischer Zu.
stände einzuschüchtern versuchte. Allmälig
aber fühlte sich R., da alle seine Versuche
energisch die Reformen durchzuführen,
an der theils schuldigen, theils unver-
schuldeten Indolenz der türkischen Behör-
den scheiterten, in seiner Stellung unbe-
haglich und rüstete stch zur Rückkehr in
die Heimat, wo er mittlerweile zum
Professor der theoretischen Medicin in
Salzburg ernannt worden war. Aber
der Tod zweier Collegen, seines Beglei-
ters Dr. Eder und des I)r. Bernard
Md. I, S. 322). machten seine Rückkehr
unmöglich. Er erhielt nun mannigfache
Zugeständnisse, auch Auszeichnungen, und
gewann in dieser Periode, von 1843 bis
1849, eine ungemein ausgedehnte Praxis;
außerdem erwirkte er, daß in dieser Zeit
sechs neue große Militärfpitäler gebaut
und nach seinen Angaben eingerichtet
wurden. Im Jahre 1849 wnrde er
Lehrer an der medicinischen Schule zu
Galata-Seiai. dann Director des österrei-
chischen Spitals zu Pera. Zu gleicher Zeit
war R. ununterbrochen schriftsteÜerisch
thätig und veröffentlichte in den „Medici-
nischen Jahrbüchern", in der „Zeitschrift
der Gesellschaft der Aerzte" und in der
von Wittelshöfer später begründeten
„Medicinischen Wochenschrift" verschie-
dene Aufsätze, welche seinen Namen in
den Kreisen der Fachmänner immer mehr
und mehr bekannt machten. Einen grö-
ßeren Theil dieser zerstreut erschienenen
Arbeiten verband er spater in einem
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rhedey-Rosenauer, Band 26
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rhedey-Rosenauer
- Band
- 26
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1874
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 436
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon