Seite - 167 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rhedey-Rosenauer, Band 26
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lichen Unterricht erhielt. Der Knabe,
obwohl still und fleißig, machte doch im
Lernen nicht die erwarteten Fortschritte,
hingegen versuchte er sich damals bereits,
sobald er Zeit hatte, mit einem gewöhn»
lichen Federmesser im Holzschnitzen und
vollendete Häuser, kleine Figuren und
andere Gegenstande verschiedenster Art.
dann schritt er schon zu Darstellungen
aus der Lebensgeschichte des Heilandes
mit allem Beiwerke zur Aufstellung der
sogenannten heiligen Krippen und Gra»
ber, wie sie zu Weihnachten und Ostern
in katholischen Ländern in Kirchen und
bei Familien aufgestellt, zu werden pfle-
gen. R. schnitzte Alles auS Holz: IesuS
in der Krippe, die Mutter Martha,
Joseph, die drei Könige aus dem Mor»
genlande, die anbetenden Hirten und
Thiere in den verschiedensten Stellungen,
die schwebenden Engel und was sonst
noch dazu gehört. Diese Arbeiten fanden
wohl ihre Liebhaber, konnten aber dem
inzwischen achtzehn Jahre alt geworde«
nen R. nicht den Lebensunterhalt ver«
schaffen, und er mußte, um sich das tag«
liche Brot zu verdienen, auf anderen
Erwerb sinnen. I n dieser ersten Noth
verlegte er sich auf das Schneiden von
Pfeifen, wozu ihm die rohen Blöcke von
Händlern aus Wien und Prag zugeschickt
wurden und die er dann nach den An»
gaben der Besteller schnitzte. Die Arbeiten
verschafften ihm ihrer Schönheit wegen
bald solchen Ruf, daß er keiner Aufträge
von außen mehr bedürfte, sondern mit
Bestellungen aus der nächsten Umgebung,
wobei er selbst den Preis bestimmte, voll»
auf zu thun hatte. Die Officiere der
benachbarten Garnisonen in Iosephstadt,
Pardubih, Chrudim verlangten von ihm
bald so viel Köpfe, daß er sie gar nicht
mehr allein liefern konnte, sondern mehrere
Gehilfen zu nehmen genöthigt war. Durch Verschenken und Verkauf kamen Rint 's
Arbeiten in die fernsten Gegenden, nach
Ungarn, Italien, sogar nach Nordamerika.
Als in späteren Jahren eines der schön»
sten Werke des Künstlers, sein berühmter
Kaiserpokal, öffentlich ausgestellt worden,
besuchte den Künstler ein Fremder, der
sich über die Schönheit des Pokals aner-
kennend aussprach, dabei aber hinzufügte,
er besitze das Werk eines unbekannten
Künstlers, der noch schöner arbeite als
Rint , und dabei zog er einen herrlich
geschnitzten Pfeifenkopf hervor, den R.
nach dem daran angebrachten Künstler«
zeichen als seine eigene, vor dreißig Iah»
ren geschnitzte Arbeit erkannte. Längere
Zeit beschäftigte sich R. fast ausschließlich
mit Pfeifenschnitzereien, bis ein Kunst,
freund, der damalige Kreishauptmann,
nachmalige Polizeiminister Freiherr von
Mecsäry, der diese Arbeiten Rint 's
sah. ihn fragte, ob er denn nicht auch
anderes arbeiten möchte? Gewiß, erwie«
derte R in t , wenn sich ein Besteller
findet, und der Kunstfreund bestellte
sofort bei R. einen Poka! mit Jagd-
fcenen, der so meisterhaft ausfiel, daß R.
nunmehr statt mit Bestellungen von
Pfeifen mit dergleichen von Schachspiel
len, Messer- und Gabelgriffen u. dgl. m.
überhäuft wurde. Es war dieß sozusagen
die zweite Periode seines Schaffens, erst
die Pfeifenköpfe, nun Zier« und Prunk-
geräthe. Nach und nach vergrößerte sich
sein Erwerb und R. gelangte zu dem
von jedem wahren Künstler sehnlichst
erwarteten Augenblick, neben den für
den leidigen Broterwerb unerläßlichen
Arbeiten auch einmal nach seiner Laune
schaffen zu können. So entstand ohne
Bestellung der zweite Pokal, der auf der
Prager Ausstellung durch seine Schön«
hcit Aufsehen erregte und in dem Grafen
seinen Käufer fand.
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rhedey-Rosenauer, Band 26
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Rhedey-Rosenauer
- Band
- 26
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1874
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 436
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon