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er. namentlich in Leipzig, die wichtigsten
Fachstudien machte. Bei einem Ausfluge
nach Berlin machte er die Bekanntschaft
der englischen Humaniftin und Quäkerin
MrS. Elisabeth Fry. der Schwester
Samuel Gurney'S. welche eben die
preußischen Gefängnisse besuchte, um deren
Einrichtungen kennen zu lernen. Den
freundschaftlichen Verkehr mit dieser Frau
sehte S. bei seinem späteren Aufenthalte
in London fort. Sie war es auch, die
ihn während seiner Bereisung Englands
mit den wohlwollendsten Empfehlungs«
briefen versah. Im Sommer 4840 machte
S. eine Reise durch das südliche Deutsch»
land, Belgien und Holland, und ging
hierauf nach Paris, wo er den Winter
zubrachte. I n der nächsten Zeit bereiste
er Frankreich, England, Irland und
Schottland, machte sich mit allen Ge«
heimnifsen der Typographie vertraut und
knüpfte interessante Verbindungen in
höheren Kreisen und mit Notabilitäten
der Wissenschaft an. Als er im Jahre
4842 sich in Liverpool auf dem Dampf-
schiffe „Great Western" nach New-York
einschiffen wollte, riefen ihn schwere
Unglücksfälle in seiner Familie nach Wien
zurück. Es bedürfte längerer Zeit. bis er
sich zu sammeln vermochte, dann aber
war er zunächst bedacht, seine auf jenen
Reisen gesammelten Erfahrungen zu ver-
werthen, und er bereitete sich vor. eine
großartige Buchdruckerei in seiner Vater«
stadt zu errichten. Als aber dieser Plan
an der Ungunst äußerlicher Verhältnisse
scheiterte, zog er sich von 1843 bis 1846
in Abgeschiedenheit zurück und betrieb
wahrend dieser Zeit national-ökonomische
und philologische Studien. Später über«
nahm er die Leitung eines Wiener Hand»
lungshauses, der er sich eine Zeit lang
hingab; aber bald faßte er, im Unmuthe
über so viele gescheiterte Hoffnungen, den Entschluß, Wien für immer zu verlassen
und in England sich anzusiedeln. Indes«
sen kam das ereignißreiche Jahr 1848
heran, das ihm neue Gelegenheit gab,
seine humanistischen Zwecke zu verfolgen.
Er gründete nämlich den Gutenberg«
Verein, dessen Aufgabe es war. die Verhalt«
nisse der in den Buchdruckereien beschä'f»
tigten Arbeiter zu verbessern. Er bot sein
Streben nicht vergebens auf, denn ihm
verdankt das Gremium die Regulirung
der besseren Arbeilspreise, sowie die Ein«
Haltung des Sonn« und Feiertages als
eines Ruhetages in den Druckereien. Zu
gleicher Zeit war er auch für die mora»
tische Bildung und Veredlung seiner
Fachgenoffen bedacht; er legte für die-
selben eine rasch anwachsende Bibliothek
an und vereinigte sie zu wiederholten
Besprechungen im Interesse der Kunst
und Wissenschaft, um sie mehr und mehr
vom Gemeinen abzuziehen und mit dem
Bewußtsein ihrer schönen Aufgabe zu er»
füllen. Leider ward derWirksamkeitdieses
Vereins mit einem Stande von 800 Mit-
gliedern und einem Fonde von 3009 fl.
durch Aufhebung des Vereinsgesetzes vom
Jahre 1848 auf immer der Todesstoß
versetzt. Die Bestrebungen S.'s zu Gun»
sten dieses Vereins zogen ihm, der über»
dieß der liberalen Partei angehörte, Mit»
glied des juridischen Lesevereins und des
Sicherheitsausschusses war, sogar kriegs«
gerichtliche Verfolgung zu. Obwohl S.
mit den Führern der Bewegung des
Jahres 1848 befreundet war und die
Solidarität dieser Gesinnungen in seiner
Weise kundzugeben nicht unterließ, so
war doch nicht er, sondern sein Bruder
Deputirter. Ordner des Reichstages und
Obercommandant der Nation,algarde
(6. October). Es ist dieß ein Irrthum,
der sich in mehreren Werken auS jener
Epoche, namentlich auch inRefchauer's,
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Sax-Schimpf, Band 29
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Sax-Schimpf
- Band
- 29
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1875
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 374
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon