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Schreivogel 294 Schreivogel
nur zerreiben, aber nicht gemeinschaftlich
wirken konnten. Im Gegensatze zu
Diet r ichste in wollte C z e r n i n
persönlich regieren. So kunstsinnig Graf
Czernin aber war, S c h r e i v o g e l
gegenüber verschwand dieser kunstsinnige
Anstrich, denn waS bei diesem aus
innerstem Wesen entsprang, war bei
jenem nur äußerer Glanz, gut aufgeleg»
ter Firniß. So geschah es denn, daß S.,
der nur die echte Kunst vertrat, dem
Ansinnen deS Grafen Widerstand ent.
gegensetzte, freilich auch denselben mit
Beweisen gegen die Unhaltbarkeit der
Forderungen seines Vorgesetzten belegte.
Der Kampf war fertig. Wo S. auf seine
Erfahrung, seine erprobten Kenntnisse,
seinen glühenden Eifer, auf das, was
er geleistet, sich stützte, trat der Graf mit
seiner Autorität, seiner Unfehlbarkeit in
feiner Eigenschaft als Intendant und der
Herrschlust für die Sache, die zuletzt doch
seiner obersten Leitung unterstand, ent-
gegen, und so setzten sich die Reibungen
in's Unendliche fort. Ein unbedeutender
Anlaß rief sie hervor. Unnachgiebigkeit
und Eigensinn von beiden Seiten erwei-
terten die Kluft von Jahr zu Jahr,
zuletzt erstreckte sich das Verweigern auf
die gleichgiltigsten Gegenstände. Schrei-
Vogel mochte proponirm. was er wollte,
Novitäten, Gastspiele. Engagements,
Mem setzte der Graf Schwierigkeiten
entgegen, hingegen wag der Dramaturg
als unzweckmäßig verwarf, wurde zur
Ausführung empfohlen. Es war so weit
gekommen, daß in Hofrath von Mosel
sBd. XIX, G. l30^ eine Mittelsperson
aufgestellt werden mußte, da der unmit»
telbare Verkehr zwischen Graf Czernin
und Dramaturg Schreivogel geradezu
unmöglich gewordcn. Solche Verhältnisse
konnten auf die Dauer nicht fortbestehen.
Ein unbedeutender Anlaß rief eine erbit» terte Weigerung Schreivogel 's her»
vor. Dieser verlangte mit dem Oberst»
Hofmeister personlich zu sprechen. Der
AuSgang dieses Dialogs war bei der
Unbeugsamkeit und Schroffheit beider
Charaktere vorauszusehen. Man hat vie»
lerlei Gerüchte über die Veranlassung
jener von beiden Seiten heftigen Unter»
redung in Umlauf gebracht. Es soll sich
um das Engagement einer jungen Schau»
spielerin gehandelt haben, die talentlos
war, aber von dem Grafen protegirt
wurde. Bestimmtes über die Angelegen»
heit kam nie in die Oeffentlichkeit. Nlir
so viel erfuhr man, Schreivogel ließ
sich in seinem Uebereifer zur absprechen»
den Bemerkung: „Excellenz, daS verstehen
Sie nicht", hinreißen. Das war genü»
gend^ in einer Zeit gar, in welcher eine
Excellenz Alles verstand, eben weil sie
Excellenz war. Die Unterredung war mit
obigen Worten S.'s beendet. Drei Tage
später, Ende Mai 1832, wurde Schrei»
vogel mittelst Decret, das freilich in den
schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßt
war, mit einer Iahrespension von Ein»
tausend Gulden entlassen. Er überlebte
diese Kränkung nicht lange. Wenige
Wochen darnach, am 28. Juli, Morgens
7 Uhr, hatte er vollendet. Schreivogel
war im Bereiche seiner Wirksamkeit unbe»
schränkter Autokrat, man erinnert sich,
wenn man seiner Bühnentyrannei gedenkt,
immer an den Wiener Spaziergänger,
der Angesichts des ehernen Standbildes
des Kaisers Joseph uns von der „Hand
von Eisen" des Kaisers singt, „welche
Frühlingsrosen beut". G. war ein Dra»
maturg, welcher seine Schauspieler und
Dichter gegen die maßlose, parteiische
Kritik schützte. So ging ihm, als der
„Prinz von Homburg" von Kl ei st durch»
fiel und vom Wiener Publicum theilweise
ausgelacht wurde, dieser Kleist'sche"
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Schnabel-Schrötter, Band 31
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Schnabel-Schrötter
- Band
- 31
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1876
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon