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Schröckh 312 Schrockh
ten-, sächsische Geschichte und Diplomatik.
Zwei an ihn ergangene Rufe, einen im
Jahre 1769 nach Frankfurt an der Oder
als Professor der Geschichte und einen
zweiten im Jahre 177t nach Riga als
Rector des dortigen Lyceums, Assessor
des kaiserlichen OberconsistoriumS und
zweiter Prediger zu St. Jacob, hatte er
abgelehnt, worauf im folgenden Jahre
und im Jahre 1780 unbeträchtliche
Gehaltsaufbesserungen in seiner bis he-
rigen Stellung eintraten. Auf seinem
Posten in Wittenberg blieb er bis an
sein im Alter von 73 Jahren durch
einen unglücklichen Fall von der Leiter
in seinem Bibliothekszimmer unerwartet
herbeigeführtes Lebensende. AlS akade»
Mischer Lehrer, als Schriftsteller, wie sei-
nes PrivatcharMerS wegen war S. all»
gemein geschützt. Als ersterer nichts weni<
ger denn Pedant, würzte er seine Vor»
träge mit feinem Witze und erschloß bei
der Vielseitigkeit seiner Kenntnisse seinen
Zuhörern in einem stießenden Vortrage
eine Fülle des Wissens. Als Schriftsteller
heute fast vergessen, besaß er zu seiner
Zeit nicht gewöhnliche Bedeutung. Durch
äußerst steißige Sammlung historischen
Materials gebot er über Schätze, bei
deren Benützung ihm kritischer Geist in
ganz vortrefflicher Weise half. Das Be>
dürfniß nach Aufklärung wurde immer
dringender. Die alte Unwissenheit war
unhaltbar geworden, das bisherige An»
häufen unkritischer Notizen, hinter welcher
Manie die Gelehrsamkeit sich verschanzte,
wollte bei dem denkenden Publicum, das
belehrt sein, nicht verwirrt gemacht wer.
den wollte, nicht mehr verfangen. Es
war ein Glück, daß sich ein so geläuterter,
unbefangener Geist, ein so kmntnißreichei,
in den verschiedenen Disciplinen des Wis>
fens bewanderter Mann, wie S ch r ö ck h,
an solche Aufgaben wagte, wie er es gethan, an eine Kirchengeschichte für dab
allgemeine große Publicum, an eine
Weltgeschichte für die Kinderwelt. Wenn
er auch die Kunst des Schreibens, welche
mit Iessing und Goethe, mit Her»
der und Schil ler zur Vollendung ge>
bracht wurde, nicht besaß, so verstand er
doch seinen Stoff klar und deutlich und
in anregender Weise zu behandeln. Er
brachte in seinen Werken gerade jenen
Grad von Wissenschaftlichkeit mit, der
die Leser noch nicht befangen und bedenk»
lich macht, daö Buch zur Lecture sich zu
wählen. Vor Allem aber ist die Freiheit
seines Urtheils, die Wahrheitsliebe, die
Ehrfurcht vor dem wirklich Heiligen an»
zuerkennen, welche aus jeder Zeile seiner
zahlreichen Schriften athmet. Er war «in
Gelehrter gar seltener Art, ganz gemacht
zur Populanfirung der Ergebnisse gewis.
senhafter historischer Forschungen und-
daher von großem Einfilisse bei den Ge»
nerationen. unter denen er lebte. Was
er in seiner Kirchen- und Universalge-
schichte schrieb, ist nicht das Eigenthum
dieser oder jener christlichen Kirche oder
aus irgend einer besonderen politischen
Ansicht geflossen, es ist ein Gemeingut
der aufgeklärten und veredelten
Menschheit selbst, bei dessen Dackel»
lung ihn überdieß ein geläuterter Ge°
schmack, ein zarter Sinn für dnS Schick»
liche, ein richtiger Tact in Auffassung
und Beurtheilung Anderer und eine für
seine Zeit nicht zu häusige Leichtigkeit, ja
Gewandtheit des Styls mächtig unter»
stützten. I n S.'S sämmtlichen Arbeiten
spricht sich der edle Humanist aus, eine
Eigenschaft, die noch heut zu Tage in
den Schriften so uieler Gelehrten vermißt
wird. Der Vollständigkeit halber sei hier
noch bemerkt, daß sich über eine Stelle
in seiner Kiichengeschichte: „Ein heftiges
Erdbeben spaltete verschiedene Felsen und
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Schnabel-Schrötter, Band 31
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Schnabel-Schrötter
- Band
- 31
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1876
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon