Seite - 244 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Schrötter-Schwicker, Band 32
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Schuftes Ignaz 244 Schufter, Ignaz
in „Die Reisenach PariS", Mehlspeise
macher Zweckerl in „Freund in der
Noth", Kapellmeister Notenfres-
ser in „Die Generalprobe", zwei Rollen
in Hogarth'scher Auffassung; Schul-
meister Fledermaus in „Dr. Faust's
Mantel". Diogenes in „Diogenes und
Alexander", der Hausmeis te r in
„Othello, der Mohr in Wien", Lose
nius in „Der Hofmeister in tausend
Aengsten" und Kram perl in.Gisperl
und Fispnl", wo er im Lachduett gleich
falls unerreichbar war. Eine Charakter!
ftik der Komik Schuster's ist ungemein
schwer und den heutigen Theaterbesuchern,
denen der Sinn für Natur in der Darstel
lung bei der jetzigen Spielweise abhanden
gekommen, kaum verständlich. Schuft er
schuf nie auf Kosten der Wahrheit Zerr-
bilder. um das Zwerchfell der ungebil>
deten Massen zu erschüttern, nie zog er
die Caricatur der Harlekinsjacke an, son>
dern sein Spiel war fein durchdacht, reich
nuancirt, seine Mimik plastisch, seine Be
wegungen der Natur abgelauscht, seine
Charaktere wie aus einem Guße; in sei«
nen komischen Gestalten war er nie Ba-
jazzo, sondern immer nur Menfchendar»
steller; nur im Costume glaubte er den
Massen zu Liebe manchesmal bei der
Caricatur ein Anleihen, aber immer ein
sehr bescheidenes, nehmen zu sollen, so
daß man wohl dann und wann eine
groteske Figur, nie aber ein Fratzenbild
zu sehen bekam. Dabei nahm er nie zu
den Unarten gewisser Spaßmacher, wie
zu zweideutigem Ertempcriren, dem
Spiele mit dern Publicum, namentlich
mit jenem im Olymp durch Hinaufschie«
lcn oder Augenzwinkern und Kokettiren
mit Parterre und Logen, und wie der»
gleichen desperate Anstrengungen der
Localkomik vorkommen, seine Zuflucht.
Im Vortrage seiner Couplets kam ihm freilich seine Gefangskunst — über ihn
als Mustcus mehr weiter unten — treff.
lich zu Statten; da er ein geschulter
Sänger war und in der Musik nicht ge»
wöhnlicke Kenntnisse besaß,, so verstand
er es denn auch, durch seine Kunst zu
wirken, wo Andere mit Quodlibets,
Gassenhauern und dergleichen flunkern,
und indem sie den Pöbel amufiren. den
guten Geschmack verderben. Was fei»
ner Zeit I f f land in Berlin. The-
r ing in Dresden. Brunet in Paris,
Devr ient in Breslau und Weid»
mann in Wien waren, war S. in seinem
Gebiete in Wien, ein wirklich classischer
Künstler, der mit Natur und Wahrheit
im Bunde und im Besitze tiefer psycho«
logisch'anthropologischer Kenntnisse seine
heiteren Gastalten dem Leben entnahm
und nach dem Leben schuf, und es ist
gewiß am besten bezeichnend, wenn ihn
seine Zeitgenossen einen Vater der Volks»
kömik nannten. Auch ist es besonders
bemerkenswerth, daß in seinen Vorstellun-
gen sich nicht wie heutzutage meist nur
der Haufe und jener Theil des Theater«
publicums einfand, der nie genug hat
an der prickelnden Zugabe von Zweideu«
tigkeiten, sondern Schuster's Darstel»
lungen waren seiner Zeit mit besonderer
Vorliebe von der besten Gesellschaft und
den höheren und höchsten Standen be»
sucht, man brauchte nie mit einer gewissen
Verschämtheit in geselligen Kreisen von
'einen Darstellungen zu sprechen, denn
niemals hat er auch nur in einer Rolle
durch das Spiel den Anstand verletzt.
WaS ihn von feinen Vorgängern und
seinen Nachfolgern im Fache der Komik
am kenntlichsten unterscheidet: er war ein
anständiger Komiker, der aber doch so zu
amusiren verstand, daß man aus dem
Lachen nicht mehr herauskam. S. ist
aber noch von einer Seite, nämlich von
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Schrötter-Schwicker, Band 32
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Schrötter-Schwicker
- Band
- 32
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1876
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon