Seite - 232 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Seidl-Sina, Band 34
Bild der Seite - 232 -
Text der Seite - 232 -
Siebes Franz Wilhelm 232 Siebes Franz Wilhelm
an, und forderte 30W Ducaten Honorar
dafür. Wenn unter solchen Umstanden
.Sieber's Verstandesbcinkerott" sprich-
wörtlich geworden, ist nicht zu wundern.
Einige Zeit lebte er in Dresden. Endlich
wagte er die Rückkehr nach Böhmen,
und er reiste am 12. April 1823 dahin
ab. In Prag ging er wieder mit dem
Gedanken einer großen Reise um. Aber
indessen wurde sein Gelst immer ver-
wirrter, obgleich es ihm nicht an lichten
Momenten fehlte. Da stellte er sich mit
einem Male selbst in's Irrenhaus, und
blieb vom 2l. September, bis 28. De-
cember 1827 in Behandlung. Er sckien
geheilt, wenigstens war nichts in seinem
Wesen bemerkbar, wag auffiel ooer gar
abstieß. Im December 1828 ging er
nach Wien. Dort zeigten sich neuerdings
Spuren hervorbrechenden Irrsinns.
Seine, sich immer erneuernden Reise-
Projecte, sein Antrag deS Wiederauf,
baues der alten Habsburg und andere
Vorschläge — an sich unbedenklich —
aber in der Form, in welcher sic vor«
gebracht wurden, ungewöhnlich, und bei
der Hartnäckigkeit, mit welcher S. trotz
aller Vorstellungen seiner Freunde und
Anderen darauf bestand, widerwärtig,
entfremdeten ihm nach und nach die
Wenigen, die noch mit ihm verkehrten,
und als er gewahrte, wie ANes ihn mied,
verließ er in verbitterter Stimmung
Wien, und begab sich zunächst in die
Schweiz. Ende Februar 1829 hatte er
Wien verlassen, in den ersten Tagen des
März war er in Zürich eingetroffen, wo
er mehrere Monate verbrachte, allerlei
tolles Zeug, darunter seinen, wenngleich
verrückten, aber von Geistesblitzen ab
und zu durchleuchteten Prospect eines
neuen Systems der physischen und
geistigen Natur, drucken ließ, worauf er
M Ende Mai'1830 nach Paris begab. und dort seine letzte botanische Ercursion
unternahm. DaS Ziel derselben waren
die Alpen der Dauvhmee. Es war dieß
Sieber's letzte, im Interesse seiner
Wissenschaft unternommene Reise. Er
brackte von derselben 180Pfianzenspecies
mit, welche in die Sammlung des Herrn
Delessert in Paris kamen. Dieser
Ausflug siel in die Zeit des Juni und
September 1839, also gerade während
der Pariser Iuli<Revolution. Diese war
es auck, die ihn heimwärts trieb, und so
kam er denn im Herbst des IahreS 1830
nach Prag. Tr befand sich im verkom-
mendsten Zustande, physisch und moralisch
gebrochen. Die Anfälle des Irrsinns
wiederholten sich immer öfter, und als
alles Zureden in lichten Augenblicken, er
möchte selbst in's Irrenhaus gehen, und
dort Heilung suchen, vergebens, und die
Anwandlungen seiner Raserei ebenso für
j ihn wie seine Umgebung gefahrdrohend
waren, sah die Behörde sich gezwungen,
einzuschreiten. Am 3. December 1830
stand der Krankenwagen vor Sieber's
Hause, und so sehr er sich seiner Hab-
haftwerdung widersetzte, endlich gelang
sie, und unverletzt kam der geisteskranke
Naturforscher an Ort und Stelle. Von
diesem Tage an bis zu seinem Tode
— also volle 13 Jahre — kam Sieber
nicht mehr unter die Menschen. Man
hat hinter dieser Maßregel Rache der
Regierung, anlaßlich der Schmähungen,
welche Sieb er gegen dieselbe seit
Jahren vorgebracht, gewittert, und der.
artige Gerüchte in's Publikum gebracht.
Wer Sieb er personlich im Irrenhause
sah, und er wurde ab und zu von seinen
Verwandten, Bekannten und literanschm
Freunden besucht, konnte begreifen^ wie
fern von so gemeiner Sinnesart die kais.
Regierung war, und wie Alles in seiner,
wenngleich traurigen Behausung darnach
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Seidl-Sina, Band 34
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Seidl-Sina
- Band
- 34
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1879
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon