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) Augustin 171 ) Augustin
derten Umständen eine ungewöhnliche
Betheiligung deS Publikums zu erwar-
ten, so überstieg doch die Wirklichkeit jede
Voraussetzung. Zahllos war die Men«
schenmenge, welche sich auf dem oberen
Theile des RoßmarkteS. wo daS Haus
stand, in welchem Smetana gestorben
war, in dichten, unabsehbaren Haufen
zusammengedrängt befand. Man hatte
revolutionäre Demonstrationen besorg:,
wenigstens hatte jene Partei, welcher
Smetana'S Beständigkeit daS Heft aus
den Handen gewunden, zu verbreiten
gewußt: Das Volk würde aus Wuth
gegen den im Unglauben Geschiedenen
seinen Sarg beschimpfen, wohl gar seine
Leiche entehren. Nichts von all dem war
geschehen. Als die Fackelträger ausblie«
ben, die sonst gewöhnlich den Sarg
hinabtragen, wuchs oie Verlegenheit. Da
machte die Geistesgegenwart der ganzen
Situation ein Ende. Ein ehemaliges
Mitglied des Reichsrathes rief einigen
ihn umstehenden Freunden zu: „Greifen
wir selbst zu, an uns ist nichts zu ver»
derben". Die ringsum herrschende Stille
wurde dann plötzlich durch eine tiefe,
ernste Stimme unterbrochen, welche aus»
rief: „Hut ab". Und wie mit einer ein-
zigen Handbewegung entblößten sich laut«
los die Haupter der tausend und tausend
Menschen, die da versammelt waren.
Nun ließ sich die Stimme eines Polizei-
Commifsars vernehmen, welche laut rief:
„ Im Namen der Regierung! Ich befehle,
daß der Leichenzug seinen Weg nicht durch
die Marien« und Basteigafse. sondern direct
durch das Roßthor nehme. Und man trug
die Leiche direct durch das Roßthor — ohne
Glockengeläute, ohne Priester, ohne Fah«
nen. Auf dem schwarzen Wagen, welcher
den Sarg trug. befand sich auch nicht das
schwarzumflorte Kreuz. So gelangte der
durch den Befehl des Polizei.C.ommissars: „schneller! schneller!" in scharfen Trapp
gesetzte Leichenwagen auf den evangeli«
schen Friedhof, wo der im Leben Ge-
hetzte seine Ruhe fand. Smetana war
37 Jahre alt geworden. Es erübrigt
noch, einen Blick auf seine schriftstellerische
Thätigkeit zu werfen. Dieselbe umfaßt
nur wenige, aber wissenschaftlich schwer
wiegende Werke. Die Titel derselben find:
„Hie Bestimmung nnZrres Düterlllnbeg Nähmen.
Vllin allgemeinen Ztalidpuncte aufgetaut"
(l.848)' S. legte darm. so zu sagen, sein
politisches Glaubensbekenntnis nieder,
oas durch die eigenthümliche Gestaltung
der Revolution in Böhmen in nicht ge-
ringen Zwiespalt gerathen war. Er selbst
hing mit allen Fasern seines Denkens
und Fühlens an der deutschen wissen»
schaftlichen Cultur, aus der er alle Säfte
seines geistigen Schaffens gesogen. Als
Denker war er also durch und durch
deutsch. Anders war es mit seiner poli»
tischen Stellung, in welcher er entschiede-
ner Demokrat war, und als solcher sich
nur jenen Männern anschloß, welche im
Widerstände gegen die großösterreichischen,
somit deutschen Tendenzen eine deutsch«
feindliche Haltung beobachteten. In
diesem Zwiespalte sich zurecht zu finden,
konntenureinerso stillen, zurückgezogenen,
in sich selbst versunkenen Persönlichkeil,
wie es S. war, möglich werden ', — „Nie
Neüentnng nnörrrZ Aritülters" (1648), eine
ArtProgramm seiner historisch-philosophi-
schen Lehre, wenngleich wegen der Form
wenig anregend, so doch uoll tiefer
und origineller Gedanken; — „Nie Nata-
ztruphe und iirr Änsgnng der Geschichte der
MIu5llphie" (Hamburg 1830, Hoffmann
und Comp.); das oben in seiner Lebens-
skizze erwähnte Hauptwerk S.'s. welches
wenige Monate vor seinem Ableben er-
schien, aber wegen der theilweise dunklen,
schwer verstandlichen Sprache nicht jene
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Sinacher-Sonnenthal, Band 35
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Sinacher-Sonnenthal
- Band
- 35
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 388
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon