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Smolka 199 Smolka
Es heißt: „Smolka stellte sich an die
Spitze der Bewegung". Das ist unrich-
tig. Smolka hielt sich, durch die ge-
machten Erfahrungen gewitzigt, ganz ab»
seits von der Bewegung; aber als ver-
läßlicher Charakter und warmer Patriot
erkannt und bekannt, wurde er von d«m
Anderen au die Spitze gestellt. Nun nahm
er aber auch die Sache ernst und wollte
sie nicht auf revolutionärem, sondern auf
gesetzlichem Wege durchführen. Das
nächste, woran er ging, war eine Adresse,
in welcher den Wünschen des Landes
Galizien Ausdruck gegeben ward. Diese
wurde unter S m olka's Einfluß entwor-
fen und berathen. Es ist die Adresse
vom 19. März 1848, welche nach Wien
ging. Der 26. Juni 1848, als der anbe-
raumte Eröffnungstermin des constituiren-
den Reichstages, berief S. in denselben
nach Wien. Im Anbeginn verlief S.'s
Thätigkeit in demselben wenig bemerkt.
Am 31. Juli gelangte der Reichstag zur
Berathung des 34-. Paragraphes der
Geschäftsordnung, der die Zusammen-
setzung eines Ausschusses zur Bearbeitung
eines Verfassungsentwurfes für das Neich,
die Provinzen und die Gemeinden be-
dingt. Am folgenden Tage fand die
Wahl der Mitglieder des Verfassungs-
Ausschuffes Statt. Dieser sollte dreißig
Mitglieder zäh,len. Nnter den dreien die
auf Galizien kamen, befand sichSmo lka,
mit ihm zugleich Iachimowicz und
Z i emiat kowsk i. Spater wurde er
in das Fünfer-Comitö deS Ausschusses
gewählt, welches außer ihm noch aus
Gobbi , Goldmark, Cajetan Mayer
und Palacky bestand. Bis zu den
October-Tagen wird Smolka's Raine
wenig genannt. Es soll ihm von dem
Ministerium Doblhoff-Hornbostel
(Anfang Juli bis 10. October 1848) das
Portefeuille der Justiz angetragen worden sein, Smolka aber dasselbe abgelehnt
haben, weil das Ministerium auf die von
ihm beantragte Freigebung des lombar-
disch-venetianischen Königreichs nicht ein«
gehen mochte. Erst nach den October-
Ereignissen wird sein Name oft und
öffentlich genannt. Am furchtbaren 6. Oc-
lober erscheint Smolka unter den Han»
delnden. Er war, als der Tumult auf
dem Hofe einen drohenderen Charakter
angenommen, aus der Reichstagsschung
auf den Schauplatz der Bewegung und
zunächst zu Grafen Latour geeilt. Als
sich die blinde Volkswuth gegen den
Kriegsminister Grafen Latour gekehrt,
der fanatisirte Haufe in das Hof-
Kriegsrathsgebäude eindrang und La-
tour suchte, war es Smolka, welcher
sich den Rasenden entgegenstellte, und den«
jenigen, welche zu Latour dringen woll«
ten, erklärte, sie nur unter der Bedingung
zum Kriegsminister zu führen, wenn sich
eine hinreichende Anzahl von Männern
mit Schwur und Handschlag verpflichtete,
sein Leben zu schützen. Als die Gefahr
wuchs, begab sich Smolka zu dem
Kriegsminister selbst und stellte ihm die
dringende Nothwendigkeit vor, sich von
ihm verhaften und der zum Schutze seines
Lebens vereidigten Mannschaft überge-
ben zu lassen. Während di.ser Vorstel«
luugcu drang der wüthende VoWhaufe
immer weiter vor und bis in das vierte
Stockwerk, wo der Graf, von Smolka
und Major Boxberg beschützt, in einem
durch s i^ne Dunkelheit den Suchenden zu-
nächst verborgenen Verstecke sich befand.
Die Rafenoen riefen: „Wo ist La»
tour?" Der Graf ließ sich nun nicbt
länger halten. Mit den Worten: „Hier
bin ich", hatte er sein Schicksal besiegelt.
Smolka uud Fischhof hatten ihn so
lange mit ihrer Person beschützt, bis sie
selbst von dem tobenden immer wachsen»
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Sinacher-Sonnenthal, Band 35
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Sinacher-Sonnenthal
- Band
- 35
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 388
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon