Seite - 204 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Sinacher-Sonnenthal, Band 35
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Smolka 204 Smolka
nach langem Suchen bewußtlos in seinem
Blute schwimmend gefunden. S. hatte
sich mit einem Rasnmesser zwei tiefi
Schnittwunden am Halse beigebracht,
Die Absicht eines Selbstmordes lag un-
zweifelhaft vor. Wollle man auch als
Ursache dieses Schrittes die Melancholie
gelten lassen, welcher S. seit längerer
Zeit verfallen und die in seiner Familie,
wie es schien, herrschend war, wobei man
zur Bestärkung dieser Ansicht die Thal-
sacke erwähnt, daß ein Bruder Smol>
ka's. der in höchst angenehmen Verhält«
nifsen lebte, bercits im Jahre. 1831 durch
Selbstmord seinem Leben ein Ende ge-
macht, so lagen doch nach gepflogenen
Erhebungen viel gewichtigere Gründe
- vov, welche diesen Schritt hinreichend
erklärten. Smolka, der sich durch nichts
bestimmen ließ, der Revolution, welche
durch Hänge-Gendarmen und ähnliches
Beiwerk eine neue Illustration gewon»
nen hatte, beizutreten, der ferner seinen
beiden Söhnen die Betheiligung am Auf«
stände streng verbat und auch andere junge
Männer ermähnte, sich von demselben
fernzuhalten, wurde von dem geheimen
Revolutions-Tribunale des Todes schul«
dig befunden und ihm das Todesurtheil
m's HauS geschickt. Um nun der Voll'
streckung dieses Mordes zu entgehen,
hatte der Unglückliche Hand an sich ge«
legt. Glücklicherweise waren die zw^i
Schnittwunden, welche S. sich beigebracht,
nicht tödtlich. Alle diese Thatsachen und
Umstände wurden wohl nach der Hand in
Abrede gestellt und als Märchen bezeichnet
und die Ursachen dieses Selbstmordver.
suches auf ein durch eigenes und das Un>
glück seines verblendeten Volkes gefteiger.
tes Kopfleiden zurückgeführt. Jeder, der
die polnischenVerhältniffe überhaupt kennt
und die damaligen zu beobachten Gele-
genheit gehabt, lst leicht in der Lage. sich über diese Selbstmordgeschichte S.'s ein
eigenes Urtheil zu bilden, und sich die
Frage: ob Congestionen die Ursache deS
Versuches waren, sich das Leben zu nehmen,
selbst zu beantworten. Die Heilung S.'s
nahm längere Zeit in Anspruch, und
während dieser, wie in der nächstfolgenden
Zeit hielt sich S. vom öffentlichen Leben
völlig zurück. Erst nach einiger Zeit
tauchte sein Name in politischen Kreisen
wieder auf, wobei die Schritte, welche er
insbesondere in letzter Zeit unternahm,
nicht danach angethan waren, das Prä-
stige seines Namens, den im Achtundvier»
ziger- und den nächstfolgenden Iabren
die Gloriole des staatsmannischcn Han»
delns umärahlt hatte, zu steigern. Im I .
l863 tauchte S.'s Name wieder auf, als
Graf Belcred i , der damals als Mini-
ster des Innern an der Spihe der Ge»
schäfte des Staates stand, Smolka in
einem Schreiben aufforderte, sich über
die Lage Galiziens zu äußern, und zu-
gleich auszusprechen, was die Negierung
thun solle, um den Wünschen der Bevöl»
kerung zu entsprechen und das Wohl
dieser Provinz zu heben. Gewiß war S.
der rechte Mann, der diese Fragen voll
zu beantworten im Stande war. denn er
war eine der einflußreichsten Persönlich»
keiten im ganzen Lande und erfreute sich
der Sympathien fast aller Parteien. Bei
den bald darauf erfolgten LündtagSwahlen
betrat er im November, naä) längerer
Zeit zum ersten Male, die Nednerbühne.
Dabei geschah elwas Unerwartetes, waS
mit der ganzen Vergangenheit S m olka's
nicht in Einklang zu bringen ist. Zunächst
befürwortete er die Candidatur Golu»
chowski's und forderte das ganzo Land
auf, daß es für dessen Wahl sich erkläre.
Was der Graf Goiuchowski gegen
die Autonomie versündigt, meinte S., sei
m Auftrage B a ch'ü geschehen: als Mini«
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Sinacher-Sonnenthal, Band 35
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Sinacher-Sonnenthal
- Band
- 35
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 388
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon