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von nun ab zur Sicherheit desselben das
Pfarrhaus Tag und Nacht zu bewachen.
Von der Festlichkeit am 30. Mai 1848,
welche Szaszkiewicz angeregt, datirt
daS erste öffentliche massenhafte Auf»
treten der Ruthenen als Opposition
gegen die revolutionäre, Oesterreich feind>
liche Partei der Polen in Galizien,
welche nun erkannte, daß sie mit einem
bisher übersehenen Factor, mit den Ru
thenen, als deren Haupt jetzt der rutheni
sche Pfarrer galt. zu rechnen hatte. Den
Vorgängen in Stanistawow folgten
spater ähnliche in anderen Orten, so in
Kolomea.Zolkiew. Brzezany. überall, wo
eine zahlreichere ruthenische Bevölkerung
wohnte. I n Lemberg selbst hatte sich
zwar seit April die ruthenische Haupt
Versammlung constituirt und in Oppo>
fition gegen die dortigen Umtriebe der
polnischen Rebellion eine Loyalitats«
adreffe an Seine Majestät den Kaiser
abgesendet, aber sie stand mit den Ruthe«
nen an anderen Orten noch nicht im Ver»
kehre. Nun fanden im Monat Juni die
Wahlen der Abgeordneten zu. dem con«
stituirenden Reichstage in Wien statt.
Im Wahlbezirke Mariampol, zu dem
Szaszkiewicz gehörte und in wel-
chem er für die Gemeinde Uhrinow als
Obmann der Wahlcommission fungirte.
ging er fast einstimmig als Abgeordneter
aus der Urne hervor. Da er aber bereits
tags zuvor, am l4. Juni. im Wahl«
bezirke MonastyrSka. zu welchem er nicht
gehörte und in welchem er sich um ein
Mandat gar nicht beworben, ein solches
erhalten und auch angenommen hatte,
so suchte er nun in Mariampol den Pro-
feffor der HumanitatSclassen zu Stani-
stawow. Eustach Prokopczyk, nach.
maligen Gymnasialdirector und Schul-
rath durchzubringen, was ihm auch ge«
lang. Im Reichstage, an dessen Ver> Handlungen er als stetiges Mitglied und
Referent des Petitionsausfchuffes thati-
gen Antheil nahm, hielt er sich mit seinen
ruthenischen Collegen. welche gegenüber
der polnischen Fraction freilich in be-
trachtlicher Minorität sich befanden, ent»
schieden zur österreichischen conservativen
Partei, die kaiserliche Regierung in allen
Fragen unbedingt unterstützend. Was
ihm aber daselbst ein besonderes Ansehen
und einen schwerwiegenden Ginfluß ge-
wann, war das Vertrauen, welches ihm
die galizischen Landleute, gleichviel ob
sie der polnischen oder ruthenischen Na«
tionalitat angehörten, zuwendeten. Sie
hörten auf seinen Rath, welcher bei ihren
Abstimmungen maßgebend war. So
wurde Szaszkiewicz auch in Folge
dieses Vertrauens auf ihren Antrag zum
Dolmetsch der Fragestellungen vor den
Abstimmungen in ruthenischer und polni«
scher Sprache vom Reichstage bestellt.
Ts gewahrte — Schreiber dieses berichtet
aus eigener Anschauung — einen ganz
eigenthümlichen Anblick: dieser stattliche,
durch seine imposante Haltung und den
Ausdruck leidenschaftsloser Ruhe im mil»
den Angesicht auffallende Priester und
seine Garde, diese athletischen und durch
ihre eigenthümliche ländliche Tracht grell
abstechenden Bauern gestalten, welche durch
ihre Stimme bei wichtigeren Abstimmun«
gen nicht selten das entscheidende Gewicht
in die Wagschale fallen ließen. Oft sah
man den ganzen Trupp durch die Straßen
WienS wandernd, sich an den zuvor nie
gesehenen Merkwürdigkeiten und dem
regen Leben der Residenz mit nicht
geringem Erstaunen weidlich ergötzen.
Die damalige ZeitungSpreffe fand an
dem Auftreten des ruthenischen Priester«
Deputirten und seiner Garde wenig
Gefallen, und wie allen loyal Gesinnten
widerfuhr auch ihm die Ehre, von den
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Susil-Szeder, Band 41
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Susil-Szeder
- Band
- 41
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1880
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 340
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon