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Szöchenyi. Stephan 261 Aöchenyi, Stephan
Die Opposition mehrte sich mit jedem
Jahre, und Szächenyi wurde es ge.
wahr, daß sich innerhalb eines Decen-
niums — 1831 bis 1841 — die Dinge
völlig zu seinen Ungunsten geändert
hatten. Kossuth wurde nicht müde,
die sogenannten Widersprüche in des
Grafen Schriften nachzuweisen, freilich
sich aller Künste und Listen bedienend,
welche unehrenhaft sind, indem er
ganze Sätze auS ihrem Zusammenhange
riß. auch wenn eS ihm paßte, dieselben
entstellte. Und so schlug er den Grafen
scheinbar mit dessen eigenen Waffen, in
seinem Leibblatte schreibend: „Ehemals
war Szöchenyi Demokrat, jetzt müsse
man ihn für einen Aristokraten halten.
Ehemals war er die Geißel der reform«
feindlichen Partei, jetzt scheint er selbst
den Conservativen anzugehören". Wie er
mit solchen Lügenworten den Mob
köderte und gegen den Grafen auf»
stachelte. daS bedarf Jenen gegenüber.
die den Mob, welcher nun einmal seine
Hetze haben muß und zur Fahne Des-
jenigen schwört, der ihm diese Hetze
bereitet, genau kennen, keiner weiteren
Erörterung. Szöchenyi verhielt sich
natürlich gegen K o s s u t H'S wenig
wählerisches Vorgehen nichts weniger
denn unthätig, sondern veröffentlichte
damals, 1841, seine Schrift: ,Das
Volk deS Ostens" (H. kolot nöxs), worin
er gegen feinen Widersacher in ent«
schiedenster Weise zu Felde zog. Aber
das war eine ganz andere Fechtart,
und Kossuth, welcher die Massen
hinter sich hatte, stand im Zenith der
Volksthümlichkeit, wahrend der Graf
seinen Anhang täglich sich schmälern sah.
Kossuth verschmähte kein Mittel, das
ihn die Massen gewinnen machte. Dabei
kamen ihm ein zündendes Rednertalent
und eine brillante Feder zu statten. Graf Szächenyi dagegen sprach nicht glän-
zend, aber warm und wahr; er schrieb
keinen brillanten Styl. sondern trocken,
nüchtern, doch jeder Sah war eine
Wahrheit, eine wohlerwogene Thatsache;
Kossuth holte die Phrasen seiner
Rednergabe aus einer zügellosen Phan«
tafie, an deren Schemen er einige Zeit
vielleicht selbst glaubte; Szöchenyi,
nüchtern, klar denkend, ein kalter Rechner,
aber ein Patriot vom Wirbel bis zur
Zehe, sprach nur das, woran er selbst
glaubte, sprach auch überzeugend, jeden
Redeprunk vermeidend, aber mit so ab«
gemessener, wenn noch so klarer Sprech«
weise ködert man keine Massen, und die.
wenigen Jünger, die einem solchen
Meister folgen, mögen wohl für ihn in
den Tod gehen, sind aber nicht im
Stande, ihn von dem Wege abzubringen,
der zum Calvarienberge der Verfol»
gung führt, und auf den noch alle jene
Reformatoren, die nicht Betrüger sind,
geschleppt wurden. Wenn Szs chenyi
sah, daß sein Gegner es gar zu arg
trieb, dann verließ auch ihn der Gleich»
muth, und einmal verstieg er sich in
seinem „Keiot nöpe" zu den schweren,
aber prophetischen Worten: „Der Re-
daoteur deS „I>o8ti Nirlap" fehlt darin,
daß er mit Waffen der Phantasie kämpft
und nicht mit kalten Zahlen — auf diese
Weise kann man das ohnehin zum Fana«
tismuS geneigte Volk selbst zur Erneue«
rung der Autodafös und zur Aufstellung
der Guillotine bewegen". Damals ermaß
man die Bedeutung jener ohne Groll,
ohne Emphase, aber aus der Tiefe der
Ueberzeugung gesprochenen Worte nicht;
acht, neun Jahre später sollte man ihre
ganze Wucht an den Kolbenstößen der
slavischen Regimenter empfinden, welche
aus Croatien und Rußland gekommen
waren, um die Honväds zu Paaren zu
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Susil-Szeder, Band 41
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Susil-Szeder
- Band
- 41
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1880
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 340
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon