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Aechenni, Stephan 263 i) Stephan
betrat die Tribüne mit den Worten,
Vielen werde sein Erscheinen bei einer
solchen Frage sonderbar dünken. Jedoch
glaube er in dieser Frage, in welcher er
gewiß competent sei. mitsprechen zu
sollen. Wenn wir uns aufrecht erhalten
wollen, so kann dieS nur mit einem di«
sciplinirten Heere der Fall sein. Es ist,
.wie sein Vorredner Szentkirä. lyi
treffend bemerkte, unmöglich, mit bloßer
Begeisterung zu siegen. Selbst daS freie
Nordamerika erkenne, daß man gewisse,
dem lieben Viehe ähnliche Menschen nur
durch Prügel zu leiten vermöge. Schiffs-
capitain Ma i l land. welcher Napo-
leon nach Elba führte, habe ein neues
System versprochen, und zwar mit Ab«
schaffung einer jeden körperlichen Züchti«
gung, aber seine eigenen Matrosen hätten
eS mißbilligt. Wenn man die Schlechten
nicht bestrafe, so würden die Guten dafür
büßen muffen. Man dürfe den Heer«
führern nicht dieses letzte Mittel, die
Disciplin aufrecht zu erhalten, aus den
Händen nehmen. Anders sei es unter
dem alten System gewesen, doch sei
jetzt keine Willkür, kein Mißbrauch zu
fürchten. Da trat P a t a y auf und
meinte, er wundere sich über S z ö-
chenyi, der früher die Fahne des
Fortschrittes getragen und jetzt die des
Rückschrittes schwinge. Der Debatte folgte
ein Pistolenduell, in welchem P a t a y
den Grafen fehlte, dieser, bekanntlich ein
ausgezeichneter Schütze, seine Kugel
neben Patay durch die Luft pfeifen
ließ. Indessen gingen die Ereignisse ihren
verhängnißoollen Gang weiter, Kos-
suth in der Kammer loyal, spann heim«
lich mit der Linken Verrath. Die Nach-
richten über einen möglichen Einfall
Ielacic's, der die Drauarmee zusam»
mengezogen, riefen allgemeine Bestür«
hervor, die Ansichten über die Po» litik deS Wiener Cabinets regten die
Gemüther auf; die Stimmung der
Massen wurde taglich gespannter, der
Gemüthszustand derselben täglich ge»
reizter. Bat thyanyundDeäk hatten
sich in den letzten Tagen deS August
nach Wien begeben, um zu einem mög'
lichen Ausgleich der Interessen vorauS
Bahn zu brechen. Dann folgte am
4. September eine aus hundert Mit»
gliedern bestehende reichstägliche Depu»
tation, um die Sanction der Kriegs« und
Finanzvorschläge zu erbitten und Seine
Majestät den Kaiser zu bewegen, seinen
Sitz in Ofen auszuschlagen, indem dieS
noch die einzigen Mittel zur Herstellung
des Zutrauens wären. I n dieser Zeit
herrschte in Pesth im Ministerium beinahe
gänzliche Anarchie. Während die in der
Hauptstadt zurückgebliebenen Mitglieder
von Wien irgend ein Resultat erwar-
teten, daS ihnen den Orientirungsfaden
in die Hände geben konnte, war Kos»
suth entgegengesetzter Meinung und
hatte schon in den letzten Tagen des
August beschlossen. sich auf die Leiden»
schasten des Volkes zu stützen. Zwei
politischen Freunden, denen Szschenyi
in diesen gewitterschwangeren Tagen be»
gegnete, erzählte dieser, daß Kossuth
die Festung durch plötzlichen Sturm ein>
nehmen oder, wie er sich ausdrücke, „für
die Nation sichern" wolle. Aus diesem
Grunde bereite derselbe einen Krawall
vor und halte dreitausend Stück Brüs-
seler Waffen versteckt, die er auf Kosten
des Staates angekauft habe; der Palatin
sei von dem ganzen Plan in Kenntniß
gesetzt und zögere nur. einen entscheiden«
den Schritt zu thun. Während Szö»
chenyi dies erzählte, wuchs seine Ge-
reiztheit mit jedem Worte. Die Puls-
ädern seiner Hand schwollen an und bil»
deten beinahe einen Knoten. „Ich lese
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Susil-Szeder, Band 41
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Susil-Szeder
- Band
- 41
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1880
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 340
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon