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Thalberg, Sigitzmim!
immer eine anziehende Erscheinung, auch wenn
seine Finger die zahlreichen Klavierstücke, h^
er hinterlassen hat, nichi luehr beleben. Arbeiien,
wie seine große Phantasie über Nossini's
,,>lo8^, 0z». 33, und andere, verdienen ihre
bleibende Stelle in der Literatur des Claviers.
Gegen die Hoden Meister seiner Kunsi ist
Tbalberg nur ein Stern zweiter, wenn nicht
dritter Größe. Ader Goethe's schönes Wort
gilt auch hier: Wenn man dem Sternen-
bimmel naher tritt und die Sterne zweiter
und dritter Größe nun auch zu fiimmern an-
fangen und jeder auch als zum ganzen Stern«
bild gehörend, hervortritt, dann wird die
Welt weit und die Kunst reich." — An anderer
Stelle schreibt Ambros: „Charakteristisch für
Tbalbcrg den Klavierspieler ist es. daß er
selten andere als eigene Kompositionen vor»
trug. An Bach, Beethoven u. s. w. ging!
er scheu vorüber. Nenn er Beethoven's
Allegretto der siebenten Symphonie in seiner
eigenen Art verarbeitet, so war das natür-
lich nlcht medr Beetdoven, sondern Tbal-
berg. Ein ^lu-artett von ^ns low, daß er
mit dm Brüdern Mül le r spielte (als „fünf- !
ter Bruder Mül ler" , wie sich damals ein
Musikfreund humoristisch ausdrückte), wurde
unter seinen Händen hinreißend. Die Pariser
schwärmten ordentlich, als er es auch in Paris
vortrug. „Jeder Schüler könnte es spielen",
rief ein Pariser Kritikus, „aber der Ausdruck,
mii dein Thal berg es hören laßt, ist nicht
in die Noten hineingrauiri". Wie fein übrigens
Tbalbcrg die Schönheiten fremder Com-
positioncn empfand, zeigt seine Sammlung:
..I/arr äo cUlnitei-, Hi)M<iu<5 au, V^ '^"
ssiebe in der „Uebersicht der Kompositionen
Tbalberg's": Oj». 7, Serie I—IV^j, wo er
Stücke von Mozart , Pcrgolese. N o s si n i
und Anderen scbr sinnig und schön fürs Clavicr
lurechiluachi. auch als pädagogisches Werk
interessant." — Und noch an einer anderen
Sielle macht Ambroö folgende charakteri-
stische Bemerkung: „Vergleicht man Thal« !
berg's Kompositionen mit den ibnen gleich- !
zeitigen Modesachen von Henri) Herz , !
«^'zernn u. s. w., so wird man finden, daß!
sie diesem Geflitter und Gestalter gegenüber!
scbr viel mebr. Körper, Fülle und Gehali haben !
— er verbalt sich dazu etwa wie ein ge- ^
dlümter schwerer öponer Seidenstoff zu leichtem !
Bänderwcrk von Halbseide",— Hanslick über !
Thalbcrg. „Tb a lb erg". schreibt Or. Han s-
lick, „ist der eigentliche Vater der neuen ^
Klavierschule, deren Charakter „elegante Ro- maniik" und deren glücklichste ErMdung die
Führung der Melodie in der Mittelftimme,
umspielt von reichen Passagen, war-.. Im
Anfange der Dreißiger-Jahre datie Tdal<
berg. hilfreich und gefällig, wie er stets war.
medr in fremden, als in eigenen Akademien
gespielt; 'die Gesellschafts-- und Spiritual'
Concerte, die unersättlichen Nohltoaiigkeitscon'
cerie. endlich fremde concertirende Collegen
fanden in Tbalberg einen bereitwilligen
Mitwirkenden. Als eine eigenthümliche Indi- ,.
vidualität, schöpferisch in Komposition und > ,
Spielweise, endlich als vollkommener Meister >
des Technischen erschien er jedoch erst um die
Mitte dcr Dreißiger-Iahre. Seine Erfolge in
Frankreich. Belgien und England batten Th a l-
berg die Glorie europäischer Berülnutdeit
verlieben; in seinen Concerten im Winter
i836/:l7 trat er vor die Wiener wie eine neue
Erscheinung. Nun stand er auf der Höhe.
Bewunderung war die einzige Kritik, die er
erfuhr; was und wie er es ibat, wurde sofort
Mode. Er spielte nicht mebr mit Orchester,
selbst nicht in seinem ersten November-Concert
4836, das durch eine Kuvertüre mit ganzem
Orchester eingeleitet wurde. Er brachte auch
nur mehr eigene Kompositionen, warum sollte
er Aclteres. Glanzloseres vorführen, warum
jemand Anderen als sich selbst verherrlichen?
Die P e r s önli ch keit des Virtuosen trat nun
als Hauptsache in den Vordergrund. Thal«
berg's Elauierstücle, zierlich, elegant, glänzend,
bei aller Schwierigkeit höchst spielgerecht, ohne /
Kraft und Tiefe, aber nicht ohne einen Schim-
mer von Geist und Schwärmerei, fanden
enormen 'Anklang. Sie baben ungleich medr
auf die O!oncertrepertoires gewirkt als Liszt's
Comvositionen. Ueberall spielte man Thal«
berg und Alles von Thal berg, während
von 3iszt nur sehr wenige Stücke („3ucia<
Phantasie", ^(3lUop cki-oma.riq.ue", einige
Schubert-Paraphrasen) von der übrigen Pia-
nistcnschaar adovtirt wurden. Was an Thal--
berg'o Tviel vor allem charakteristisch vol>
trat und unwiderstehlich anzog, war die Ver«
cinigung einer außerordentlichen Bravour mit
dcni weichsten singenden Anschlag und einer
uornebmen Nubc. welche den Hörer in das .
Behagen einer wonnigen Sicherheit und Un<
feblbarkeii versetzte. Tcr Geist der Selbst»
beberrschung und des Maßbalwis schwebte
über seinem Tact, seine gleiche glänzende Me-
chanik, wie die ruhige Glätte seines Portrages
waren einzig zu nennen. Einen wohligen er-
freulichen Eindruck machte sein Tpicl immer.
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Band 44
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Terlago-Thürmer
- Band
- 44
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 360
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon