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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Terlago-Thürmer, Band 44
Seite - 131 -
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Seite - 131 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Terlago-Thürmer, Band 44

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Thalberg, Cigi 131 ^ Sigismund Tvährend der Andere, vom Schicksale durch ein bängeres Erdenwallen begnadet, in seinem Dldlerfluge gegen die Sonne künstlerischer Voll» «ndung sich zu einer von keinem anderen Vir» tuosen erreichten Höhe aufgeschwungen hat und >auf dieser sich nach gegenwärtig erhält. Wenn ich ungeachtet dessen die Virtuosität der beiden Pianisten zum Gegenstande einer vergleichen« 5>en Beurtheilung mache, insoweit dies bei zwei so grundverschiedenen Künstlernaturen und bei den aus diesen hervorgehenden Kunst« leistungen überhaupt möglich ist, so kann es nur auf jene Zeit Bezug haben, wo beide Virtuosen rivalisirend in Wien Concerte gaben, .-nämlich auf das Jahr 4838. Was Beide im hohen Grade besaßen, war eine zur höchsten Potenz ausgebildete Technik, eine Bravour, deren sich vor ihnen noch kein Clavierspieler rühmen konnte. Nur unterschieden sich Beide in der Art, wie sie diese in ihrem Spiele zur 'Geltung brachten, wesentlich von einander. Während sich Liszt wie ein külmer Schwim- mer waghalsig vom hohen Tchwungbrette köpf« über in die Wogen der schwierigsten Passagen "stürzte und diese mit der Macht einer bis zur erstaunlichsten Kraftäußerung gesteigerten tech» nischen Fertigkeit bewältigte, zeigte sich nicht -minder eigenthümlich und überraschend die Bravour Thalberg's. Auch ihm genügten Hie bisher bekannten Schwierigkeiten nicht. Er schuf sich neue, in welchen er alle Schattirun« gen seines Vortrages zum Ausdrucke brachte, Hie, wenn sie auch für andere Pianisten keine unlösbaren Räthsel blieben, doch von keinem seiner Nachfolger mit jener Eleganz. Sicher« deit und Vollendung ausgeführt wurden, wie nur allein von ihm. Während in dem Vor« trage des Letzteren bei den Kundgebungen eines -aufs Höchste gesteigerten Fingerspieles die größte Ruhe und Gelassenheit vorwaltete, über« Haupt der kühle Hauch aristokratischer Noblesse darüber hinzog, charakterisirte das Spiel i 'Liszt'6 eine geniale Nngebundenheit, die scheinbar allen Fesseln der Schule und Doc- , trin Hohn sprach. Eine wilde Naturkraft / macht sich bei ihm bemerkbar, eine ungezügelte Phantasie, welche zu den lichten Höhen des Himmels sich aufschwingt, aber auch nieder» steigt zu dem nächtlichen Dunkel verlassener Grüfte und Alles in den Bereich seiner musi« kalischen Productivität zieht. Während der briose, vielstimmige Vortrag Thalberg's, in welchem er womöglich den ganzen Tastenplan zur imponirenden Ansprache zu bringen wußte und die localen Wirkungen der entlegensten T^nregister zusammenfaßte, die ImitationS« Figuren in Kreise weitere drängte, so daß sein Spiel mitunter als ein vierhändigeS erschien, in Allem aber der Zierlichkeit und Schönheit der Form huldigte, wirkt Liszt bei ebenso unbeschränkter Beherrschung der vollständigen Tastatur durch die Nebeneinanderstellung der verschiedenartigsten Contraste. Ihm ist es augen> scheinlich mehr um die Charakteristik der Stim« mung, als um die Formensch ön< des musika« tischen Gemäldes zu thun, das er vor dem Hörer aufrollt. Daher kommt es auch. daß mitunter Fehlgriffe und Willkürlichkeiten bei Liszt, bei Thalberg niemals vorkommen. Bezug» lich der Compositionen dieser beiden Virtuosen ist in jenen von Liszt — ich spreche hier immer nur von den Clavierwerken, welche bis in die Dreißiger-Jahre von ihm componirt und auch öffentlich gespielt wurden — selbst auch in solchen, wo sich die tollsten Virtuosen« künste breitmachen, der Componist sich in Bizarrerien verirrt und in wunderlichen Son- derbarkeiten ergeht, stets Humor oder Gefühl, immer aber Frische des Geistes und eine lie> bensroürdige Keckheit zu finden, die als Aus« druck seines Ichs. weniger auf äußere Wirkung berechnet sind und. mitunter vom poetischen Dufte angehaucht, unmittelbar auf den Geist und das Gemüth wirken. Selbst in seinem Passagenwerk ist die Technik immer auf interes- sante Weise durchgeistigt. Anders verhält es sick bei Thalberg. Allerdings bat dieser in seinen Compositionen dem Claoierspiele viele neue und schöne Effecte erschlossen; allein seine Phantasie bewegt sich in viel engeren Kreisen, und seine Ideen, die er in eine bestimmte Form hineinzwängt, mußten sich ausschließlich dem Gebote äußerer Schönheit und Anmuth beugen. Wie in seinem Vortrage mehr die berechnende Ueberlegung, als der Ausdruck der Inspiration vorwaltet, die ihn bei der groß« artigsten Technik zu den rafsinirtesten, immer aber graziösen und noblen Ertravaganzen führte, so sind auch seine Compositionen nicht freizusprechen von dem Vorwurfe derManierirt« heit und der ängstlichen Berechnung auf Kosten der freien Entfaltung echt künstlerischer Be< seelung. Am meisten hat Thalberg die Phantasie über bekannte Motive cultivirt, weil eben diese Bekanntheit der Melodie seiner Bearbeitung zu Hilfe kam. Obgleich diese Form, welche später viele Nachahmer fand, jetzt aber beinahe ganz außer Cours gesetzt ist. sich als sehr unsprechend bewährte und dem Ohre schmeichelte, so ging dabei doch 9*
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Terlago-Thürmer, Band 44
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Terlago-Thürmer
Band
44
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1882
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
360
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
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