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Thalberg, Cigi 131 ^ Sigismund
Tvährend der Andere, vom Schicksale durch ein
bängeres Erdenwallen begnadet, in seinem
Dldlerfluge gegen die Sonne künstlerischer Voll»
«ndung sich zu einer von keinem anderen Vir»
tuosen erreichten Höhe aufgeschwungen hat und
>auf dieser sich nach gegenwärtig erhält. Wenn
ich ungeachtet dessen die Virtuosität der beiden
Pianisten zum Gegenstande einer vergleichen«
5>en Beurtheilung mache, insoweit dies bei
zwei so grundverschiedenen Künstlernaturen
und bei den aus diesen hervorgehenden Kunst«
leistungen überhaupt möglich ist, so kann es
nur auf jene Zeit Bezug haben, wo beide
Virtuosen rivalisirend in Wien Concerte gaben,
.-nämlich auf das Jahr 4838. Was Beide im
hohen Grade besaßen, war eine zur höchsten
Potenz ausgebildete Technik, eine Bravour,
deren sich vor ihnen noch kein Clavierspieler
rühmen konnte. Nur unterschieden sich Beide
in der Art, wie sie diese in ihrem Spiele zur
'Geltung brachten, wesentlich von einander.
Während sich Liszt wie ein külmer Schwim-
mer waghalsig vom hohen Tchwungbrette köpf«
über in die Wogen der schwierigsten Passagen
"stürzte und diese mit der Macht einer bis zur
erstaunlichsten Kraftäußerung gesteigerten tech»
nischen Fertigkeit bewältigte, zeigte sich nicht
-minder eigenthümlich und überraschend die
Bravour Thalberg's. Auch ihm genügten
Hie bisher bekannten Schwierigkeiten nicht. Er
schuf sich neue, in welchen er alle Schattirun«
gen seines Vortrages zum Ausdrucke brachte,
Hie, wenn sie auch für andere Pianisten keine
unlösbaren Räthsel blieben, doch von keinem
seiner Nachfolger mit jener Eleganz. Sicher«
deit und Vollendung ausgeführt wurden, wie
nur allein von ihm. Während in dem Vor«
trage des Letzteren bei den Kundgebungen eines
-aufs Höchste gesteigerten Fingerspieles die
größte Ruhe und Gelassenheit vorwaltete, über«
Haupt der kühle Hauch aristokratischer Noblesse
darüber hinzog, charakterisirte das Spiel
i 'Liszt'6 eine geniale Nngebundenheit, die
scheinbar allen Fesseln der Schule und Doc-
, trin Hohn sprach. Eine wilde Naturkraft
/ macht sich bei ihm bemerkbar, eine ungezügelte
Phantasie, welche zu den lichten Höhen des
Himmels sich aufschwingt, aber auch nieder»
steigt zu dem nächtlichen Dunkel verlassener
Grüfte und Alles in den Bereich seiner musi«
kalischen Productivität zieht. Während der
briose, vielstimmige Vortrag Thalberg's, in
welchem er womöglich den ganzen Tastenplan
zur imponirenden Ansprache zu bringen wußte
und die localen Wirkungen der entlegensten T^nregister zusammenfaßte, die ImitationS«
Figuren in Kreise weitere drängte, so daß sein
Spiel mitunter als ein vierhändigeS erschien,
in Allem aber der Zierlichkeit und Schönheit
der Form huldigte, wirkt Liszt bei ebenso
unbeschränkter Beherrschung der vollständigen
Tastatur durch die Nebeneinanderstellung der
verschiedenartigsten Contraste. Ihm ist es augen>
scheinlich mehr um die Charakteristik der Stim«
mung, als um die Formensch ön< des musika«
tischen Gemäldes zu thun, das er vor dem Hörer
aufrollt. Daher kommt es auch. daß mitunter
Fehlgriffe und Willkürlichkeiten bei Liszt,
bei Thalberg niemals vorkommen. Bezug»
lich der Compositionen dieser beiden Virtuosen
ist in jenen von Liszt — ich spreche hier
immer nur von den Clavierwerken, welche bis
in die Dreißiger-Jahre von ihm componirt
und auch öffentlich gespielt wurden — selbst
auch in solchen, wo sich die tollsten Virtuosen«
künste breitmachen, der Componist sich in
Bizarrerien verirrt und in wunderlichen Son-
derbarkeiten ergeht, stets Humor oder Gefühl,
immer aber Frische des Geistes und eine lie>
bensroürdige Keckheit zu finden, die als Aus«
druck seines Ichs. weniger auf äußere Wirkung
berechnet sind und. mitunter vom poetischen
Dufte angehaucht, unmittelbar auf den Geist
und das Gemüth wirken. Selbst in seinem
Passagenwerk ist die Technik immer auf interes-
sante Weise durchgeistigt. Anders verhält es
sick bei Thalberg. Allerdings bat dieser in
seinen Compositionen dem Claoierspiele viele
neue und schöne Effecte erschlossen; allein seine
Phantasie bewegt sich in viel engeren Kreisen,
und seine Ideen, die er in eine bestimmte
Form hineinzwängt, mußten sich ausschließlich
dem Gebote äußerer Schönheit und Anmuth
beugen. Wie in seinem Vortrage mehr die
berechnende Ueberlegung, als der Ausdruck der
Inspiration vorwaltet, die ihn bei der groß«
artigsten Technik zu den rafsinirtesten, immer
aber graziösen und noblen Ertravaganzen
führte, so sind auch seine Compositionen nicht
freizusprechen von dem Vorwurfe derManierirt«
heit und der ängstlichen Berechnung auf Kosten
der freien Entfaltung echt künstlerischer Be<
seelung. Am meisten hat Thalberg die
Phantasie über bekannte Motive cultivirt, weil
eben diese Bekanntheit der Melodie seiner
Bearbeitung zu Hilfe kam. Obgleich diese
Form, welche später viele Nachahmer fand,
jetzt aber beinahe ganz außer Cours gesetzt
ist. sich als sehr unsprechend bewährte und
dem Ohre schmeichelte, so ging dabei doch
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Band 44
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Terlago-Thürmer
- Band
- 44
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 360
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon