Seite - 191 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Terlago-Thürmer, Band 44
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Theben 191 Theben
sich befanden, der unter allen Umständen
drückend für sie selbst war, so argumen«
tirten sie folgendermaßen: entweder sind
wir ebenbürtige Söhne unserer Heimat,
und dann beanspruchen wir gleiche
Rechte, oder wir sind es nicht, und dann
muffen uns doch unsere Kinder bleiben,
um uns beizustehen in unserem kümmer-
lichen Broterwerbe und in den Leiden,
welche wir unter dem Haffe der übrigen
uns feindseligen Volksstämme erdulden.
Der Militärdienst war für die Juden eine
harte Pflicht; nicht so sehr die Trennung
von der Familie, welcher auch der christ-
licbe Soldat entzogen wird, war, was sie
peinlich berührte, aber, um mit den
Worten eines Juden zu sprechen: „sie
muffen verbotene Speisen genießen, müssen
das altehrwürdige Peffachfesr entweihen,
die Sabbatfeier vernachlässigen und indem
die Unglücklichen das Psalmbuch mit sicb
führen, geschah es denn nicht selten, daß
die Sckaufäden des Schwertes blanke
Scheide berührten". Grund genug, daß
die Israeliten Alles daran setzten, die
Aufhebung jener Maßregel zu erwirken.
Bereits wurde dieselbe im Februar 1788
im Brünner Kreise, im März desselben
Jahres in ganz Böhmen und Mähren
mit schonungsloser Strenge durchgeführt.
Eine Audienz, welche eine Deputation
Rabbiner, mit Koppel Theben an
der Spitze, in Wien bei Kaiser Joseph
nahm, blieb erfolglos, ein im ersten
Augenblicke genehmigter Ausweg: Ersatz-
männer zu stellen, wurde abgelehnt und
endlich die ganze Mahregel auch auf die
Juden in Ungarn ausgedehnt. Indessen
stand daselbst an der Spitze einer Partei
Naftali Rosenthal aus Mor in der
Stuhlweißenburger Gespanschaft, welcher
der Uebernahme der Militärpflicht mit
aller Wärme das Wort redete, weil er in
richtiger Voraussicht auf eine bessere und ehrenvollere Existenz der Juden hoffte.
Als Haupt der Gegner desselben aber
arbeitete Koppel Theben mit allem
Aufgebot seines Geistes gegen die Militär
Pflicht. Dabei ereignete sich ein komiscbel.
Zwischenfall. Der Vorstand der Rechnitzer
Juden, Ahron, macbte sich dafür an-
heischig, daß der ungarische Reicbstag
! keine jüdischen Recruten verlangen werde.
! Das Verhältniß, in welchem er zu seinem
^ Grundherrn dem Cardinal Primas B a r-
thyäny stand, ermöglichte es ihm, bei
demselben die Bitte vorzubringen, gegen
die Recrutirungsmaßregel auf dem Land'
, tage zu opponiren. Der Prälat, welcher
^ gegen die Begünstigung der Protestanten
^ im Namen des qesammten Clerus Protest
einlegte l!>. Februar 179l), hörte seinen
^ jüdischen Arendator freunolick an und
! um ihm gefällig zu sein, bemühte er sich,
als die Militärpflichtigkeit der Juden auf
^ dem Landtage zur Spracke kam, zu be-
! weisen: „daß die Juden gar nicht
> würdig seien, unter der ungari-
schen Fahne zu dienen"! Der ge-
^ lehrte Oberrabbiner zu Szegedin Leo-
> pold Löw sBd. XV. S. 413^ > bemerkt
! hierüber zutreffend: „Man könnte fragen,
! wer den ungarischen Israeliten größeren
^ Schaden zugefügt: Vrzbischof Robert
^ (1223) unter dem zweiten Andreas
' oder Cardinal Bat thyäny unter dem
^ zweiten Leopold (1791)?" Als Kaiser
^Leopold I I . in Preßburg ersckien, um
! sick zum Könige von Ungarn krönen zu
j lassen, stand am Fuße des Krönungs-
! Hügels auch die Preßburger Juden-
! gemeinde, geführt von Koppel The-
rben, um nach altem Braucb die Huldi-
! gung zu leisten. Und der Kaiser über-
! reichte ihm bei dieser Gelegenheit zur
ewigen Erinnerung an die Feier eine
sechzehn Ducaten schwere goldene Denk-
münze. Im Jahre 1791, bei Beginn des
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Band 44
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Terlago-Thürmer
- Band
- 44
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 360
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon