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Thürheim, Maria Anna 306 Maria Anna
Glied desselben wurde auch nur im Ge- l Städte vorzuziehen. Ihr wohlwollendes
ringsten übersehen oder vernachlässigt. ! Herz wünschte sich immer nur dahin, wo
Sie vergaß sich, um nur auf Andere zu j sie unbemerkt Gutes wirken konnte. Oft,
denken, jede Klage, jeder Zwist der > ja täglich besuchte sie die Hütten der
Hausleute wurde durch ihre Güte ge-! Armen, erkundigte sich freundlich nach
hoben; ihre Tugenden machten das Haus ^ deren Bedürfnissen, gab dem Dürftigen
ihres Gatten zur Wohnung des Friedens, ! Kleidung und Nahrung, dem Kranken
der Freude und des stillen Glückes. Arzneien, jedem Traurigen Rath und
Ohne Unterschied des Standes war Jeder, Trost, selbst auf dem Sterbebette mit
herzlich willkommen, der durch feine Bil- i dem Tode Kämpfenden stand sie — ein
düng und wissenschaftliche Kenntnisse > liebreicher Engel — mit tröstendem Zu-
darauf Anspruch erheben durfte. Sie spruche bei. Ueberzeugt von den Män-
lernte gern, aber nicht um zu glänzen,
sondern um zu nützen. Sailer's und
Zollikofer's Schriften, Sturm's Be-
trachtungen, das deutsche Brevier, Tho-
mas a Kempis u. dgl. waren ihre
Erbauungsbücher. Aus den neuesten
Schriftstellern sammelte sie eigenhändig geln im Unterrichte der ländlichen Jugend,
suchte sie wohlwollend und hellsehend
auch da zu helfen. Um die Jugend nütz-
lich zu beschäftigen und arme Mädchen
die nöthigen Handarbeiten erlernen zu
lassen, errichtete sie in Hagenberg eine
Näh- und Strickschule, über welche der
einen sehr zweckmäßigen Auszug
lischen Inhaltes, zum Gebrauche für ihre die Aufsicht zu führen hatten, und sorgte
Töchter. Sie hatte bewahrte Kenntnisse
von der Botanik und unterhielt auf den
Schlöffern ihres Gemals zu Hagenberg
und Weinberg eine kleine Hausapotheke.
„Medicinische brauchbare Kräuter zu
sammeln", sagt ein Freund von ihr, „war
eine ihrer Beschäftigungen auf dem
Lande, sie trocknete oder destillirte sie
und theilte die daraus bereitete Arznei
Kranken in der Stadt und auf dem
mit, aber jedesmal mit Vorwissen
der Aerzte, bei denen
sie
sich
selbst vorher
darüber erkundigte. Nie werde ich an
Sommermorgen den Himmelbrand blühen
sehen, ohne an sie, diese edle Menschen-
freundin zu denken! Welch ein Fest es
für sie war, bei ihren Spaziergängen vor
dieser Pflanze still zu stehen und deren
Blüthen in ihr Tuch zu sammeln oder
selbe aus den Händen ihrer munteren
Kinder zu empfangen!" Es lag in ihrem
tiefen Gemüthe, das ländliche Still-
leben dem Glänze und Geräusche der testamentarisch dafür, daß auch nach
ihrem Tode diesen wohlthätigen Anstalten
die Fortdauer gesichert sei. Ihre Unter-
gebenen und Hausleute versah sie mit
Büchern, theils zur Erbauung, theils
zur Unterhaltung, damit sie den Gefahren
der Langweile entgehen und zugleich
ihre nöthigen Kenntnisse erweitern möch-
ten, zu welchem Behufe sie auch eine
eigens gewählte Bibliothek auf ihrem
Landgute Hagenberg hinterließ. Sie zeigte
ihre höhere Geistes- und Herzensbildung
durch Sanftmuth und Ertragen der
Fehler ihrer Dienstleute, durch Zweck-
Mäßigkeit in Ergreifung der Hilfsmittel
zu deren Verbesserung, durch stete«Sorg-
falt für deren Wohl und dadurch, daß sie
diese dienende, oft sehr ungebildete Classe
zur Frömmigkeit, zum Anstande und zur
Bekämpfung aufbrausender Leidenschaften
anleitete. Nnd selbst da, wo gebieterische
Umstände eine unnachsichtliche Strenge
forderten, strafte sie mit Milde und be-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Band 44
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Terlago-Thürmer
- Band
- 44
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 360
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon