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Thürheim. Maria Anna 307 Thürheim, Maria Anna
schenkte den entlassenen Dienstboten noch
mit freigebiger Großmuth. So war sie
in jeder Gesellschaft eine erfreuliche Er>
scheinung, nicht tonangebend, für Nie
mand drückend, doch verbreitete sich
überall Ernst und Würde, wo
sie sich
zeigte. Reine Andacht ward ihr innigstes
Seelenbedürfniß, und durch die Aus
Übung jeder schönen Tugend, die aus
dieser Frömmigkeit hervorsproß, erschien
dieselbe Jedem ehrwürdig. Sie fand
Trost im stillen Gebete; aber ihre
Gottesliebe zeigte sich noch mehr im Han
deln, als im Empfinden, mehr noch in
Ausübung gottgefälliger Werke der Barm
Herzigkeit als in langen Gebeten. Tiefes
Gefühl ihrer Abhängigkeit vom Schöpfer
der Welt, ruhige Ergebung in jedes
ihrer Schicksale, wahre kindliche Demuth
gaben ihrem Charakter eine seltene Festig-
keit. Ihr ganzes Leben war eine ununter-
brochene Selbstverleugnung, und Pflicht
ging ihr über Alles! Ihr Biograph sagt
in der unten citirten Quelle: „Man
erregt leicht den Verdacht, als werde
hierdurch von einem Ideal gesprochen,
nicht mit historischer Treue von einer
Wirklichkeit; aber doch war sie so, und
die Wahrheitsliebe, frei von allen schmei
chelnden Rücksichten, gibt ihr dieses wahr
hafte einstimmige Zeugniß". Mit der
größten Gelassenheit ertrug sie die mehr«
jährigen Leiden einer schwankenden Ge°
sundheit und bewies dabei eine Sanft'
muth und Geduld, die nur die Frucht
langer Uebung und echter Religiosität
sein konnte. Sehr oft beschäftigte
sie der
Gedanke an ihren Tod; in solcher
Stimmung schrieb sie auch einen Monat
vor ihrem Hinscheiden an ihren Gemal
und ihre Kinder Briefe, welche diese edle
Frau unter ihren Papieren hinterließ, als
schöne Vermächtnisse ihres Geistes, den
sie uns in seiner ganzen Größe und Reinheit sehen lassen! Diese Briefe sind
vollinhaltlich in der unten angegebenen
Quelle abgedruckt. Die vielen Anstren-
gungen der Gräsin, deren Lebensart ihr
dieselben zur Pflicht machten, und ihre
rastlose Thätigkeit hatten ohne Zweifel
viel zu dem kränklichen Zustande ihres
Körpers beigetragen, in welchem sie
viele Jahre hinbringen mußte. I n den
letzten Wochen aber eilte sie schnell und
sichtbar dem Grabe zu. Sie wünschte
langer hier zu sein, denn sie war die
glücklichste Gattin und Mutter; aber sie
wußte auch zu sterben, wie
sie
zu leben
und zu leiden verstanden hatte. Sich
gleich bis zum letzten Augenblick ihres
Lebens, blieb sie stets sorgfältig, thätig
und wohlthuend und ordnete noch immer
das Hauswesen an; sie schrieb, da sie
nicht mehr laut sprechen konnte, um ja
kein Geschäft halbgethan zu hinterlassen.
Es war am 41. October 4798 zu Linz,
als
sie
im 53. Lebensjahre eines sanften
Todes entschlief. Ihre Leiche wurde nach
Käfermarkt nächst dem Schlosse Weinberg
überführt und in der Thürheim'schen
Familiengruft daselbst beigesetzt, in deren
Capelle kindliche Pietät ihr eine Ge-
dächtnißtafel in der Mauer angebracht
hat. Auch befand sich im Schloßgarten
zu Hagenberg ihr Monument mit der
kurzen, aber sinnreichen
Inschrift: Prunk-
los wie ihre Tugend! Lange noch lebte
das Andenken an diese edle Frau in dem
Herzen der ärmeren Bewohner von Linz,
dem Sitze der ehemaligen Amtsthätigkeit
Hres Gemals, sowie jener von dessen
Gütern Weinberg und Hagenberg, wo
5e mit ihrer Familie sich gewöhnlich
den Sommermonaten aufhielt.
Schlichte grol l (F.). Nekrolog auf das Jahr
1798 (Gotba 1802. bei Pertheö) Bd. I»
S. 113. — Allgemeiner National-
kalendrr für Tirol und Vorarlberg auf das
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Band 44
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Terlago-Thürmer
- Band
- 44
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 360
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon