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CoScana, Maria Ferdinanda 213 Toscana. Maria Ferdinanda
Werke versäumte, so bot sich in Florenz
und ganz Toscana der Großherzogin ein
weites Feld zu wohlthätiger Wirksamkeit.
Selten, so schreibt unser mehrerwähnter,
in der Geschichte Toscanas so wohl
unterrichteter, unbefangener und somit
höchst zuverlässiger Gewährsmann, ist
unter gleichen Umständen und bei gleichen
Mitteln so viel, so theilnehinend, so ver-
ständig, so rücksichtsvoll gewirkt worden,
nicht blos in einzelnen außerordentlichen
Fällen, an denen es nicht gefehlt hat,
sondern täglich, regelmäßig, wie in Tos-
cana unter Ferdinand und Leopold,
ohne daß man die Zeitungen zu Hilfe
nahm, um jedes Gnadengeschenk dem
Publicum einzuläuten. Mar ia Ferdi-
nanda täuschte sich über die Wendung,
welche, da die Zeichen sich täglich mehrten,
die Dinge zu nehmen drohten, auch nicht
einen Augenblick. Der Popularitäts-
schwindel des Sommers und Herbstes
1847 stößte ihr von allem Anfang Be-
sorgniß ein. Aber sie konnte es nicht
ahnen, daß der Mann, der bei dem
Monstre-Fahnenzug des 12. September
d. I . hinter dem Großherzog 3eopold
auf dem Balcon des Palastes Pitti
stand, und welchem dieser Großherzog,
obgleich er sich einst über ihn zu beklagen
gehabt, erst die Erziehung seines ältesten
Sohnes, dann die Verwaltung des Innern
anvertraut hatte, zwölf Jahre später,
einer der Haupturheber des Sturzes der
Dynastie werden sollte Warchese Ri»
dolf i). Aber sie sah, daß man sich auf
einem Wege befand, der zum vollstän.«
digen Wechsel des Bestehenden führen
mußte, ohne daß irgend einer sich klar
machte, was an die Stelle desjenigen zu
setzen sei, dessen Zerstörung man stück«
weise ohne Regel, ohne Plan, ohne Vor-
ficht, ohne des Zieles zu achten, betrieb.
Es ging dann, wie es gehen mußte: die Alten waren bei Seite geschoben, die
Neuen, so ehrlich und wohlmeinend
manche derselben sein mochten, waren
unerfahren, unschlüssig und somit bald
ohnmächtig gegenüber dem Andränge der
eigentlichen Revolution, die, wie gewöhn»
lich, allein sicb ihres Zieles bewußt war.
Erst Siena, dann Porto Santo Stefano,
endlich Gaeta und Neapel, dies waren
die Etapen der großherzoglichen Familie
! zu Anfang 1849. I n einem kleinen
Hause der endlos langen Straße Molo
di Gaöta, welche zugleich die Heerstraße
ist, wohnte der Großherzog bis zum
Frühling. Es war eine Zeit, in welcher
man sich nicht darüber wunderte, von
Souveränen in einem Schlafzimmer
empfangen zu werden. Ruhigere Jahre
folgten, aber das alte Verhältniß hat
sich in Toscana nie wieder recht her>
gestellt, das Bewußtsein des innigen
Zusammengehens ist nie mehr recht
zurückgekehrt. Die Großherzogin führte
während dieser Jahre das still thätige
Leben, an welches sie gewöhnt war.
Werke der Wohlthätigkeit, fromme Uebun-
gen, geistige Beschäftigung, Handarbeit
nahmen die Zeit in Anspruch, welche daS
Familienleben für die Pflichten ihrer
Stellung frei ließ. Mit ihrer fast in
gleichem Alter stehenden Stieftochter, der
Erzherzogin M a r i a I u i s e , deren
schwächlicher Körper einen männlich kraf«
tigen Geist barg — die andere Stief-
tochter war die Witwe Carlo Albertos
und Mutter des Königs Victor Ema-
nuel — brachte sie meist die Abende zu,
wenn nicht die ganze Familie sich zu-
sammenfand. Die Unterhaltung der
Großherzogin war immer lebendig, an-
regend und anziehend. Was die geistigen
Gaben der edlen Fürstin betrifft, so besaß
dieselbe scharfen Verstand, mannigfal-
tiges Wissen, reiche Erfahrung und wußte
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Toffoli-Traubenburg, Band 46
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Toffoli-Traubenburg
- Band
- 46
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 330
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon