Seite - 233 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Toffoli-Traubenburg, Band 46
Bild der Seite - 233 -
Text der Seite - 233 -
Tüth. Coloman 233 Tuth, Colcnnan
Toth's ist die Abschaffung des Zeitungs-
stempels, für die er mit gesinnungsvoller
Thätigkeit offen und heimlich plaidirte
und agitirte. Durch zwei Legislatur-
perioden sehte er für seinen Antrag Alles
in Bewegung und schrieb endlich im
„k^stl Xaplo" als Oppositioneller Ar-
tikel, die er, um die Spur von sich abzu-
lenken, mit der Unterschrift „EinDeäkist"
versah. Und schließlich drang er durch.
Indeß sollte er durch einen parlamentari-
schen Zwischeufall um die längst im
Kopfe getragene Rede kommen, mit der
er dem Zeitungsstempel das letzte Ehren-
geleite zu geben gedachte. Das erschöpfte
Haus ließ den Antragsteller gar nicht
mehr zu Worte kommen und rief ihm,
als er den Versuch machte, zu reden, ein
stürmisches „Angenommen" in Beglei-
tung des obligaten „NHsn" zu. T<'»th
aber, von dem Präsidenten des Hauses
zu diesem Erfolg beglückwünscht, rief,
ein bekanntes Volkslied traveftirend: „Den
Zeitungsstempel, nun, den könnt' ich noch
ertragen s doch die verhcilt'ne Red',
die liegt mir schwer im Magen". Vier
Legislaturperioden hindurch hatte er be-
reits im Parlamente gewirkt, als er sich
geistig erschöpft und körperlich ermattet
fühlte, und er legte das Mandat nieder,
in dessen Ausübung er ohnehin bei seiner
etwas fehlerhaften Aussprache auf orato- !
rische Triumphe kaum Anspruch machen >
konnte. Was nun Coloman Tüth'sz
Stellung in der ungarischen Literatur an- !
belangt, so wurde anfänglich dieselbe z
stark angefochten. Während seine An
Hänger ihn für den Nachfolger Petöfi'c
erklärten, ja zu der Behauptung sich ver- !
stiegen, daß er denselben übertreffe, und
er besonders in Frauenkreisen großer Be-',
liebtheit sich erfreute, anerkannten Andere
wohl sein poetisches Talent und dessen
Fruchtbarkeit, doch mit der Einschrän- kung, daß er nur in abgetretenen Geleisen
sich bewege und, so sehr er sich selbst
dagegen wehre, bis zum Plagiat ein
Nachahmer Petöfi 's ohne Spur von
dessen Genie sei. Jetzt, da er gestorben
und die Frauen ihm den Kranz der Un-
sterblichkeit auf den Sarg gelegt, jetzt ist
das Urtheil über ihn ein leidenschafts-
loses und durch sorgfältigere Kritik ge-
läutertes. Dieses bezeichnet ihn als den
formvollendetsten und gemüthvollsten
derjenigen ungarischen Lyriker, welche
das fieberhaft erregte Jahrzehnt zwischen
den Sechziger- und Siebenziger-Iahuen
beherrschten. Ein noch nicht reifer Jung»
ling, wurde er von der Revolution mit-
gerissen, und diese zwei Jahre, die er
kampfend und dichtend durchgelebt, waren
es, die befruchtend auf ihn wirkten, und
es ist zutreffend, wenn ein Kritiker sagt:
„nicht nur der Mensch, sondern auch der
Dichter Co lomanT <> th wurzelt in der
Revolution", die ihm bis ans Ende seines
dichterischen Schaffens stets dankbare
Stoffe für seine Dichtungen lieferte. Als
Lyriker feiert er der Liebe Lust und Leid,
welche er beide bis zur Neige ausgekostet.
Aber nicht die erotische Liebe, die Liebe
überhaupt ist sein Evangelium, sie ist
der goldene Schimmer, der mehr oder
weniger alle seine Gedichte überfließt.
„Vor Allem aber", schreibt sein jüngster
Biograph, „liebt Töth seine Nation,
liebt er sein Vaterland, und dann liebt
er die ganze Menschheit, liebt besonders
die Polen, deren trauriges Schicksal ihm
nahe ans Herz geht, und zu deren Bei-
stand er die ewige Gerechtigkeit anruft",
vielleicht in der Vorahnung, daß die Ra-
dicalen in seinem Vaterlande dasselbe
mit ihrem Chauvinismus in das nämliche
Schicksal hineinjagen. Seine letzten Le-
bensjahre waren von schwerer Krankheit
getrübt, die Le'^r des frühgealterten Dich-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Toffoli-Traubenburg, Band 46
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Toffoli-Traubenburg
- Band
- 46
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 330
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon