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, Joseph 237 Tuch, Joseph
schwer genug gemacht wurden und seine
Geduld mitunter stark auf die Probe
stellten. So besaß eine seiner Schülerinen
ein wahrhaft imposantes Aeußeres und
war eine prächtige Bühnenerscheinung, sie
hatte auch ein schönes Organ und eine
fehlerlose Aussprache, vermochte aber die
Stellen, welche einen leidenschaftlichen
Ton heischten, nicht in demselben zu
declamiren. „Mit mehr Feuer", rief ihr
Täth zu, „denken Sie sich in die Lage
dieses unglücklichen Mädchens hinein, das
von ihrem Geliebten verlassen ist. Würden
nicht auch Sie in einem ähnlichen Falle
weinen und wehklagen?" Die Schülerin,
ein echtes Fräulein der Gegenwart, ent-
gegnete entschieden: „Nein, ich würde
mir einen Andern nehmen". Der Lehrer,
entwaffnet, schwieg, und sehr war er er-
freut, als nach einiger Zeit diese Dame
das Institut verließ. Mehrere Jahre hatte
Toth als einer der Ersten am Pefther
Nationaltheater gewirkt, als ihn mit
einem Male eine Heiserkeit befiel, die
nicht weichen wollte und ihn hinderte,
seine Kunst auszuüben; er mußte für
längere Zeit seinen Beruf, für den er be»
geistert war, unterbrechen. Als dann im
ungarischen Ministerium die Theaterfrage
auf die Tagesordnung gesetzt und mit
Anderen auch Toth, obgleich leidend,
zur Enquete berufen wurde, rief er einem
Freunde, der sich zu gleichem Zwecke ins
Ministerium begab und ihm auf dem
Wege dahin begegnete, freudig zu: „DaS
ist der schönste Tag der ungarischen Schau»
spielkunst, denn es ist dies die erste Ge-
legenheit, die man den Schauspielern gibt,
in Angelegenheit ihres Schicksals und
ihrer Zukunft ein Wort mitreden zu
dürfen. Ich freue mich, daß ich's erlebt
habe". Neben den großen Bühnendichtern
war Seydelmann sein Lieblingsschrift-
steller, und in seinen letzten Lebenstagen betrachtete er immer wieder mit beson-
derer Vorliebe dessen Bildniß, das in
einem schönen Exemplare an der Wand
hing. I n einem seiner gedruckten Briefe
hatte er die Worte: „Ja, die Collegen
sind nur Collegen" mit Bleistift unter-
strichen, und als von seinen Collegen nur
ein Einziger zu seinem Krankenbette kam,
sagte er schmerzlich jene Worte und wischte
mit zitternder Hand die Thräne aus dem
Auge. Seine Krankheit dauerte lange
und zehrte alle Ersparnisse des früher
wohlhabenden Künstlers auf, so daß er
seine Witwe und vier Kinder, eine
Tochter und drei Söhne, mittellos zurück-
ließ. Bis zu seinem letzten Augenblicke
blieb er bei Besinnung. Seine Gattin
und sein ältester Sohn wachten Beide bei
ihm. Um eilf Uhr Nachts faßte er den
kräftigen Arm seines Sohnes und seufzte:
„Wie viel hatte ich mit solchen Armen
noch spielen können!" Als er schon nicht
mehr sprechen konnte und sein Sohn ihm
nochmals die Hand küßte, schrieb er auf
ein Papier den sonderbaren Wunsch:
„Küßet Niemandem auf der Welt die
Hand!" Mit Meisterschaft spielte Toth
Intriguants, überhaupt war er groß als
Charakterdarsteller. Auch als Schrift-
steller thätig, schrieb er das Original-
drama „O?-Fa2<Ha^ d. i. Der Hehler, und
übertrug Hebbel's „Judith", Shake-
speare's „Die zwei Edelleute von
Verona" und'„Heinrich VI ." , letzteres
Werk unter dem Titel: „^okör 68 xiros
1-6289.") d. i. Die weiße und rothe Rose,
ins Ungarische. Mit ihm stieg die letzte
Größe des ungarischen Nationaltheaters
ins Grab. Die Leichenfeier war eine
große. Alles, was auf Bildung Anspruch
machte, nahm Theil daran. Superinten-
dent Török hielt eine ergreifende Leichen-
rede. Und vor dem Nationaltheater, vor
welches man den Sarg geführt, schilderte
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Toffoli-Traubenburg, Band 46
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Toffoli-Traubenburg
- Band
- 46
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1882
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 330
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon