Seite - 284 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Ullik-Vassimon, Band 49
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N) Karl August 284 Varnhagen, Karl August
senau, Haugwitz, W. von Hum«
boldt, Prinz Louis Ferdinand,
Rahel, Tieck, Rückert und fünf
Bände: „Blätter auä der preußischen
Geschichte". Neber seinen handschriftlichen
Nachlaß verfügte nun Varnhagen in
seinem Testamente folgendermaßen: „Ich
bestimme, daß meine Nichte Ludmil la
Assi na. alle meine Bücher und Papiere,
Handschriften, Briefschaften, Tagebücher
u. s. w., von denen der größte Theil ihr
schon früher von mir geschenkt worden,
ganz allein erben soll. Bei der Möglich-
keit jedoch, daß ein Unglücksfall uns Beide
zugleich aus diesem Leben abriefe, oder
daß meine Nichte Ludmil la Assing
bald nach mir und ohne ein Testament
gemacht zu haben, stürbe, verordne ich
für diesen Fall, daß meine sonstige Habe
zwar an meine älteste Nichte Ott i l ie
Assing als nächste Erbin von mir
und Ludmil la Assing übergehe, der
oben bezeichnete schriftliche Nachlaß aber,
Bücher und Papiere, an die hiesige (Ber-
liner) königliche Bibliothek abgeliefert
werde, mit der Bedingung, die Tage»
bücher und Personalien auf zwanzig
Jahre zu secretiren, nach Ablauf
dieser Zeit aber gleich den übrigen Pa»
pieren dem allgemeinen Gebrauche zu er»
öffnen. Berlin, t(). Mai 4836". War
nun auch Ludmil la Assing direct
vom Erblasser, nicht verpflichtet worden,
den Nachlaß zwanzig Jahre lang unge-
druckt zu lassen, so ergibt sich doch aus
der vorstehenden letztwilligen Verfügung
Varnhagen's, daß er denselben nicht
vor zwanzig Jahren veröffentlicht haben
wollte. Trotzdem hatte die Erbin nichts
Eiligeres zu thun, als den Nachlaß des
Oheims dem Druck zu übergeben. Bei
dem intimen Charakter, den diese Tage-
bücher und Aufzeichnungen an
sich trugen,
bei dem Umstände, daß noch lebende hoch» und höchftgestellte Personen bald mehr,
bald minder in Mitleidenschaft gezogen
wurden, erregten diese Veröffentlichungen
das höchste, ja in vielen Kreisen geradezu
das peinlichste Aufsehen. Alle Journale
wetteiferten in Veröffentlichung der pikan-
testen Auszüge aus den nach und nach
erscheinenden Bänden. Wohl übers Jahr
dauerte die Aufregung in den gebildeten
Kreisen. Der preußische Hof war in diesen
Tagebüchern am stärksten mitgenommen.
Die preußische „Kreuz - Zeitung" vom
24. November 1861, Beilage zu Nr. 273,
brachte unter der Ueberschrift: „Varn-
hagen und seine Pulverkammer" einen
fulminanten Artikel. Er beginnt: „Wohl,
ich sitze an einer Pulverkammer; wenn
ich einmal die Lunte anlege, fliegt halb
Berlin auf, aber ich mit!" So renommirt
der große Tintenklecks, der in den Tage-
büchern von K. A. Varnhagen von
Ense dem preußischen Hofe, dem Vater-
lande angehängt werden soll, ausgespritzt
von einer ruchlosen, wie zum Grabe her-
ausgewachsenen Hand. Dlle. Ludmil la
Assing, das sattsam bekannte Ideal der
von Schiller besungenen Würde der
Frauen, hat diese schmutzig fahle Todten»
Hand in Spiritus gesetzt und Herr Bro ck»
haus in Leipzig, der reine Gentleman
der deutschen Preffe, das Monstrum in
das Museum seiner Verlagswerke auf-
genommen. Nun — die Pulverkammer
ist aufgeflogen; aber ganz Berlin ist
stehen geblieben. Ja, wer noch einen
Tropfen preußischen Blutes, einen Funken
deutscher Sitte, einen Hauch von Pietät
in sich hat..., der sagt mit den Worten
der V a r n h a g e n'schen Tagebücher,
deren Motto sie sein sollten: „Zum
Ausspeien", der sagt, was Varnhagen
darin von einem Anderen schreibt: „Nun
ist er todt, und trotzdem daß er todt ist,
kann ich doch nichts weiter sagen als —
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Ullik-Vassimon, Band 49
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Ullik-Vassimon
- Band
- 49
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1883
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 348
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon