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N) Karl August 283 Varnhagen, Karl August
ein Halunke war er, und daß er nichts
mehr vermag, ist ein Segen". Höchstens
die scandalsüchtige Gemeinheit freut sich
des vermehrten Abklatsches des weib»
lichen Eichhoff und befindet sich beim
Lesen dieses Schandbuches so wohl, wie
der Käfer auf dem Miste. Daß diese
Entrüstung keine allgemeine war, braucht
nicht besonders bemerkt zu werden. Die
nicht betroffenen Kreise sahen die Dinge
unbefangen, ruhiger an. Nun aber, das
Aufsehen war erregt, Ludmil laAssing
hatte ihre Absicht — denn eine solche
mußte vorgelegen sein, da sich die Nichte
durch die Testamentsclausel ihres Oheims
nicht für gebunden hielt — erreicht. Der
giftige Pfeil war abgeschossen und hatte ge.
troffen. Wer nun ohne Voreingenommen-
heit den Nachlaß durchblättert, wird ge-
stehen, daß derselbe unbedingt reiches
historisches Material bietet, das aber
nur mit großer Vorsicht zu benutzen ist,
weil denn doch immer und überall die
subjective Ansicht des Schreibers die Ober»
Hand behauptet. Aber so schlimm, wie ein
Kritiker über den Autor urtheilt: „Va rn-
Hagen dachte anders, als er schrieb,
schrieb anders, als er handelte, suchte
nach dem Tode anders zu scheinen, als
er sich im Leben zeigte, war unaufrichtig
in seinem innersten Kern", stand es um
Varnhagen doch nicht. Was derselbe
schrieb, trägt offenbar den Stempel der
Wahrheit, wenn auch die Schadenfreude,
es zu erzählen, nicht wegzuleugnen ist.
Daß seine Nichte den Zeitpunkt der Ver
öffentlichung nicht abwarten würde, dies
konnte er um so weniger denken, als
letzte Willensmeinungen heilig gehalten
zu werden pflegen. Wie hoch Varn»
Hagen bei seinen Zeitgenossen in Ehren
stand, dafür spricht schon die Thatfache
der vielen Widmungen, womit bedeutende
Literatoren den in Ruhe gesetzten Autor zu ehren juchten svergl. S. 286 die Quellen).
Ueber Varnhagen von Ense ist viel
geschrieben worden, und alle Conversa-
tions-Lerika enthalten mehr oder minder
ausführliche biographische Skizzen über
ihn, wir theilen nur solche Quellen mit,
welche sich leicht der allgemeinen Kennt-
niß entziehen und da sie bestimmte Schlag
lichter auf den rücksicbtsloftn Diplomaten-
werfen, nicht ganz der Vergessenheit an«
heimfallen sollen. He ine in seinem
„Atta Troll" widmete dem wohlunter'
richteten in Ruhe gesetzten Diplomaten,
der bis in sein hohes Alter sich Interesse
an den politischen und literarischen Be-
wegungen und eine Unabhängigkeit der
Gesinnung, welche ihn noch bis kurz vor
seinem Tode zum Stichblatt junkerlicher
Gesinnung machte, zu wahren wußte, in
Caput XXIV mehrere köstliche Strophen.
Varnhagen, obwohl Katholik, wurde
seinem Wunsche gemäß gleich seinem Vater
auf dem protestantischen (Dreifaltigkeirs-)
Kirchhofe in Berlin beigesetzt. Unser
Schriftsteller, der schon 1819 als ge-
heimer Legationsrath, also im Alter von
34 Jahren und nach kaum fünfjähriger
Dienstzeit in Preußen seinen Abschied
erhielt, hat, wie wir sehen, rasch Carriere
gemacht. Wie hoch wir nun auch als
fördernden Factor sein Talent anschlagen
mögen, so war denn doch noch ein anderes
Moment dabei mitwirkend, wie er in
seinen Denkwürdigkeiten selbst erzählt.
Er besaß nämlich ein seltenes Ausschneide'
talent. Seine zierlichen, geschmack- und
phantasievollen Ausschnitte waren an
Klarheit und Feinheit wohl kaum zu
übertreffen. Ja, einzelne der von ihm
ausgeschnittenen Landschaften, Blumen,
Menschen und Thiere konnten oft nur
mit der Louve wahrgenommen werden,
und doch sah man sie voll Wahrheit und
Treue wiedergegeben. Diese Fertigkeit,
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Ullik-Vassimon, Band 49
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Ullik-Vassimon
- Band
- 49
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1883
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 348
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon