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Beethoven, Ludwig van - AEIOU

Beethoven, Ludwig van#

getauft 17. 12. 1770, Bonn (Deutschland)

† 26. 3. 1827, Wien
 
Komponist, Vollender der Wiener Klassik und Wegbereiter der Romantik


Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven. Porträtskizze von F. G. Waldmüller, 1823 (1943 zerstört, bis dahin in Besitz von Breitkopf & Härtel, Leipzig).
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Ludwig van Beethoven wurde am 17. Dezember 1770 in eine Musikerfamilie in Bonn geboren. Sein Vater war sehr ehrgeizig und wollte er aus seinem Sohn ein Wunderkind wie Mozart machen.


So wurde er von seinem Vater (Tenorist der Bonner Hofkapelle), einigen Bekannten der Familie Beethoven und ab ca. 1780 durch den Hoforganisten Christian Gottlob Neefe unterrichtet.


Ab 1784 wurde Ludwig van Beethoven in den Besoldungslisten der Bonner Hofkapelle geführt, wo er aber schon ab 1783 zeitweise seinen Lehrer vertreten durfte; seine ersten Veröffentlichungen erschienen in Bonn.


Beethoven pflegte enge Kontakte mit der Familie Breuning, die auch für seine Wiener Jahre von Wichtigkeit wurde. 1787 besuchte er erstmals Wien, um bei Wolfgang A. Mozart zu studieren. Er musste jedoch nach 14 Tagen wegen einer schweren Erkrankung der Mutter zurückreisen.


Die Mutter starb, der Vater verfiel dem Alkohol, daher musste Beethoven für die Familie sorgen – was ihm nur gelang, da er wegen seines großen Talents finanziell von Mäzenen unterstützt wurde. Im Dezember 1790 traf er in Bonn erstmals mit Joseph Haydn zusammen, der ihn 1792 nach Wien einlud. Beethoven nahm die Einladung an und ging nach Wien, um bei Haydn seine Studien abzuschließen.


(Sein Gönner Ferdinand Graf Waldstein schrieb dazu: "Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozarts Geist aus Haydns Händen.") Beethoven lernte bei Haydn bis zu dessen 2. Englandreise 1794, dann bei Johann Georg Albrechtsberger und Antonio Salieri.


Die Empfehlungsschreiben seiner Bonner Gönner und Freunde, allen voran Graf Waldstein, öffneten Beethoven die Türen der Wiener Gesellschaft, wo er trotz seines bisweilen als exzentrisch empfundenen Auftretens bald als Pianist und Improvisator sehr geschätzt war.


1795 gab er im Burgtheater sein erstes öffentliches Konzert in Wien. Die enge Verbindung mit dem Adel und der Wiener Gesellschaft drückte sich auch in den zahlreichen Widmungen aus (zum Beispiel an Breuning, Brunsvik, Kinsky, Lichnowsky, Lobkowitz, Rasumowsky, Erzherzog Rudolf), die Beethoven seinen Werken voransetzte.


Viele dieser Widmungsträger waren Gönner, die Beethoven durch Unterstützung bzw. eine liberal gehandhabte Anstellung ein Leben als freier Künstler ermöglichten (zum Beispiel Lobkowitz und Lichnowsky). Besonders hervorzuheben ist hier auch Erzherzog Rudolf, der ab 1803 nicht nur Beethovens Schüler, sondern auch einer seiner großzügigsten Gönner wurde (die "Missa solemnis" wurde zu seiner Weihe zum Bischof von Olmütz geschrieben).


Dank dieser Unterstützung und mit den Einnahmen aus seinen Kompositionen, konnte Beethoven das Leben eines weitgehend unabhängigen Künstlers führen.


1808 erhielt er vom Kasseler Hof ein Angebot für die Stelle eines Kapellmeisters – worauf ihm Erzherzog Rudolph und die Fürsten Lobkowitz und Kinski ein Jahresgehalt von 4000 Gulden vertraglich zusicherten, damit er in Wien blieb.


Beethoven machte Konzertreisen durch die deutschen Fürstentümer und verbrachte Kuraufenthalte in Böhmen. Ein Gehörleiden, dessen erste Anzeichen 1794 zu bemerken waren, verschlimmerte sich ab 1801 zusehends (das Heiligenstädter Testament von 1802 ist in diesem Zusammenhang zu sehen) und führte schließlich zur völligen Ertaubung Beethovens um zirka 1818 (bereits 1815 hatte Beethoven sein letztes öffentliches Konzert gegeben).


Er sich mehr und mehr von den Menschen zurück, zog nach Heiligenstadt, wo er nicht einmal mehr seine besten Freunde empfing.


Die ab dieser Zeit geführten "Konversationshefte" sind heute eine bedeutende Quelle der Beethoven-Forschung.


1815 starb sein Bruder Caspar und Ludwig übernahm die Vormundschaft für dessen Sohn Karl, was ihn aber ziemlich belastete. Sein letztes Werk, ein Streichquartett, vollendete Ludwig van Beethoven 1826.


Als Beethoven nach längerer schwerer Krankheit starb, wurden für sein Begräbnis alle künstlerischen Kräfte Wiens mobilisiert: Zahlreiche Berühmtheiten (unter anderem auch Franz Schubert) begleiteten den Trauerzug, und der Schauspieler Heinrich Anschütz verlas die von Franz Grillparzer verfasste Grabrede.


1888 wurde Beethovens Leichnam vom Währinger Ortsfriedhof in ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof überführt.


Beethoven ging mit seinen Symphonien, aber auch mit den letzten Streichquartetten neue Wege, die deutlich in die Romantik weisen: Gerade auf dem Gebiet der Symphonie wurde er zum bewunderten wie auch belastenden Vorbild der Musikergenerationen nach ihm (zum Beispiel für Johannes Brahms).


Beethovens Symphonien spannen den Bogen von der klassischen Form zur großen Symphonie der Romantik (mit Ersetzung des Menuetts durch das Scherzo) bis hin zur Sprengung der bisher rein instrumentalen Gattung durch Einsatz des Chors in der 9. Symphonie. In der thematischen Arbeit ging Beethoven über die bis dahin gehandhabten Konventionen hinaus - oft werden die Themen mottoartig verkürzt (zum Beispiel zu Beginn der 3. und der 5. Symphonie). Die Vorliebe zu einem großen Klangapparat übernahm Beethoven von den französischen Revolutionskomponisten, verfeinerte aber deren plakative Technik, wobei ihm "mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei" vorschwebte.


Beethovenhaus
Beethovenhaus in Wien 19, Heiligenstadt, Pfarrplatz.
© Österreich Werbung, Bohnacker.

Ihm sind im 1. Wiener Bezirk der Beethovenplatz, im 9. Bezirk die Beethovengasse, im 19. Bezirk der Beethovengang und im 23. Bezirk die Beethovenstraße gewidmet.


Denkmäler:

Wien 1, Beethoven-Platz (von C. von Zumbusch)
davon ein Gussmodell(info) im Konzerthaus
Wien 19: Beethoven-Gang (von A. D. von Fernkorn)
Wien 19, Heiligenstädter Park (von Fritz Hänlein)
Wien 19, Pfarrplatz 3(info) (Die Plastik von Christian Rudolf Welter ist ein Geschenk an die Gesellschaft der Musikfreunde, stand vorerst im Musikvereinsgebäude und wurde 2004 am Heiligenstädter Pfarrplatz 3 enthüllt.)


Kenotaph(info): Wien 18, Schubertpark

Ehrengrab(info): Zentralfriedhof, Gr. 32A/29


Beethoven-Gedenkstätten:

Wien 1, Mölkerbastei(info)
Wien 2, Augarten(info)
Wien 3, Landstaßer Hauptstr. 26(info)
Wien 3, Ungargasse 5(info)
Wien 6, Laimgrubengasse 22(info)
Wien 6, Millöckergasse (Theater an der Wien)(info)
Wien 8, Alserstraße (Trinitarierkirche)(info)
Wien 8, Trautsongasse 2(info)
Wien 9, Schwarzspanierstraße 15 (Gedenktafel(info) und Porträtmedaillon)(info)
Wien 12, Hetzendorfer Str. 75A(info)
Wien 19, Billrothstraße 42
Wien 19, Döblinger Hauptstraße 92(info)
Wien 19, Grinzinger Straße 64
Wien 19, Kahlenbergstraße 26(info)
Wien 19, Pfarrplatz 2(info) bzw. Eroicagasse 2(info)
Wien 19, Probusgasse 6
Wien 19, Silbergasse 4(info)
Wien 21, Jeneweingasse 17(info)


-->Ludwig van Beethoven: Streichquartett op. 135 (Musik-Lexikon)
-->Beethoven (Musik-Kolleg)
--> Historische Bilder zu Ludwig van Beethoven (IMAGNO)


Hörproben#





Österreichische Mediathek Hörprobe


Sonate Nr. 21 C-Dur op. 53 „Waldstein“, 1. Satz: Allegro con brio
Interpret: Friedrich Gulda (Klavier); Amadeo 431 117-2, 1968 (Ausschnitt)

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Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68 "Pastorale", 3. Teil: "Lustiges Zusammensein der Landleute"
Interpreten: Chicago Symphony Orchestra, Sir Georg Solti (Dirigent); © Decca 421 773-2, 1989 (Ausschnitt)

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Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68 "Pastorale", 3. Teil: "Lustiges Zusammensein der Landleute"
Interpreten: Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan (Dirigent); aufgenommen: 11.1982, Berlin; Label: Deutsche Grammophon 415 066-2 (Ausschnitt)

Musik spielen


Werke:

  • 9 Symphonien
  • Oper "Fidelio" (1804/05, 1806 und 1814)
  • 2 Messen
  • Ouvertüren und Bühnenmusik (Leonoren, Coriolan, Die Weihe des Hauses, Die Ruinen von Athen, Egmont)

Konzerte:

  • 1 Violinkonzert
  • 5 Klavierkonzerte
  • 32 Klaviersonaten
  • 91 Klavierlieder
  • 10 Violinsonaten
  • 16 Streichquartette
Konzertarien, Lieder, Tänze, Rondos, Menuette, Ländler ("Mödlinger Tänze") und andere Instrumentalkompositionen (G. Kinsky und H. Halm, Das Werk Beethovens, Werkverzeichnis, 1958)
  • Gesamtausgabe, 38 Bände, 1862-65
  • Neue Gesamtausgabe, 1961 ff.
  • Briefwechsel, Gesamtausgabe, herausgegeben von S. Brandenburg und anderen, 1996 ff.


Literatur:

  • Beethoven-Jahrbuch, 1953/54 ff.
  • J. Schmid-Görg und H. Schmid, L. van Beethoven, 1969
  • S. Kunze, L. van Beethoven, 1987
  • E. Bauer, Wie Beethoven auf den Sockel kam, 1992
  • B. Cooper (Hg.), The Beethoven Compendium, 1991


Essay#

„Ewig dein ewig mein ewig unß“#

Erst die Anrede: „Mein Engel, mein alles, mein Ich.“ Und dann geht es los. Vor 200 Jahren schrieb Ludwig van Beethoven seinen Brief an die „Unsterbliche Geliebte“. Wer damit gemeint war, weiß niemand. Umso eifriger wird darüber spekuliert.#


Mit freundlicher Genehmigung von: Die Presse (Freitag, 20. Juli 2012)


Von

Otto Brusatti


Es passierte vor 200 Jahren. Sommer 1812 (das kann man aus den Papierwasserzeichen schließen), ein Brief. In der Früh begonnen, abends weiter dran geschrieben, am nächsten Tag („im Bette“) fertiggestellt – und sie wurde damit unsterblich gemacht. Nach des Schreibers Tod geistert sie als Briefinhalt herum, bis heute; und seit damals drückt sie auf die Tränendrüsen, macht den Titanen angeblich menschlich, bereitet der Wissenschaft manches Ärgernis und entzieht sich, ein wenig kokett und zugleich etwas naiv, weiterhin den Realvorstellungen.

Eine „Unsterbliche Geliebte“ ist das gewesen. Eine ganz allein? Kein Konglomerat aus vielen Beziehungen und noch mehr Wünschen? Überhaupt eine Frau?

Ein paar Blätter, Bleistift, im Vergleich zu den sonstigen Autografen des Großmeisters jedenfalls halbwegs ordentlich und leserlich verfasst. Nie abgeschickt. 15 Jahre später im Nachlass (in einer Schreibtischlade) von seinen dort herumwühlenden Adepten, die sowieso etwas wüst mit dem Erbe umgegangen sind, gefunden. Er, der Mann, der Schreiber, Verfasser, Adressant? Ludwig van Beethoven. Sie, die Frau, die (verhinderte?) Empfängerin, sein „einzig treuer Schatz“, eine (erst im dritten Teil so bezeichnete) „Unsterbliche Geliebte“? Wer also?

Schon die bekannt gewordenen Fakten zur Genese sind recht spannend und nicht nur etwas für die oft gar indignierten Biografen. Sie liefern auch Gutes für ein Herumschnüffeln à la Regenbogenpresse. Der Meister, schon ziemlich ertaubt, krank, man könnte auch sagen psychisch gar nicht gut drauf, er kommt Anfang des Monats via Prag nach Teplitz zur Kur.

Es wird vermutet, er habe in der Großstadt (1. bis 3. Juli) einen Besprechungstermin gehabt. Es kam ihm was dazwischen. Das (unvermittelte, vorbereitungslose?) Treffen mit einer Frau, angeblich. Allein, kein Kennenlernen sei das gewesen, das war ein Wiederbegegnen! Oder?

Dann jedenfalls, offenbar aufgewühlt zusammenfassend oder zur Selbstanalyse oder schlicht zur Eigenberuhigung, passiert Folgendes. Beethoven sitzt im Teplitzer Gasthaus „Zur goldenen Sonne“, wartet grantig auf sein endgültiges Kurquartier, schreibt sich etwas von der Seele. Das Wetter draußen ist scheußlich. Er findet keine Ruhe. Komponieren tut/kann er im Augenblick offenbar nicht. Er, der stets seltsame, ausufernde oder komplizierte Briefeschreiber, konzipiert wieder an einem solchen. Dessen Beginn: „am 6ten Juli Morgends. – Mein Engel, mein alles, mein Ich.“ Und dann geht es los. Man ist bald verführt zu sagen, für einen Liebesbrief ist das in den paar knappen Seiten nun Folgende ein ziemliches Durcheinander. Beethoven schwärmt von gegenseitigen Aufopferungen und beklagt zugleich die miesen und unfallreichen Kutschenverbindungen.


Schreiben, jammern, schlafen#

Er schreibt von einem „Treuen einzigen schatz“. Er unterbricht sich, hebt wieder an, „Abends Montags am 6ten Juli“, jammert, die Briefpostkutsche versäumt zu haben, kommt aber zugleich auf den „Zusammenhang des Universums“ zu reden, schimpft ein bisschen mit Gott, wird müde, legt sich schlafen („o geh mit“), schreibt „guten Morgen am 7ten Juli“ weiter. Ein einziges Mal nennt er nun erst sie (die Adressatin?) seine „Unsterbliche Geliebte“. Dann folgen ein paar Dutzend Zeilen voll Unglück, wieder mit Post-Leid, mit „Sehnsucht und Thränen“, mit Schlussfloskeln („mein Leben – mein alles – leb wohl – o liebe mich fort – verkenn nie das treuste Herz deines Geliebten L. ewig dein ewig mein ewig unß“).

Man weiß bis heute nicht, warum dieser Brief nicht weggeschickt worden ist. Oder ob das alles bloß der Entwurf für etwas sowieso Abgesandtes war, zufällig oder mit Absicht bewahrt. Oder ob Beethoven sich schlicht nicht traute, diese Blätter mit solchen Intimitäten zu versenden. Oder ob er sich – quasi in einem therapeutischen Akt – mit dem Brief einen Kummer oder ein Aufwallen in seiner Seele eben von dieser geschrieben hat und dann die Sache einfach, gesund geworden dadurch, ad acta legte.

Man weiß allerdings auch bis heute nicht, an wen dieser Brief gerichtet gewesen ist, für wen verfasst oder konzipiert. Denn es gibt keinen Hinweis anderswo oder sonst auf Papier, auch nicht in der Tradition oder aus dem Umkreis von Adorantinnen und Unterstützern. Schlicht weiterhin gefragt seit 200 Jahren: Wer war die „Unsterbliche Geliebte“ des Ludwig van Beethoven? Allein! Solch eine Frage stellen, das dürfe man, so die Meinung von kompetenter Seite und aus mancher, selbsternannter Wissenschaftsmeute, gar nicht (mehr)! Solch ein naives Grübeln aufgrund eben nicht vorhandener Fakten sei nämlich obsolet, so verkünden das seit nun auch schon einem Jahrhundert Schriften, Bücher, Untersuchungen. Aber jetzt, zum runden Geburtstag des Unsterbliche-Geliebte-Briefes agiert man überhaupt eifrig. Vor allem wird (von den meisten eifernd Eifrigen) ziemlich ex cathedra festgestellt: Alles doch eh klar, das war die Frau Josephine Brunswick! Ende der Debatte.

Gemach; und ein Blick zurück.#

Der Brief wurde als Autografenschatz herumgeschoben (heute Berliner Staatsbibliothek). Im 20. Jahrhundert legten Exegetinnen und ähnliche los. Die sich La Mara (Ida Maria Lipsius) nennende Schriftstellerin mit einem Hang zur Selbstdarstellung veröffentliche raunend schon vor dem Ersten Weltkrieg Dokumentarisches und Vermutungen. Dann begannen (bis heute und nicht eben glücklich) sich die angelsächsischen und amerikanischen Musikschriftstellereien für das Rätsel zu interessieren. Romain Rolland schlug auch hier poetisierend zu. Der slowakische und der ungarische Raum bekundeten Interesse (waren doch die infrage kommenden unsterblich geliebten Damen vielleicht von dort gebürtig). Nach Weltkrieg Zwei schwappte das nach Frankreich über, wo man, wie gerne sonst, ohne die Quellen in der Originalsprache wirklich lesen zu können, fein dahinforschte.

Erst ab den 1950ern machte das Bonner Beethovenhaus vorsichtig und mittels (damals noch teuren) Faksimiles das Original breiteren Kreisen zugänglich. Harry Goldschmidt schließlich, der große und zugleich seltsame Beethoven- oder Schubert-Forscher und recht freie Wissenschaftsfürst der DDR, legte Mitte der 1970er Befunde, Quellenzusammenfassungen und vernünftige Gedanken vor. Die Beethoven-Briefe per se werden zwar überhaupt erst seit einigen Jahrzehnten (!) ordentlich und kommentiert herausgegeben. Allein, die sonstige Beethoven-Wissenschaft hielt sich in dieser Zeit weitgehend zurück.

Seit rund einem Jahrzehnt hat die Unsterbliche-Geliebte-„Forschung“ aber wieder Konjunktur. Schriften, die mit Rätsellösungen prunken, werden ediert. Jüngst erschien ein, wie in diesem Fall üblich, streng verkündendes Buch des in Neuseeland lebenden Autors John E. Klapproth, „Beethovens einzige Geliebte: Josephine!“ Na gut. Man glaubt in all den Schriften sicher zu sein, die Dame endgültig aufgespürt zu haben. Es handelt sich ja sowieso um die Topfavoritin seit Jahrzehnten, um die Nummer eins der diversen Forschungsgilden. Viele aus dem Beethoven-Umkreis bekannt gewordenen Frauen sind zwar infrage gestanden. Giulietta Guicciardi, die Mondscheinsonaten-Frau, war bald im und dann aus dem Rennen. Dann vermutete man neben diversen versteckten „Elisen“ selbstverständlich bald die eine oder andere der Gräfinnen Brunsvik, so manche Sängerin gar oder die beiden (aufdringlichen, sich aber für die Genies ihrer Zeit höchst bedeutend vorkommenden) Musikschreiberinnen und die Historie gern verfälschenden Kunstdamen Antonie Brentano und Bettina von Arnim.

Allein – die Überlieferung und die wenigen Sekundärdokumente lassen, so die Beethoven-Geliebte-Exegese, den angeblich unwiderlegbaren Schluss zu, nur „eine kann“ (nicht einmal mehr „könnte“) es gewesen sein. Und wer war die nun wirklich, als Person, eine die – angeblich – in Beethoven (in der Manneszeit eines 30- bis 40–Jährigen) ein derartiges und Jahre hindurch anhaltendes Entzücken hervorgerufen hat?

Wilde Geschichten ranken sich um Josephine Gräfin Brunsvik de Korompa (1779 bis 1821), eine ungarische Adelige, dann Gräfin Deym von Stritetz, aus musikbegeisterter Familie (Beethoven widmete ihren Geschwistern Klaviersonaten); 1799 erstmals, 1810 zum zweiten Mal (Christoph Baron von Stackelberg) verheiratet, zwischen 1800 und 1815 mit acht Kindern von verschiedenen Männern gesegnet (Nummer sieben, Tochter Minona, kam übrigens neun Monate nach Beethovens Geliebten-Brief zur Welt); sonst: ein Leben wie in Promi-Illustrierten; Familienkatastrophen, Ehekämpfe und -krämpfe, Trennungen, Künstlerkreise, europaweite Reisen (bis zu Pestalozzi der Kinder wegen), körperliche und finanzielle Niederbrüche, charismatischer Hauslehrer (und das Gebären dessen Kindes in einer Hütte im Wienerwald); also alles ein wenig wie im Adels-Groschenroman. Aus Gediegenheit durch Leidenschaft und Kunst in Krankheit, Leid, Armut, Tod.

Allerdings – Jahre hindurch war der Star-Compositeur Ludwig van Beethoven auch immer wieder sozusagen da gewesen, rundum, in vielerlei Verwendung. Aus der Zeit zwischen 1804 und 1811 sind mindestens 14 leidenschaftliche Briefe von ihm erhalten, zeitweise ging er als Lehrer oder Genietrophäe der Familie in den jeweiligen Haushalten aus und ein. Schließlich gab es dort ein verwandtschaftliches Diktum. Die verheiratete Frau dürfe nicht immer wieder (enge?) Beziehungen zu diesem Musiker unterhalten. Doch dann war noch der Sommer 1812, Josephine eben vom zweiten Mann verlassen, Beethoven auf der Reise nach Prag . . . Wie gesagt, über Josephine lässt sich im Zusammenhang mit Beethoven wie auch hinsichtlich ihres etwas wilden Frauenlebens einiges schreiben, was ja ausreichend schon geschah. Es war und ist daher zumindest zulässig zu folgern, Beethoven habe die seit mehr als zehn Jahren immer wieder angehimmelte Frau auf dem Weg in die Kur getroffen, der Blitz habe abermals über beiden gezuckt, das Ende und das Ergebnis sind zwar schrecklich gewesen, alles hat aber immerhin (vielleicht) einen besonderen Brief und (vielleicht) sogar eine Beethoven-Tochter zu Folge gehabt. So weit, so nett.

Das Privatleben der Musikheroen ist nicht (nie) tabu. Man kann sich an den vielen Geschichten, Briefen, Seufzern, Historien, am Frauenleid und am Titanenschicksal post festum erfreuen wie während einer Romanlektüre oder vor einem Sonntagabend-Fernsehfilm, kann gemeinsam mit Josephine und Ludwig virtuell seinen ganz persönlichen Eskapismus unternehmen. Dennoch, die Frage sei gestattet: Wozu so ein nun schon jahrhundertelanges Theater um ein seltsames, manchmal gar armes, krudes Schriftstück? Abgesehen von der Lust am kleinen Voyeurismus – verstehen wir Beethovens Musik dadurch besser?

Immerhin umfassen die Josephine-Jahre die Zeit, in der ein großer Teil von Beethovens mittlerem Hauptwerk (Symphonien, Kammermusik, Konzerte, „Fidelio“) entstanden ist. Man hat sich daher redlich bemüht, vor allem in Klavier- und Vokalmusik Anspielungen auf die Frau, deren Namen, die gemeinsame Vita zu entdecken oder herauszuinterpretieren. Es blieb, wie zumeist in so einer Musikwissenschaft, ein hübsches Feld der Spekulation. Denn Beethoven verriet diesbezüglich mit vielfach zu deutenden Noten nichts.

Und darum ist es vielleicht nun gestattet, Folgendes zu sagen. Die Beschäftigung mit einer solchen Sache wirft zumeist eher Licht und Schatten auf die Sich-Beschäftiger (Forscherinnen und Forscher, Analytiker und Märchenbiografinnen) als auf Frau Josephine und Herrn Ludwig van selbst. Auch hier ist man in guter Gesellschaft. Bei Beethoven und seinen Liebesbriefen, vor allem mit diesem aktuellen Geburtstagskind, gab es Peinlichkeiten genug, Peinlichkeiten seitens der hehren Wissenschaft allerdings.

Haben die beiden nun miteinander?#

Die frühe „Forschung“ erging sich in saftigen Spekulationen. Die Musikrhetorik-Lehre stellte wilde Sprachkompositionsparameter auf, nur um ähnliches Liebesgestammel in den Kompositionen nachzuweisen. Die besonderen Werbebriefe Beethovens während der Witwenzeit Josephines wagte das Beethovenhaus in Bonn, immerhin das sich selbst als führend ausweisende Forschungszentrum, erst 1957 herauszubringen. Expertenteams bekrieg(t)en sich oft mit wüsten Worten mit Thesen und Antithesen, welche sich salopp stets auf denselben Inhalt zurückführen lassen: „Haben die beiden nun miteinander – oder nicht?“

In wissenschaftlichen Abhandlungen ging man so weit, grübelnd Vermutungen anzustellen, wie die beiden denn etwa in Prag (ein paar Tage also vor dem Briefabfassen) das geschafft hätten, es (Pardon, aber so wird spekuliert) unbemerkt, aber intensiv miteinander zu treiben. Und so fort. Erst 1977 (!) hat man den Brief im Original veröffentlicht, die schon bestehenden Fotoausgaben wurden eher heimlich so tradiert wie damals noch Sexbildchen unter dem Ladentisch.

Und dann noch, antithetisch? Tja. Andere Zugänge blieben und bleiben eher verpönt, sie werden von Teilen einer etwas grenzwertig argumentierenden Wissenschaft geradezu zornig abgelehnt. Punkt. Es soll die Jahrzehntromanze sein und bleiben. Wehe, da käme jemand und sagte: Woher wissen wir eigentlich, dass das der einzige anonyme Werbebrief Beethovens ist; vielleicht blieb jener aus 1812 bloß übrig; vielleicht schrieb Beethoven, der Womanizer, sowieso viele? Und dann – jene Josephine? War die wirklich eine leidend-liebende Hochstil-Leonore (wie die meiste Forschung das gern hätte) oder bloß eine etwas dumme Frau, die sich einfach und gern mit vielen Männern eingelassen hat?

Angeblich spielte sich nach Teplitz (und dem unehelichen Kind) nichts mehr ab zwischen den beiden. Beethoven neigte sich zudem sodann – und das sehr wohl und verfolgbar auskomponierend – dem Erzherzog Rudolf zu, nachweislich einem Mann.


Die Presse (20. Juli 2012)



Essay#

Beethovens heimliche Liebe#

Ein nie abgeschickter, langer Brief des Komponisten an die "Unsterbliche Geliebte" beschäftigt die Nachwelt#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 29./30. Dezember 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Von

Silvia Anner


  • Adressat war möglicherweise die unglückliche Gräfin Josephine von Brunsvik.


Transkription
Transkription des faksimilierten Beginns des Briefs an die "Unsterbliche Geliebte"

Nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift (mit deinem...) erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimt, welcher Nichtswürdige Zeitverderb in d.g. (=in dergleichen) ... Transkription des faksimilierten Beginns des Briefs an die "Unsterbliche Geliebte": "Am 6. Juli morgends. Mein Engel, mein Alles, mein Ich!

Nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift (mit deinem...) erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimt, welcher Nichtswürdige Zeitverderb in d.g. (=in dergleichen)...

Das Privatleben von Stars interessiert nicht erst die moderne Regenbogenpresse. Seit Mitte des 19.Jahrhunderts rätseln Musikschriftsteller und Beethoven-Forscher, wer die "Unsterbliche Geliebte" war, an die Ludwig van Beethoven in seinem berühmten Brief tief empfundene Worte einer leidenschaftlichen Liebe richtete. Das Mysterium um die Adressatin jenes Schreibens hat über Generationen zu Spekulationen, Fehlinterpretationen und zu - bewussten und unbewussten - Verfälschungen geführt.

Der dreiteilige Brief, den Beethoven am 6./7. Juli 1812 in Teplitz während einer Reise in die böhmischen Kurbäder verfasste, stellt neben dem "Heiligenstädter Testament" das bedeutendste Selbstzeugnis des Komponisten dar und wird in der Berliner Staatsbibliothek unter der Signatur Mus. ep. autogr. Beethoven 127 aufbewahrt. Er ist an eine namentlich nicht genannte Frau gerichtet, mit der Beethoven kurz zuvor, am 3. Juli in Prag, eine für die Zukunft der Beziehung entscheidende Begegnung hatte. Der Brief wurde nie abgeschickt und erst nach dem Tod des Verfassers von dessen Freunden Karl Holz, Stephan von Breuning, Anton Schindler - der mit der Fälschung und Vernichtung von Dokumenten aus Beethovens Nachlass eine unrühmliche Rolle spielen sollte - sowie Johann, dem Bruder des Komponisten, bei der Durchsuchung seiner Räume gefunden.

Allerlei Hypothesen#

Anton Schindler, der kurzzeitig Beethovens Privatsekretär war, veröffentlichte den Brief, der mit den Worten "Mein Engel, mein alles, Mein Ich" beginnt, in seiner 1840 erschienenen Beethoven-Biografie und nannte als Empfängerin des Schreibens und damit als Beethovens unbekannte Geliebte die Gräfin Julie "Giulietta" Guicciardi. Eine Spekulation, die in der Folge zu den unwahrscheinlichsten und abenteuerlichsten Hypothesen und einem Tauziehen zwischen einflussreichen amerikanischen Musikwissenschaftern und einem Teil der deutschsprachigen Beethoven-Forschung führte. Wobei Übersetzungsfehler, Unkenntnis der deutschen Sprache und Ungenauigkeiten den "Glaubenskrieg" um die Identität der "Unsterblichen Geliebten" noch verschärften.

Auf der Liste der möglichen Kandidatinnen finden sich zentrale Frauengestalten in Beethovens Leben wie Therese Brunsvik, Amalie Sebald, Dorothea von Ertmann, Antonie Brentano oder Bettina Brentano, die der Kanadier Edward Walden in einem 2011 veröffentlichten Buch als die "Unsterbliche Geliebte" zu identifizieren glaubte.

Als besonders heiße Favoritin galt aber seit Harry Goldschmidts 1977 veröffentlichter Monografie Thereses Schwester, Josephine Brunsvik. Der Musikwissenschafter hatte mit seinem Buch "Um die Unsterbliche Geliebte" eine auf Daten und Fakten beruhende Bestandsaufnahme vorgelegt, nach der nur Antonie Brentano und Josephine Brunsvik als mögliche Adressatinnen übrig blieben.

Die jüngste Publikation zur Causa "Unsterbliche Geliebte" des aus Deutschland gebürtigen, in Neuseeland lebenden Autors John E. Klapproth kommt aufgrund der akribischen Durchsicht aller einschlägigen Forschungsergebnisse - schon im Buchtitel - zum Schluss "Beethovens Einzige Geliebte: Josephine!" und zeichnet das Schicksal der Gräfin Brunsvik anhand der wichtigsten biografischen Ereignisse nach.

Die wilde und unglückliche Lebensgeschichte der Topfavoritin für die "Unsterbliche Geliebte" vereint so ziemlich alles biographische Material, das zu einem Bestseller taugen würde: Eine glückliche Kindheit in einem prächtigen Schloss in Martonvásár bei Budapest, ein glanzvolles Leben in der noblen Wiener Gesellschaft an der Seite eines wesentlich älteren Mannes, nach viereinhalb Jahren Ehe plötzlich Witwe mit drei Kindern und das vierte unterwegs, eine geheim gehaltene Liebe, die im Kampf zwischen Neigung und Pflicht unterlag, eine zweite unglückliche Ehe, Affären, eine - uneheliche? - Tochter, und schließlich das Ende, leidend, verarmt und einsam.

Beethovens-Liebe1.jpg
Eine zeitgenössische Zeichnung Josephines.
Wikipedia

Josephines erste Begegnung mit Beethoven fand 1799 statt. Ihre Mutter, Anna Gräfin von Brunsvik, war mit Josephine und ihrer Schwester Therese nach Wien gekommen, und Beethoven gab den beiden Mädchen Klavierunterricht. Er verliebte sich in die schöne 20-jährige Josephine und widmete ihr und Therese das Lied "Ich denke dein" zu einem Gedicht von Goethe. Auch Josephine war von dem damals 28-Jährigen tief beeindruckt, wie sie Jahre später schrieb: "Meine ohnedieß, für Sie enthousiastische Seele noch ehe ich Sie persönlich kannte - erhielt durch Ihre Zuneigung Nahrung. Ein Gefühl das tief in meiner Seele liegt und keines Ausdrucks fähig ist, machte mich Sie lieben; noch ehe ich Sie kan[n]te machte ihre Musick mich für Sie enthousiastisch - Die Güte ihres Characters, ihre Zuneigung vermehrte es." (Josephine an Beethoven, Winter 1806/7, in: Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, Band 1, München 1996, Nr. 265).

Musik und Liebe#

Anna Brunsvik hatte indes andere Pläne und bewog ihre Tochter zur Heirat mit dem 27 Jahre älteren Grafen Joseph Deym, der am Rothen Turm eine Kunstgalerie besaß. Trotz des Altersunterschiedes wurde es eine glückliche Beziehung. Josephine war der umschwärmte Mittelpunkt unzähliger Bälle und Feste. Und Beethoven verkehrte weiter regelmäßig in der Villa Deym und gab Josephine Klavierunterricht.

Nachdem Josephine Anfang des Jahres 1804 Witwe geworden war, entwickelte sich zwischen ihr und dem Komponisten eine immer engere Beziehung, wie leidenschaftliche Liebesbriefe zwischen 1804 und 1809 bezeugen, von denen 1957 dreizehn veröffentlicht wurden. So schrieb Beethoven 1805 an Josephine: "Sie Sie mein Alles meine Glückseeligkeit... Für Sie - immer für Sie - nur Sie - ewig Sie - bis ins Grab nur Sie - Meine Erquickung - mein Alles." (in Brandenburg, 1996, Nr. 214).

Josephines Schwester Charlotte entging nicht Beethovens erotisches Interesse an der älteren Schwester, sie machte sich große Sorgen, denn die rigiden Standesgesetze der adeligen Gesellschaft schlossen eine Heirat mit einem Bürgerlichen aus. Andernfalls hätte Josephine die Vormundschaft für ihre adligen Kinder verloren. Im Oktober 1805 schrieb die Schwester an Josephine eindringlich: "Das einzige, was ich dir raten kann, ich flehe dich an, sei auf der Hut mit B: mach es dir zur Regel, daß du ihn niemals allein siehst, noch besser wenn er nie in dein Haus kommt...".

Auf der Suche nach einem Erzieher für ihre Kinder reiste Josephine 1808 mit ihrer Schwester Therese nach Deutschland und in die Schweiz zu Pestalozzi, der sie mit dem estnischen Baron von Stackelberg bekannt machte. Er wurde ihr zweiter Ehemann, doch die Beziehung war von Anfang an unglücklich. Im Juli 1812 könnte es, wie Klapproth vermutet, zu einer "völlig unerwarteten, aber dann doch sehr glückhaften Begegnung" zwischen Beethoven, der sich zu dieser Zeit in Prag aufhielt, und Josephine gekommen sein, die einer Tagebuchnotiz zufolge die Absicht geäußert hatte, eben dorthin zu reisen.

Auf der Weiterreise von Prag nach Teplitz schrieb Beethoven den ersten Teil des sogenannten Briefes an die "Unsterbliche Geliebte". Josephine gebar neun Monate später ihr siebentes Kind Minona, dessen Vater, wie Klapproth meint, Beethoven sein könnte.

Während der Komponist 1814 mit der Aufführung von "Wellingtons Sieg" Op. 91 zusammen mit der 7. und 8. Symphonie sowie mit der Aufführung des "Fidelio" große Erfolge feierte und die verdiente Anerkennung fand, durchlebte Josephine eine der schlimmsten Zeiten ihres Lebens. Sie war kränklich, ihr Vermögen verloren, und als sie sich weigerte, Stackelberg nach Russland zu folgen, verließ er mit den drei Kindern aus ihrer Ehe Österreich. Währenddessen blieb Josephines Schwester Therese in regelmäßigem Briefkontakt mit Beethoven. Noch einmal wurde Josephine schwanger, diesmal vom Mathematiklehrer ihres ältesten Sohnes, und gebar in einer Berghütte versteckt ihr achtes Kind, das sie nach sieben Tagen dem Kindesvater überließ.

Das traurige Ende#

Im Sommer 1816 kam es, wie Klapproth vermutet, wahrscheinlich zum allerletzten Treffen von Beethoven und Josephine. Sie war sehr krank, hatte sich mit ihrer Familie überworfen, er war schon beinahe taub und litt an Depressionen. In ihren Memoiren vermerkte Josephines Schwester Therese: "Welche Kämpfe! welche Auftritte 1815 und 16! Von da an war ihr schwindendes Leben eine schreckliche Zerrissenheit." Vom 8. April 1818 - es war Minonas fünfter Geburtstag - ist Josephines letzter - möglicherweise - an Beethoven gerichteter Brief datiert: "Was deine Erscheinung in mein[en] Empfindungen weckt - kann ich nicht schildern -- ... In eins zusammen schmelzen kann nur dan[n] geschehen, wenn zuerst in eins geschmolzen wir sind mit dem Ewigen..."

Im Sommer 1819 kam es zum endgültigen Bruch zwischen Josephine, ihrer Mutter Anna und ihrem Bruder, die ihr ebenso alle weitere Unterstützung entzogen. Ende des Jahres verfasste Josephine einen Abschiedsbrief an ihre Schwester Therese: "Eine weite Kluft liegt zwischen uns. Der Mutter Herz hat keinen Anklang für ihr Kind - die Schwesterliebe ist erloschen -... Lebt wohl - auch scheidend, sterbend, werde ich die Lieben, die mich hassen."

Am 31. März 1821 starb Josephine von Brunsvik in ihrem eigenen Haus. Sie wurde ohne Zeremonie am Währinger Friedhof zu Grabe getragen. Ihr Grab blieb ohne Gedenkstein.


Silvia Anner ist Sprachwissenschafterin und freie Kultur- und Wissenschaftsjournalistin in Wien.


Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 29./30. Dezember 2012



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Redaktion: I. Schinnerl, R. Lenius