Merkantilmagistrat

Merkantilgebäude: es war der Sitz des ehemaligen Merkantilmagistrates
Gerechtigkeit und Frieden verbinden Italien und Deutschland durch den Handel (1698) - Gemälde von Alessandro Marchesini (1663-1783)

Der Merkantilmagistrat war ein bilateral deutsch-italienisch besetztes Sondergericht in Handelssachen. Es bestand in Bozen von 1635 bis 1851.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Bozen wurde um 1170 durch den Bischof von Trient, Adalbert II. (Adelpret) von Madruzzi gegründet.[1]. Es war von Anfang an als internationaler Handelsplatz konzipiert. Die großen Märkte, zu denen Handelsleute aus Nord und Süd nach Bozen kamen, sind 1202 erstmals urkundlich erwähnt.[2].

Durch seine günstige Verkehrslage entwickelte sich Bozen zum bedeutendsten Handelszentrum Tirols.

Der Bau des Kunterswegs (1307) stärkte Bozen noch weiter und bedeutete für Meran eine große Handelseinbuße, weil der Weg über den Jaufenpass dadurch zweitrangig geworden war.[3]1357 wurde der von Graf Otto von Tirol in Gries als Konkurrenz errichtete Andreasmarkt nach Bozen verlegt[4], so dass es dort nun drei große Märkte gab. Trotz heftiger Proteste der Meraner wurde im Jahr 1501 auch noch deren Fronleichnamsmarkt in das von den Fernhändlern bevorzugte Bozen transferiert.[5]

Die vier Bozner Jahrmärkte hießen Mittfastenmarkt, Fronleichnamsmarkt, Bartholomäusmarkt und Andreasmarkt. Sie dauerten jeweils zwei Wochen.[6]

Die Händler waren fast ausnahmslos keine Bozner, sondern kamen aus Verona, Augsburg und anderen Handelsstädten des norditalienischen und deutschen Raums.

Neben diesen internationalen Jahrmärkten bestand die Organisation des heimischen Handels, der ausschließlich deutsch war, da er ein Bürgervorrecht war. Das Bürgerrecht wurde an Italiener grundsätzlich nicht verliehen.[7]

Gründung

Siegel und Wahlspruch des Merkantilmagistrates: Ex merce pulchrior (Durch Handel zu höherem Wohlstand)

Die Verkehrssprache an den internationalen Bozner Märkten war häufig italienisch. Falls Streitigkeiten nicht durch ein Schiedsgericht gelöst wurden, war dafür der Stadt- und Landrichter zuständig. Vor Gericht war nur Deutsch Amtssprache, die Stadt kam den Italienern aber entgegen, indem sie als Bedingung für dieses Amt verlangte, dass der zukünftige Richter "lateinischer, teutscher und welscher sprach geübt und kundig" sein müsse.

Am 15. September 1635 errichtete die Tiroler Landesfürstin Erzherzogin Claudia von Medici den Merkantilmagistrat. Damit machte sie den Versuch Venedigs zunichte, durch die Schaffung einer ähnlichen Einrichtung in Verona (1630) die Bozner Märkte auszustechen.[8]

Funktionsweise

Das neue Sondergericht hatte zwei Instanzen, von denen jede aus einem Konsul und zwei Beisitzern bestand. War der Konsul erster Instanz ein deutscher "Kontrattant", also ein in eine besondere Matrikel eingetragener Marktbesucher, so waren seine Beisitzer zwei Italiener. Die zweite Instanz hatte dann einen italienischen Konsul und zwei Deutsche als Beisitzer.

Der Schriftverkehr des Merkantilmagistrats wurde meist in italienischer Sprache gehalten, um das Abwandern der italienischen Marktbesucher nach der ihrerseits von Venedig privilegierten Messestadt Verona zu verhindern.

So kam es in Bozen zu einer besonders kaufmannsfreundlichen Rechtsordnung. Es galt Anwaltsverbot, Gerichtskostenfreiheit und das Außerachtlassen aller Förmlichkeiten. Der Notar, später Kanzler genannt, war allerdings juristisch ausgebildet und hatte die Verwahrung der Gerichtspapiere zu übernehmen.[9]

Merkantilgebäude

Das Merkantilgebäude in der Bozner Silbergasse wurde zwischen 1708 und 1716 nach Plänen des Veroneser Architekten Francesco Perotto errichtet. Es ist das einzige Renaissancegebäude in Bozen. Während der Auktionssaal im Erdgeschoss sehr schlicht ist, wurde der Gerichtssaal im Stock darüber großartig ausgestattet.[10]

Niedergang

Diplom der Bozner Messeprivilegien von Maria Theresia (1744)

Das Bozner Messeprivileg wurde von Kaiserin Maria Theresia 1744 bestätigt. Angangs des 19. Jahrhunderts waren die berühmten Bozner Messen dann aber zu Provinzmärkten herabgesunken, wie die Händlerliste vom Jahr 1817 erkennen lässt. 1849 waren schließlich nicht mehr große Fernhändler , sondern nur mehr kleine Landkrämer tätig, die um Pferdepeitschen, Sägeblätter, Nägel und Taschenmesser feilschten. Im Lichte dieses kaufmännischen Dahinwelkens kam es am 10. März 1851 zur Umbildung des Merkantilmagistrats in eine Handels- und Gewerbekammer. Die Jurisdiktionsbefugnisse gingen an das neu errichtete Landesgericht Bozen über.[11]

Literatur

  • Handels- und Gewerbekammer Bozen: Das Merkantilgebäude in Bozen, Kunstverlag Anton Schroll, Wien 1908
  • Franz Huter: Die Quellen des Meßgerichtsprivilegs der Erzherzogin Claudia für die Boznermärkte (1635) in: Bozner Jahrbuch für Geschichte, Kultur und Kunst, Verlagsanstalt Vogelweider, Bozen 1927
  • Handelskammer Bozen: Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998
  • Handelskammer Bozen: Die Familie Menz und die Stadt Bozen, Katalog, Bozen 2009

Einzelnachweise

  1.  Bruno Mahlknecht: Bozen durch die Jahrhunderte. Band 1, Athesia Spectrum, Bozen 2005, ISBN 8860110203, Vom bischöflichen Markt zum Stadtmagistrat, S. 40-48.
  2.  Josef Riedmann: Geschichte Tirols. Verlag für Geschichte und Politik, Oldenburg 2001, S. 43.
  3. Helmut Rizzolli: Bozen: die Stadt der Märkte in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 10
  4. Bruno Mahlknecht: Bozen durch die Jahrhunderte Band 2, Athesia Spectrum, Bozen 2006, Um 1300 wäre Gries beinahe eine Stadt geworden, S. 36
  5. Helmut Rizzolli: Bozen: die Stadt der Märkte in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 17
  6. Helmut Rizzolli: Bozen: die Stadt der Märkte in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 17
  7. Helmut Rizzolli: Bozen: die Stadt der Märkte in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 16
  8. Franz Huter: Die Quellen des Meßgerichtsprivilegs der Erzherzogin Claudia für die Boznermärkte (1635) in: Bozner Jahrbuch für Geschichte, Kultur und Kunst, Verlagsanstalt Vogelweider, Bozen 1927, S. 43
  9. Helmut Rizzolli: Bozen: die Stadt der Märkte in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 24
  10. Helmut Stampfer: Das Merkantilgebäude in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 77
  11. Helmut Rizzolli: Bozen: die Stadt der Märkte in Merkantilmuseum Bozen, Katalog, Bozen 1998, S. 39