Ur-Länderspiel

Als Ur-Länderspiele werden Länderspiele bezeichnet, die vor der Gründung eines allgemein anerkannten nationalen Sportverbandes ausgetragen werden. Insbesondere wird diese Bezeichnung für mehrere deutsche und österreichische Fußball-Länderspiele verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Deutsche Fußball-Ur-Länderspiele

Begriff

Als Ur-Länderspiele werden die sieben Fußball-„Länderspiele“ bezeichnet, die deutsche Auswahlmannschaften in der Zeit zwischen 1898 und 1901 gegen französische und englische Mannschaften bestritten und die damit vor dem ersten offiziellen Länderspiel 1908 gegen die Schweiz stattfanden. Allerdings handelte es sich bei den Gegnern des Jahres 1898 um zwei Pariser Mannschaften, so dass diese beiden Spiele gelegentlich in den Statistiken nicht berücksichtigt werden. Aber auch die fünf Spiele gegen englische Auswahlmannschaften in den Jahren 1899 und 1901 können nur bedingt als „Länder“-Spiele bezeichnet werden, da die deutschen Mannschaften mit Ausnahme des dritten Spiels von 1899 größtenteils vom Berliner Verband gestellt wurden[1] und diesen Spielen auch von englischer Seite kein offizieller Charakter zugestanden wurde.[2] Daher wäre auch die Bezeichnung „internationale Vergleiche“ gegenüber „Ur-Länderspiele“ sinnvoller.

Organisator – und gegen die französischen Mannschaften auch Mitspieler – der Begegnungen war Walther Bensemann, der den Fußballsport in Deutschland bekannt machte, und das Deutsche Centralcomitee für Internationale Fußballwettspiele. Da der DFB an der Organisation der beiden Spiele nach seiner Gründung im Jahre 1900 nicht beteiligt war, stehen auch diese nicht in der offiziellen Statistik der deutschen Länderspiele.

Übersicht über die deutschen „Ur-Länderspiele“
Datum Ort Gegner Ergebnis
12. Dezember 1898 Courbevoie (Paris), White-Rovers-Platz White Rovers Paris 7:0
13. Dezember 1898 Courbevoie (Paris), White-Rovers-Platz Stadtauswahl Paris 2:1
23. November 1899 Charlottenburg, Athletik-Sportplatz England 2:13
24. November 1899 Charlottenburg, Athletik-Sportplatz England 2:10
28. November 1899 Karlsruhe, Engländerplatz[3] England 0:7
21. September 1901 Tottenham (London), White Hart Lane England 0:12
25. September 1901 Manchester, Hyde Road England 0:10

Länderspiele 1898 in Paris

Die deutsche Auswahl von 1898. Walther Bensemann in der hinteren Reihe in weißer Hose, rechts daneben Ivo Schricker.

Am 12. Dezember 1898 gewann die deutsche Auswahl, in der acht Berliner Spieler standen, in Paris gegen den White Rovers Club, für den neun Engländer antraten, vor 580 Zuschauern mit 7:0 (3:0). Jestram, einer der besten deutschen Spieler um die Jahrhundertwende, soll dabei vier Tore erzielt haben. Nach einem ausgiebigen abendlichen Stadtbummel gewann eine übermüdete deutsche Auswahl am Tag darauf in gleicher Besetzung gegen eine Pariser Stadtauswahl – zusammengesetzt aus fünf Spielern vom Club Français, vier von Standard AC und je einem des Racing Club de France bzw. von Paris Star – vor 300 Zuschauern mit 2:1 (1:0).[4]

Aufstellung in beiden Spielen:
Ludwig Friese (Alemannia Hamburg) – Westendarp (Akademischer SC Berlin), Kralle (Viktoria 89 Berlin) – E. Schricker (Akademischer SC Berlin), Wünsch (Viktoria 89 Berlin), Bensemann (Straßburger FV) – O. Baudach (Viktoria 89 Berlin), I. Schricker (Akademischer SC Berlin), Willer (Britannia 92 Berlin), Jestram (Britannia 92 Berlin), Wetzler (Karlsruher FV).

Die siegreiche Elf teilte dem deutschen Staatsoberhaupt per Telegramm mit:

„Seiner Majestät dem deutschen Kaiser in Potsdam unterbreiten die Vertreter der maßgebenden Vereine des deutschen Fußballsports Berlin untertänigst die gehorsamste Mitteilung, daß heute in Paris zum ersten Mal eine aus allen deutschen Gauen zusammengesetzte Fußballmannschaft über einen hervorragenden französischen Fußballverein einen Sieg von 7:0 Malen errungen hat.“[5]

Länderspiele 1899 gegen England

Anzeige zu den „Internationalen Fussball-Wettspielen“ im November 1899

Im Jahr 1899 gelang es Bensemann mit Unterstützung von Ivo Schricker gegen Zahlung einer Aufwandsentschädigung von 2000 Goldmark, die sich Bensemann bei seiner Tante geliehen hatte, eine englische Amateur-Auswahlmannschaft für drei Spiele nach Deutschland zu verpflichten. Unter der Regie des Verbands Deutscher Ballspielvereine kamen drei Begegnungen zustande, die zwar verhältnismäßig viele Zuschauer anlockten, jedoch mit hohen Niederlagen für die deutschen Auswahlmannschaften endeten.

Am 23. November verlor die aus Berlinern oder in Berlin studierenden Spielern bestehende Mannschaft vor 1500 Zuschauern auf dem Athletik-Sportplatz in Charlottenburg mit 2:13. Eines der beiden deutschen Tore wurde von Jestram erzielt.

Aufstellung:
Eichelmann (Germania 88 Berlin) – Kralle (Viktoria 89 Berlin), Gasse (Fortuna Berlin) – I. Schricker (ASC Berlin), Wünsch (Viktoria 89 Berlin), E. Schricker (ASC Berlin) – Bock (Fortuna Berlin), Zierold (Germania 88 Berlin), Wetzler (Karlsruher FV), Jestram (Britannia 92 Berlin), Gruschwitz (Viktoria 89 Berlin).

Vor 512 zahlenden Zuschauern verlor am folgenden Tag am selben Ort eine durch zwei Karlsruher verstärkte und wesentlich besser spielende Auswahl 2:10, eine Niederlage, die als zu hoch ausgefallen empfunden wurde. Die Tore schossen Bock und Jestram.

Aufstellung:
W. Langer (Karlsruher FV) – Westendarp (ASC Berlin), Kohts (ASC Berlin) – Ivo Schricker (ASC Berlin), Wünsch (Viktoria 89 Berlin), Thanner (Britannia 92 Berlin) – Link (Karlsruher FV), Zierold (Germania 88 Berlin), Bock (Fortuna Berlin), Jestram (Britannia 92 Berlin), Gruschwitz (Viktoria 89 Berlin).

Ein zeitgenössischer Bericht schildert die Unterschiede in der Spielweise der Engländer wie folgt:

„Schon die Aufstellung bei dem Abstoß ist bei den Engländern eine andere, als die hier übliche. Das ‚three-inside forwart play‘ (drei Innenstürmerspiel), welches hier in Berlin fast gar nicht bekannt ist, wurde von den Engländern bei dieser Gelegenheit zur Anwendung gebracht. Es besteht darin, daß die drei Innenstürmer sich ziemlich dicht zusammenstellen und in dieser Weise vordringen. Wenn sie nun hart bedrängt werden, geben sie den Ball nach dem Flügel hinüber usw. Der große Vorteil dieser Spielweise ist der, daß es den Gegnern bei den schnellen, kurzen Pässen natürlich schwerer wird, von dem Balle Besitz zu ergreifen. Die englischen Stürmer arbeiten höchst selten mit der Fußspitze, sondern fast immer mit der Innen- oder Außenseite des Fußes. Sie verbinden ganz kurzes, niedriges Passen mit vorzüglichem Dribbeln und geschickter Kopfarbeit, welch letztere mit wunderbarer Berechnung gespielt wurde. Das schnelle Anhalten der hohen Bälle, das außerordentlich flinke Wenden erregte die allgemeine Bewunderung unserer Spieler.“[6]

Am 25. November besiegten die Engländer in Prag eine österreichisch-böhmische Auswahl 8:0. Eine mit sieben Karlsruher Spielern besetzte Auswahl verlor am 28. November vor 5.000 Zuschauern auf dem Engländerplatz in Karlsruhe einstellig „nur“ 0:7.[3]

Aufstellung:
W. Langer (Karlsruher FV) – Erwin Schricker (ASC Berlin), Kohts (ASC Berlin) – Beier (Phönix Karlsruhe), Ivo Schricker (ASC Berlin), Schuon (Karlsruher FV) – F. Langer (Karlsruher FV), Rickmers (Karlsruher FV), Zinser (Karlsruher FV), Zierold (Germania 88 Berlin), Link (Karlsruher FV)

Länderspiele 1901 in England

Zum Gegenbesuch einer deutschen Auswahl in England kam es erst im Jahr 1901. Obwohl am 28. Januar 1900 der DFB gegründet worden war, fanden diese Spiele unter der Obhut des Centralkomitees für internationale Fußballwettspiele statt. Am 21. September verlor die deutsche Auswahl – eine verstärkte Berliner Elf – im Stadion von Tottenham Hotspur gegen eine Amateurauswahl der Football Association mit 12:0, vier Tage später in Manchester in fast gleicher Besetzung gegen eine Profi-Auswahl 10:0.

Aufstellung in beiden Spielen:
Lüdecke – Jestram, Müller R.; E. Müller (1. Sp.) / Friedl M. (2. Sp.), Huettl, Ivo Schricker – Jüngling, Langer F., Zinser, Heck, Gruschwitz.

Bis 1908 kamen keine weiteren Länderspiele zustande.

Österreichische Fußball-Ur-Länderspiele

Österreich gegen die Schweiz

Bezogen auf den österreichischen Fußball bezeichnet man als Urländerspiel das erste Länderspiel Österreichs vom 8. April 1901. Ausgetragen wurde diese heute als inoffiziell gewertete Begegnung in Wien gegen die Schweiz. Die österreichische Auswahl trat zu diesem Länderspiel mit zwei Engländern als Gastspielern an und besiegte die Schweizer Mannschaft, die sich aus Engländern und Amerikanern zusammensetzte, mit 4:0 Toren.

Veranstaltet wurde die Begegnung von der erst ein Jahr zuvor gegründeten Österreichischen Fußball-Union, einem Vorgänger des heutigen ÖFB, deren Gründer, der Engländer M.D. Nicholson, auch erster Präsident dieses ersten offiziellen österreichischen Fußballverbandes war.

Das Urländerspiel gegen die Schweiz bestritt Österreich mit Spielern der großen Wiener Vereine First Vienna FC, Vienna Cricket and Football-Club und Wiener AC. Vier Fußballer dieser Begegnung (Albert, Blooncy, Shires und Zander) wurden einzig für dieses Match nominiert, die restlichen sieben Spieler wurden auch in späteren, offiziellen Länderspielen aufgestellt. Viele Spieler legten sich in der Frühzeit des österreichischen Fußballs Pseudonyme zu, trugen Perücken und klebten sich sogar falsche Bärte an, um nicht erkannt zu werden. Ein Grund dafür war, dass damals Schülern, auch wenn sie schon 17 oder 18 Jahre alt waren, das Fußballspielen in Vereinen verboten war.

Die österreichische Mannschaft trat in folgender Formation an:

  • Philipp Nauß (Wiener AC) – Omlady (Emil Wachuda; Wiener AC), Mac John (Max Johann Leuthe; Wiener AC) – Karl Dettelmaier (Wiener AC), Teddy Shires (Vienna Cricket & Football-Club), Blooncy (Ignaz Blumenfeld, First Vienna FC) – Paul Zander (First Vienna FC), Albert (Franz Jureczek; First Vienna FC), Gustav Huber (Wiener AC), Jan (Johann Studnicka, Wiener AC), Josef Taurer (Wiener AC)

Wien gegen Budapest

Das erste heute als offiziell anerkannte Länderspiel schrieb die ÖF-U damals noch als Städtespiel Wien gegen Budapest für den 12. Oktober 1902 aus. Dieses Länderspiel wurde auf dem Wiener WAC-Platz ausgetragen und endete 5:0 für Wien. Es gilt heute als erstes Länderspiel auf dem europäischen Kontinent. Der Schiedsrichter der Partie war ein in Wien ansässiger englischer Kaufmann namens Roland Shires der auch für die Cricketer spielte. Ob dieser mit dem Cricketer-Spieler Teddy Shires aus dem verwandt, oder gar identisch war, wäre zu eruieren.

Ein weiteres Städtespiel fand am 10. Juni 1903 in Budapest statt. Dieses endete 3:2 für die Gastgeber. 4:2 für Wien hieß das Endergebnis der dritten Begegnung Wien-Budapest am 11. Oktober 1903 auf dem WAC-Platz.

Die Begegnung Österreich-Ungarn wurde bis 2006 insgesamt 136 Mal neuaufgelegt und ist damit nach dem Südamerika-Klassiker Argentinien gegen Uruguay die zweithäufigste Länderspiel-Paarung der Welt. Auf dieser Häufigkeit beruht auch der Witz "Heute spielt Österreich-Ungarn" "Gegen wen?", der schon zur Zeit der Monarchie keine ernsthafte Berechtigung hatte, da es nie eine gemeinsame k.u.k.-Mannschaft gab.

Literatur

  • Hardy Grüne: Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs. Band 1. Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga. 1890 bis 1963. Agon Sportverlag, Kassel 1996, ISBN 3-928562-85-1, S. 11–13
  • Raphael Keppel: Deutschlands Fußball-Länderspiele. Eine Dokumentation von 1908–1989. Sport- und Spiel-Verlag, Hürth 1989 ISBN 3-9802172-4-8
  • Chronik des deutschen Fußballs. Die Spiele der Nationalmannschaften von 1908 bis heute. Chronik Verlag, Gütersloh/München 2005, ISBN 3-577-16409-3
  • kicker Edition: 100 Jahre deutsche Länderspiele, 2008

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Die beiden ersten Spiele des Jahres 1899 wurden sogar von anderen Verbänden als „Berliner Alleingang“ eingestuft und daher boykottiert.
  2. Bis zum Spiel gegen Österreich in Wien am 6. Juni 1908 trug die englische Nationalmannschaft grundsätzlich nur Spiele gegen die anderen britischen Mannschaften – Schottland, Wales und Irland – aus.
  3. a b Der Engländerplatz im Stadtwiki Karlsruhe
  4. Artikel „Paris–Berlin“ aus La Vie Sportive du Nord et du Pas-de-Calais vom März 1913, S. 10
  5. Grüne, S. 12
  6. zitiert nach Carl Koppehel: Geschichte des deutschen Fussballsports, Frankfurt am Main 1954, S. 84