Haar#

Haar

Ein Mensch hat 100.000–150.000 Kopfhaare und verliert davon täglich 60 bis 100. Auf einem cm² wachsen ca. 200 Haare, ca. 1 cm pro Monat, allerdings nur bis zu einer bestimmten Länge. 

Das Haar gilt, wie der Bart, als Träger der Lebenskraft. Langes Haar war das Vorrecht der Freien. Der Ausdruck "Gescherter" bezeichnete den leibeigenen Bauern. Im Alten Testament (Ri 16,17) kommt das Haarescheren dem Verlust der Kraft gleich. Wer jemandem das Haar schneidet oder den Bart ausrupft, gewinnt Macht über ihn. Davon handeln Sagen, Märchen und Redensarten ("ungeschoren lassen" - verschonen). Von den Frankenkönigen im 6. Jahrhundert ist überliefert, dass sie ihre Haare nie schneiden ließen. Die Freiheits-Symbolik findet sich auch in der Protestbewegung der Hippies und dem 1968 am Broadway uraufgeführten Rock-Musical "Hair". Haarschnitt galt als Strafe und Beschimpfung, die Tonsur der Geistlichen als Zeichen freiwilliger Unterwerfung. Wenn eine Frau heiratete - unter die Haube kam - durfte sie das Haar nicht mehr offen tragen. Männer schworen, indem sie Haar und Bart berührten, Frauen legten die rechte Hand auf ihre Haarflechte. 

Wegen seiner Bedeutung war das Haupthaar mit abergläubischen Vorstellungen und zauberischen Handlungen verbunden. Beim Haarschnitt sollte man den Mondstand beachten, der Karfreitag galt als besonders günstig. Auch die Farbe wurde symbolisch gedeutet - und seit altersher verändert. Um das Jahr 1000 findet man die Mahnung "traue keinem Rotkopf", so wurde um 1300 der Verräter Judas dargestellt, Teufel und Hexen sollten rote Haare haben. Hingegen galten goldene (blonde) Haare als Inbegriff der Schönheit. 1997 führte Rainhard Fendrich mit dem ironischen Song "Blond" wochenlang die Hitparaden an. Wenig geschätzt war und ist die graue Farbe. Während sich diese Vorurteile und Vorlieben erhalten haben sind die Haartrachten der Mode unterworfen. Abgeschnittenes Haar fand mehrfache Verwendung: Arme Frauen verkauften ihre Zöpfe an Perückenmacher. Eine Locke konnte als Souvenir dienen. Einzelne Haare - pars pro toto - wurden zum (Liebes-)zauber verwendet. Im Biedermeier entwickelte sich ein Zweig des Kunstgewerbes, bei derm man aus Haar Schmuck oder Kunstblumen anfertigte. 

In Redensarten begegnet Haar als Begriff des Feinen: "haargenau", "nicht um Haaresbreite nachgeben", "Haarspalterei". Weitere Sprüche: "Sich in die Haare geraten", "an den Haaren herbeiziehen", an jemandem "kein gutes Haar lassen", "ein Haar in der Suppe finden".


Quellen: 
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 312 f.
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927/1987. Bd. 3/Sp.1339 f.
Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg/Br. 1991. Bd.1/S. 603 f.
Wikipedia: Haar (Stand 3.6.2009)

Bild: Junge Damen mit langem, rotem Haar. Postkarte 19. Jahrhundert. Gemeinfrei