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Passionsspiel#

Passionsspiele, geistliche Dramen um das Leiden und Sterben von Jesus Christus, waren im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in ganz Europa verbreitet. Fragmente deutscher Passionsspiele sind aus dem 13. Jahrhundert erhalten. Man führte sie am Karfreitag in den Kirchen auf.

Im 16. Jahrhundert waren die Steuerdiener der Stadt Wien beim vormittäglichen Karfreitags-Gottesdienst im Stephansdom Ausführende des Passionsspiels. Es folgte eine theophorische Prozession der Domherren, Mitglieder des Stadtmagistrats und Corpus-Christi-Bruderschaft, mit Fackeln und Kerzen. Nach dem Allerheiligsten gingen vier schwarz gekleidete Priester, die auf einer Bahre die vom Kruzifix abgenommene Heilandsfigur trugen. Begleitet wurden sie von vielen Knaben in schwarzen Röcken, die Windlichter und hohe Stangen mit Kerzen hatten. Die Darsteller des Passionsspiels und 24 weiß verschleierte Frauen mit Kerzen nahmen ebenfalls an der Prozession teil. Während diese den Friedhof umschritt, wurde das Heilige Grab in der Kirche aufgestellt, laut Inschrift stammte es aus dem Jahr 1437. Die Prozession ging noch vier Mal in der Kirche herum und endete beim Heiligen Grab. In dieses, das mit einem goldenen Gitter und roten, vom Bürgermeister versiegelten Seidenschnüren umgeben war, wurde die Heilandsfigur gelegt. Rundum befanden sich Kerzenleuchter und die Kerzen von 25 Zünften. Danach setzte man das Passionsspiel fort. Schließlich schritten "alle zugleich in der Ordnung stillschweigend dreymahle um das Grab."

Bis in die Gegenwart finden Passionsspiele vor allem in den katholisch geprägten alpinen Regionen von Bayern (Oberammergau seit 1634) und Österreich statt. Im konfessionellen Zeitalter ("Gegenreformation", nach dam Konzil von Trient seit etwa 1545) und besonders durch das Jesuitentheater des 16. und 17. Jahrhunderts erlebten sie einen Aufschwung. Protestantische Schriftsteller verfassten dagegen Polemiken, oft im Stil von Schwänken. Geistliche und weltliche Instanzen der Aufklärung verboten die Passionspiele. Als in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in vielen Pfarren Laienspielgruppen entstanden, nahmen diese die Tradition wieder auf. Sie versicherten sich oft professioneller Hilfe bei Text und Regie, nach dem Zweiten Vatikanum wurden die Stücke umgearbeitet. Manche Passionsspiele gehen auf Gelübde zurück und finden, in mehrjährigen Abständen, unabhängig von der Fastenzeit statt.

In Erl (Tirol ) reicht die Tradition der ältesten Passionsspiele Österreichs bis 1613. Sie werden alle sechs Jahre zwischen Mai und Oktober von 500 Mitwirkenden aufgeführt. Das moderne Passionsspielhaus bietet Platz für 1.500 Gäste und wird in den anderen Jahren für Opernaufführungen verwendet. Nächstes Spieljahr: 2019.
In Thiersee (Tirol) gibt es seit 1799 Passionsspiele. Damals gelobten die Bewohner, um die Kriegsnot von ihrem Ort fernzuhalten, alljährlich in der Fastenzeit ein Mysterienspiel. Das Festspielhaus stammt aus dem Jahr 1927 und wurde im Jubiläumsjahr 1999 modernisiert. 2005 wurden die Texte, gemeinsam mit Theologen der Universität Salzburg auf das Markus-Evangelium zurückgeführt, 2011 die Figur des Judas neu interpretiert. An den alle sechs Jahre stattfindenden Spielen - wie 2016 nehmen 250 ehrenamtliche Laiendarsteller teil.
Sankt Margarethen (Burgenland) ist seit 1926 Passionsspielgemeinde. Damals sahen der Pfarrer und der Obmann des Burschenvereins in Großhöflein bei Eisenstadt ein "Leiden-Christi-Spiel". Sie waren davon so beeindruckt, dass sie binnen eines Monats in ihrem Ort etwas Ähnliches zustande brachten. Seit 1961 bildet der Römersteinbruch - mit 4.260 Sitzplätzen Europas größte Naturbühne - die Kulisse für die alle fünf Jahre stattfindenden Spiele. Anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Passionsspiele im Römersteinbruch" kam es 2011 zu einer Neuinszenierung, bei der das bestehende Textbuch überarbeitet wurde. Von den 2800 Einwohnern Sankt Margarethens wirken 600 ehrenamtlich mit. Nächstes Spieljahr: 2016.
Kirchschlag in der Buckligen Welt (Niederösterreich) hat als Aufführungsort seit 1932 Tradition. Hier wird derzeit in 5-Jahres-Intervallen gespielt. Ein eigenes Passionsspielhaus fasst an die 1.200 Besucher, 400 Laienschauspieler und Sänger wirken mit. 2010 wurden Bühnenbild und Inszenierung erneuert. 2015 erreichte man mit 14.000 Besuchern eine Auslastung von 77 %. Nächstes Spieljahr: 2020.

Im Weinviertler Dorf Eibesthal gab es bereits zwischen 1898 und 1911 Passionsspiele. Sie erfuhren 1999 im Rahmen der internationalen Puppentheatertage Mistelbach eine Revitalisierung. Seit 2000 wird jedes fünfte Jahr von der Fastenzeit bis Ostern die Leidensgeschichte mit Marionetten dargestellt. Nächstes Spieljahr: 2020.
In Mettmach(Oberösterreich) begann eine Laienspielgruppe 1950 mit der "Heimkehrer-Passion", zum Dank für die Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1960 findet sie, in einer eigenen Halle, in fünf- bis zehnjährigem Abstand statt. Nächstes Spieljahr: 2017.
In Großgmain (Salzburg) wird seit 1983 in der Wallfahrtskirche alle fünf Jahre die Loferer Passion aufgeführt. Den Komponisten Cesar Bresgen (1913-1988) haben das "Loverleed" aus dem Jahr 1593 ("Ach fasse zu Herzen"), die Handschrift einer barocken Salzburger Passion und wohl auch autobiographische Gründe zu diesem Werk inspiriert. Nächstes Spieljahr: 2018.
Aus Dorfstetten (Niederösterreich) fuhren einige Bewohner 1984 zu den Passionsspielen nach Oberammergau (Deutschland). Nach ihrer Rückkehr beschlossen sie, ähnliches in ihrem Ort zu veranstalten. Die ersten Aufführungen fanden 1990 statt, seither im 6-Jahres-Rhythmus. 150 Laiendarsteller spielen im Pfarrhof. Nächstes Spieljahr: 2020
In Feldkirchen bei Graz (Steiermark) gibt es im Pfarrsaal seit knapp drei Jahrzehnten Passionsspiele. 150 Ausführende wirken mit. Nächste Spieljahr: 2017.

In St. Georgen ob Murau (Steiermark) fanden die Passionsspiele 1922-1936 regelmäßig statt. 1953 übernahm sie der neu gegründete Theaterverein. In der heutigen Form spielt man den biblischen Stoff in mehrjährigen Abständen seit 1998. Nächstes Spieljahr: 2017


Quellen: 

Johann Ev. Schlager: Wiener Skizzen aus dem Mittelalter. Wien 1836, S. 20
Leopold Schmidt: Das deutsche Volkschauspiel.Berlin 1954
Helga Maria Wolf: Österreichische Feste & Bräuche im Jahreskreis. St. Pölten 2003. S. 52 f.
UNESCO