unbekannter Gast

Wien 11 - Simmering #

Gasometer des Städtischen Gaswerks in Simmering. Wien, XI. Handkoloriertes Glasdiapositiv. Um 1910.
Gasometer des Städtischen Gaswerks in Simmering. Wien, XI. Handkoloriertes Glasdiapositiv. Um 1910.
© IMAGNO Öst. Volkshochschularchiv

Der 11. Bezirk entstand 1890/92 aus den Ortsgemeinden Simmering, Kaiserebersdorf und Albern sowie Teilen von Schwechat und Kledering. Der 11. grenzt an den 2. (jenseits des Donaukanals), 3., 10. Bezirk jenseits der Donau an den 22. Bezirk und an Niederösterreich. 2015 hat Simmering eine Fläche von 2.325,6 ha und 95.198 BewohnerInnen.

Der alte Ortskern lag bei der Laurentiuskirche. Die Geschichte der Pfarrkirche Altsimmering (Simmeringer Hauptstraße 157-159) reicht bis zur ersten Jahrtausendwende zurück. Darauf verweisen das Patrozinium und ihre Lage an der Limesstraße. 1568-1575 ließ Kaiser Maximilian II. zwischen Simmering und Kaiserebersdorf die Renaissance-Schlossanlage "Neugebäude" errichten. Als Garten-Direktor fungierte der bedeutende Botaniker Carolus Clusius. Er brachte Tulpen, Kastanienbäume und Flieder in das Neugebäude, die hier zum ersten Mal in Österreich blühten. Bereits 1605 gab es im Thurnhof (Mautner-Markhof-Gasse) eine Brauerei, die eine wichtige Einnahmequelle für den Ort darstellte und erst 1930 stillgelegt wurde. Bis etwa 1860 behielt Simmering seine dörflichen Strukturen, danach wurden die Rinnböckhäuser angelegt, die damals zweitgrößte Wohnhausanlage im Raum Wien. Damit begann die großstädtische Entwicklung und Industrialisierung. "Auf der Haide" nannte man einen Teil der Praterterrasse nächst dem Donaukanal in der Ortsgemeinde Simmering. In der unwirtlichen Gegend fanden Artillerieübungen statt. Um die Jahrhundertwende entstanden hier das Gaswerk, das E-Werk und das Flugfeld Simmering.

Teile Simmerings bewahrten lange ihre ländliche Struktur. Bei Bauernhochzeiten trat noch im 19. Jahrhundert der "Brautführer" (Hochzeitslader) in Aktion, der beim Hochzeitsschmaus eine Ansprache hielt. Bis 1891 blieb der Nachtwächter im Amt. Ein besonderer Tag im Jahreslauf war Fronleichnam, wo die neue Festkleidung ausgeführt und die Kinder "schön hergerichtet" wurden. Am Vorabend und am Feiertag um 5 Uhr früh ertönten Böllerschüsse. Die Schützen hatten nächst der alten Laurenzkirche Aufstellung genommen. Die Musikkapellen brachten den Honoratioren Ehrenständchen und erhielten ein fürstliches Trinkgeld. Die Prozession führte zu vier Altären, mitgehende Buben waren als Hirtenknaben gekleidet. Hausierer verkauften ihnen Luftballons und Lanzen, die sie an Stelle der Hirtenstäbe trugen. Schüler, Burschen- und Mädchenvereine, Feuerwehren, Veteranen, der Radfahrerverein und die Mariazeller Pilger schritten vor dem Himmel. Dahinter gingen die Bezirksfunktionäre, Klosterfrauen und das gläubige Volk. Die meisten Teilnehmer folgten nach dem kirchlichen Teil, gegen Mittag, den Musikkapellen in die Gasthäuser, "wo bis zum Einbruch der Dunkelheit frohe, festliche Musik zu hören war." Die Alberner Fischerinnung bestellte alljährlich am Peter- und Pauls-Tag (29. Juni) ihren Fischmeister. Mit Zylinder, Gehrock und weißen Handschuhen trug er die Fischerfahne feierlich zum Gottesdienst, gefolgt von einem Festzug. Am Nachmittag eröffnete er mit einer Tänzerin seiner Wahl das Kirchweihfest. Neueren Datums ist die Feier des Arbeiterfischerverines beim Friedhof der Namenlosen im Bezirksteil Albern am Sonntag nach Allerseelen. An die Besucher werden Blumen und Kerzen verteilt, mit denen sie die Gräber schmücken. Sehr eindrucksvoll ist die "Kranzlegung" für die Opfer der Donau. In Simmering befindet sich auch einer der größten Friedhöfe Europas, der Zentralfriedhof. Er ist zu Allerheiligen und Allerseelen Ziel zahlreicher Hinterbliebener. Leopold Schmidt schrieb 1935, "dass in den Dimensionen, welche ein großstädtisches Fest annehmen kann, diese Totenfeier eine Volksbewegung zur Folge hat, welche geradezu das Bild der Stadt verändert." Wenn auch der Zuzug in letzter Zeit nachgelassen hat, besteht doch der Allerheiligenmarkt vor den Toren, der Grabschmuck anbietet. 2012 verdichteten die Wiener Linien den Fahrplan der Straßenbahn 71 zum Zentralfriedhof auf Zweieinhalb-Minuten-Intervalle.

Quellen:
Wien in Zahlen, 2015
Helga Maria Wolf: Sehnsucht nach dem Alten Wien. Wien 2014
Hans Havelka: Wiener Heimatkunde Simmering. Wien 1983
Leopold Schmidt: Wiener Volkskunde. Wien 1935