Wender#

Als Wender bezeichnet Leopold Schmidt "Volksheilkundige", "Zauberärzte" oder "Ansprecher", die suggestive Heilmethoden anwenden, manche auf bestimmte Krankheiten spezialisiert. Geheilt werden sollten bei Mensch und Tier z.B. Warzen oder Augenleiden. Das in ganz Europa verbreitete "Besprechen" oder "Wenden" beruhte auf Segensformeln, Sympathiemedizin (wie der Mond sollten die Beschwerden abnehmen) und magischen Handlungen. Ihre Kenntnis wurde einem Familienmitglied oder einem als würdig angesehenen Nachfolger übertragen. Bestimmte Berufsgruppen schienen besonders geeignet, wie Hirten oder Schmiede, manche wurden als unheimlich oder der Hexerei nahestehend betrachtet. Andererseits galten die Heilkundigen als angesehene und oft besonders fromme Leute. Wenden hatte geheimnisvollen Charakter, Mißerfolge wurden verschwiegen. 

Zum Zauber gehörte ein Spruch bzw. formelhafter Segen, wobei sich christliche und magische Anschauungen vermischten. Manche Formeln wie der Blutsegen reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück, ein Wassersegen (Benedicas aqua optima) in das 14. Jahrhundert. Man überlieferte sie mündlich, handgeschrieben oder seit der Barockzeit in Drucken wie dem Romanusbüchlein oder dem "6. und 7. Buch Mosis". Als Gesten waren Streichen, Berühren und Bekreuzigen üblich. Die Wender übertrugen die Krankheit auf einen Gegenstand, z.B. einen Faden, der unter der Dachtraufe vergraben, im Wasser weggeschwemmt oder in einen Baum verpflockt werden konnte. 

In Oberösterreich heilte man ausgerenkte Glieder von Tieren unter Anrufung des heiligen Leonhard mit der "Roadlkettn". Die zum Bremsen des Heuwagens verwendete Radkette wurde dabei zusammen mit einer Schaufel an einen Holzpfosten im Stall gebunden. Drei Tage durfte man nicht hinschauen, am vierten Tag sollte sich die Kette gelockert und die Schaufel umgedreht haben. Dann werde das Vieh gesund.


Quellen:
Klaus Bayr: Das Wenden im Raume Gmunden. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde. Wien 1973. Band 76, S. 38 f.
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. Bd 2 / S. 42 f.