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Renner, Karl #

* 14. 12. 1870, Unter-Tannowitz/Mähren (Dolní Dunajovice Dolni Dunajovice , Tschechische Republik)

† 31. 12. 1950, Wien


Jurist und Politiker (SDAP, SPÖ)


Karl Renner
Karl Renner
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU

Karl Renner zählt zu den bedeutendsten Politikern Österreichs. Als führender Sozialdemokrat war er maßgeblich an der Entstehung der Ersten Republik beteiligt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs,1918/1919, leitete er in St. Germain die österreichische Delegation bei den Friedensverhandlungen, bei denen er die neuen Grenzen der österreichischen Republik ebenso wie das Anschlussverbot des neuen Staates an Deutschland zur Kenntnis zu nehmen hatte. Innenpolitisch hatte er wesentlichen Anteil am Kompromiss der neuen Verfassung, die nach monatelangem Kräftemessen zwischen Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen von Hans Kelsen niedergeschrieben wurde und bis heute das grundlegende Dokument österreichischer Politik bildet.

Renner publizierte Bücher zu Themen der Rechtstheorie und Soziologie#

Karl Renner überlebte den Zweiten Weltkrieg in Gloggnitz (Niederösterreich). Im April 1945 verfasste er die Unabhängigkeitserklärung Österreichs und trug wesentlich dazu bei, dass Österreich nicht wie Deutschland in eine West- und Ostzone der Alliierten geteilt wurde. Die ersten freien Wahlen in einem ungeteilten Österreich führten zu einer Koalition von ÖVP, SPÖ und KPÖ, die von den vier Alliierten anerkannt wurde. Karl Renner wurde 1945 zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik gewählt, ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1950 ausübte.

Herkunft und Ausbildung #

Karl Renner wurde 1870 in Untertannowitz, in Mähren, in der heutigen Tschechischen Republik, als 17. bezw. 18. Kind (er hatte einen Zwillingsbruder) einer Weinbauernfamilie geboren. Die Eltern, ursprünglich wohlsituierte Bauern mit bescheidenem Hof, gerieten in der beginnenden Industrialisierung in ökonomische Schwierigkeiten - der Hof wurde zwangsversteigert, die Eltern mussten ins Armenhaus übersiedeln, ein Großteil der Familienmitglieder emigrierte. Karl Renner, dem Jüngsten, ermöglichte die Gemeinde den Besuch des Gymnasiums in Nikolsburg, wo er 1889 als Vorzugsschüler seine Matura mit Auszeichnung ablegte.

Schon in jungen Jahren hatte er sich das Studium mit Nachhilfestunden verdient. Ab 1891 studierte er an der Universität Wien Rechtswissenschaften und promovierte 1896 zum Doktor der Rechte. Während des Studiums hatte er sich der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) angeschlossen, die junge Intellektuelle wie Karl Renner gut brauchen konnte.

Bald hielt er für Arbeiter Vorträge über modernes Weltbild und sozialdemokratische Weltanschauung. Die damalige Partei verstand sich als Bildungsbewegung und brauchte für ihre Zukunftspläne Juristen, Ökonomen, Historiker, Philosophen, die der Arbeiterschaft Aufklärung, Wissen, Kultur vermitteln sollten.

Der Sozialdemokrat, der die Monarchie zu retten versucht#

Der frisch absolvierte Jurist findet eine Anstellung in der Parlamentsbibliothek und publiziert erste wissenschaftliche Arbeiten, anonym als „Studien eines Patrioten“, die sich mit Verfassung und Nationalitätenfragen beschäftigen. Die erste größere Arbeit erscheint 1899 unter dem Titel „Staat und Nation“, gezeichnet mit „Synopticus“. 1902 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Rudolf Springer die Arbeit „Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat“, 1906 „Grundlagen und Entwicklungsziele der österreichisch-ungarischen Monarchie“.

In allen diesen Arbeiten versucht er die Monarchie durch stärkere Autonomie für die Nationalitäten, durch Einführung des Personalitäts(Bekenntnis)- anstelle des Territorialprinzips und durch die Einführung des Verhältniswahlrechts anstelle des Mehrheitswahlrechts zu retten. Die Schweiz gilt ihm als Modell für die Monarchie, er träumt von einer „österreichischen Eidgenossenschaft“.

1907 wird er als sozialdemokratischer Abgeordneten in den Reichstag gewählt. Gemeinsam mit Otto Bauer und Adolf Braun gründet er das theoretische Organ der Sozialdemokraten „Der Kampf“.

Noch während des Ersten Weltkriegs plädiert Karl Renner für die Aufrechterhaltung der Monarchie, seine gesammelten Artikel erscheinen 1916/17 unter dem Titel „Österreichs Erneuerung“. Diese Position bringt ihn in wachsenden Gegensatz zu den Parteilinken. Friedrich Adler nennt ihn in seinem Hochverratsprozess 1917 den „Lueger der Sozialdemokratie“, dessen „Geist der biederen Verlogenheit“ der Partei zum Verhängnis werde.

Erster Staatskanzler der Republik Österreich#

Am 31. Oktober 1918 wurde Karl Renner, der sich bereits eine führende Rolle in der Partei erkämpft hatte, zum Leiter der Staatskanzlei, also zum provisorischen Regierungschef der neuen Republik, die am 12. November 1918 formell ausgerufen wird. In dieser Funktion führte er die österreichische Delegation bei den Friedensverhandlungen in St.Germain an. Der Vertrag von St. Germain, der den Verlust von Südtirol, den Verlust des Sudetenlandes und das Anschlussverbot an Deutschland festschrieb, wurde am 21. Oktober 1919 von der Nationalversammlung ratifiziert.

Karl Renner, der schon die provisorische Verfassung entworfen hatte, nahm auch wesentlichen Einfluss auf Prinzipien und Aufbau der Verfassung 1920, die von Hans Kelsen geschrieben wurde. Den Kompromiss zwischen Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen, der diese Verfassung bis heute prägt, hatte Karl Renner mit den Christlich-Sozialen und ihrem führenden Politiker Ignaz Seipel ausgehandelt. Auch das Staatwappen hat Karl Renner wesentlich mitbestimmt.

Die Koalition zwischen den Sozialdemokraten und den Christlich-Sozialen dauerte nur zwei Jahre. Der Parteivorsitzende der Sozialdemokraten, Karl Seitz, konzentrierte sich auf seine Rolle als Bürgermeister von Wien, sein Stellvertreter Otto Bauer entschied sich gegen den Willen Renners für die Aufkündigung der Koalition. Karl Renner kehrte als Abgeordneter ins Parlament zurück.

Kontroversen innerhalb des Austromarxismus#

Karl Renner wird zu den führenden Politikern des Austromarxismus gezählt, gilt aber als rechter Sozialdemokrat. Er berief sich zwar auf Karl Marx, vor allem in seinen rechtstheoretischen Schriften, interpretierte Karl Marx und den Marxismus aber auf höchst eigenständige Weise. In der politischen Theorie und in der politischen Praxis lehnte er Revolution und revolutionäre Strategien, aber auch verbalen Radikalismus prinzipiell ab.

Als Anhänger einer reformistischen Politik stand er Ferdinand Lassalle und Eduard Bernstein näher als Karl Marx und Karl Kautsky. Die Spannungen zwischen dem „rechten“ Renner und dem linken Flügel unter der Führung von Otto Bauer hatten schon während des Ersten Weltkriegs begonnen, entwickelten ihre politische Sprengkraft aber erst nach 1918. Sie hatten ihre Wurzeln in den grundverschiedenen theoretischen Konzepten der beiden Sozialdemokraten, entzündeten sich aber meistens an der Frage der Zusammenarbeit mit den Christlich-Sozialen. Nach dem Ende der Koalition konzentriert sich Karl Renner auf das Thema Genossenschaften. Er war schon vor dem Krieg, 1911, zum Obmann der Konsumvereine gewählt worden, 1922 gründet er die Arbeiterbank mit dem Ziel, Arbeitern günstige Kredite zu verschaffen, und ein Gegengewicht gegen die „bürgerlichen“ Großbanken zu etablieren.

1927 hält er auf dem Parteitag der Sozialdemokraten eine Grundsatzrede, in der er seine theoretische und strategische Gegenposition zu Otto Bauer formuliert. (Siehe dazu ausführlich: Norbert Leser, Zwischen Reformismus und Bolschewismus, Der Austromarxismus als Theorie und Praxis, Böhlau, Wien 1985)

Als die Sozialdemokraten 1930 die Stimmenmehrheit erreichen, wird Karl Renner Erster Präsident des Nationalrates. In der – letzten - Sitzung des frei gewählten Parlaments, am 4. März 1933, lässt sich Renner von Bauer und Seitz dazu überreden, seinen Vorsitz als Erster Präsident zurückzulegen, um den Sozialdemokraten eine Abstimmungsniederlage zu ersparen. Dieser Rücktritt führte zum Rücktritt der beiden anderen Präsidenten (Christlich-Soziale und Großdeutsche Volkspartei) und bot bekanntlich Engelbert Dollfuß den willkommenen Vorwand, das Parlament auszuschalten und den „Ständestaat“, eine Art katholisch-faschistischer Diktatur, auch „Austrofaschismus“ genannt, einzuführen. Nach dem letzten legalen Parteitag der Sozialdemokraten im Oktober 1933 arbeitet Karl Renner einen Verfassungsentwurf aus, der den Wünschen von Dollfuss entgegenkommen und gleichzeitig seiner Partei eine legale Opposition ermöglichen soll.

Rückzug nach Gloggnitz 1934 -1945#

1934 wird er verhaftet und bleibt mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Nach seiner Entlassung entschließt er sich, „sich nach Gloggnitz zurückzuziehen“, wie er in seinen Erinnerungen schreibt. Er geht weder wie Otto Bauer ins Exil, noch schließt er sich den Revolutionären Sozialisten an.

Im Frühjahr 1938 gab Karl Renner – ohne Druck der Nationalsozialisten- Interviews, in denen er den vollzogenen Anschluss Österreichs an Deutschland begrüßt:

„Obschon nicht mit jenen Methoden, zu denen ich mich bekenne, errungen, ist der Anschluss nunmehr doch vollzogen, ist geschichtliche Tatsache, und diese betrachte ich als wahrhafte Genugtuung für die Demütigungen von 1918 und 1919, für St.Germain und Versailles“ (Wiener Tagblatt, 3. April 1938).

  • Staatskanzler Renner am 3. April 1938: "Ich stimme mit Ja". Originalzitat

Im November 1938 verfasste Karl Renner eine Broschüre „Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluss und die sudentendeutsche Frage“, in dem er nicht nur den Anschluss Österreichs, sondern auch das Münchener Abkommen, in dem die sudetendeutschen Gebiete an Hitler abgetreten wurden, voll rechtfertigt. Die Broschüre wurde zwar gesetzt, aber nicht gedruckt und von der Sozialdemokratischen Partei nach dem Krieg unter Verschluss gehalten. Erst 1990 erschien sie in einem kommunistischen Verlag.

Während ein Großteil der österreichischen Sozialdemokraten emigrierte oder von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager gesteckt wurden, verhängten die Nazis über Renner nur Hausarrest, den er in seinem Haus in Gloggnitz verbrachte.

Während der Kriegsjahre beginnt er an zwei großen Publikationen zu arbeiten, die erst nach dem Krieg veröffentlicht werden: „Mensch und Gesellschaft“, ein Grundriss der Soziologie und „Das Weltbild der Moderne“, ein „Lehrgedicht“, das an die volksbildnerischen Vorträge seiner frühen Jahre erinnert.

Mitbegründer der Zweiten Republik#

Rosenstrauch im Volksgarten
Rosenstrauch aus Unterdannowitz
Als die Rote Armee 1945 in Wien einrückte, ließ Stalin nach Karl Renner suchen. Renner selbst hatte sich ebenfalls auf den Weg in die örtliche sowjetische Kommandostelle gemacht, von wo er zum Stab der 9. Gardearmee weitergeleitet wurde. Nach Rücksprache mit dem Kreml wurde sein Angebot der Mithilfe zur Wiederherstellung der österreichischen Demokratie angenommen und als Sitz das Schloss Eichbüchl bei Wiener Neustadt zugewiesen. Renner richtete am 15. April einen Brief an „Seine Exzellenz, Marschall Stalin“, in dem er sich als legitimer Sprecher des österreichischen Volkes darstellte, der außerdem schon einmal einen Staat gegründet und eine öffentliche Verwaltung eingeführt hatte. Darüber hinaus kündigte er eine „brüderliche Zusammenarbeit“ mit den Kommunisten an. „Dass die Zukunft des Landes dem Sozialismus gehört, ist unfraglich und bedarf keiner Betonung“. Die Sowjets vertrauten Renner und ernannten ihn zum Chef einer provisorischen Staatsregierung. Karl Renner entwirft die Unabhängigkeitserklärung der neuen Republik und verkündet sie am 27.April 1945.

Die westlichen Alliierten hegten gegenüber Karl Renner und dessen Gesprächen mit den Sowjets großes Misstrauen. Erst nachdem die provisorische Regierung durch Karl Gruber, den Tiroler Widerstandskämpfer und Verbindungsmann zu den US-Truppen, erweitert worden war, anerkannten die Alliierten am 20.Oktober 1945 die provisorische Regierung Renner. Zunächst hatte es einen Plan gegeben, eine Regierung in den westlichen Bundesländern unter dem Schutz der westlichen Alliierten zu bilden. Dieser Plan sei am Widerstand der Sozialisten und an der Wachsamkeit Renners gescheitert, schreibt Adolf Schärf (Österreichs Wiederaufrichtung im Jahre 1945, Wien 1960). Die provisorische Regierung setzt die Bundesverfassung aus dem Jahr 1929 wieder in Kraft und schreibt Wahlen aus. Nach der Wahl und der Bildung einer Dreiparteienkoalition von ÖVP, SPÖ und KPÖ wird Karl Renner am 20. Dezember 1945 von der Bundesversammlung einstimmig zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik gewählt. Er übt dieses Amt bis zu seinem Tod am 31. Dezember 1950 aus.

Werke (Auswahl)#

(teilweise unter den Pseudonymen Synopticus oder Rudolf Springer):
  • Staat und Nation. Zur österreichischen Nationalitätenfrage, Wien 1899 (unter dem Pseudonym Synopticus)
  • Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat, 1902
  • Grundlagen und Entwicklungsziele der österreichisch-ungarischen Monarchie, 1906
  • Die Nation als Rechtsidee und die Internationale. Wien 1914
  • Österreichs Erneuerung, 3 Bände, Wien 1916
  • Marxismus, Krieg und Internationale, Stuttgart 1917
  • Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluss und die Sudetendeutschen.(Hg. Karl Renner), verfasst 1938, veröffentlicht Wien 1990
  • An der Wende zweier Zeiten. Lebenserinnerungen Wien 1946
  • Denkschrift über die Geschichte der Unabhängigkeitserklärung Österreichs, Zürich 1946
  • Nachgelassene Werke, 3 Bände, 1952-53
  • Österreich von der Ersten zur Zweiten Republik, Wien 1953
  • Das Weltbild der Moderne, Wien 1954
  • Die Rechtsinstitute des Privatrechts und ihre soziale Funktion, Stuttgart 1965
  • Mensch und Gesellschaft. Grundriss einer Soziologie, Wien 1965
  • Porträt einer Evolution, herausgegeben von H. Fischer, 1970

Literatur #

  • Jacques Hannak, Karl Renner und seine Zeit, Versuch einer Biographie, Wien 1965
  • Peter Kulemann, Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Österreich von Hainfeld bis zur Dollfuss-Diktatur, Hamburg 1979
  • Siegfried Nasko, Johannes Reichl, Karl Renner, Zwischen Anschluss und Europa, Holzhausen, Wien 2000
  • Norbert Leser, Zwischen Reformismus und Bolschewismus, Der Austromarxismus als Theorie und Praxis, Böhlau, Wien 1985 (zuerst Molden, Wien 1968)
  • Norbert Leser, Die Odyssee des Marxismus. Auf dem Weg zum Sozialismus, Molden, Wien 1971
  • Anton Pelinka, Karl Renner zur Einführung, Junius, Hamburg 1989
  • Walter Rauscher, Karl Renner, ein österreichischer Mythos, Ueberreuter, Wien 1995


Text aus dem Buch "Große Österreicher":#

Karl Renner (1870-1950)

Kaum ein politisches Leben umfaßt so sehr die jüngsten welthistorischen Epochen Österreichs wie jenes des Wissenschaftlers, Politikers und Staatsmanns Dr. Karl Renner. Allein schon diese beiden Fakten - die ungeheure Spannweite seiner Tätigkeit und die Vielfalt seiner Fähigkeiten - weisen ihn als eine der großen historischen Persönlichkeiten dieser Republik aus. Hinzu kommt die Tatsache, daß er zweimal berufen war - und zwar im buchstäblichen und im übertragenen Sinn des Wortes -, seinem Land dann an vorderster Stelle zu helfen, als es Hilfe am dringendsten notwendig hatte. Zweimal hat Karl Renner aus den Trümmern des alten einen neuen Staat aufbauen geholfen. Ihn einen Vater des Vaterlandes zu nennen, scheint nicht vermessen - auch wenn er, wie jeder Mensch in der Politik, irren konnte und geirrt hat.

Dem alten Österreich - jenem größeren - verbunden, dem auch die anderen bedeutenden Sozialdemokraten der Ersten Republik angehört haben, in dem sie aufgewachsen sind und das ihr erstes politisches Umfeld bestimmte, hat Karl Renner zuerst nicht an die Republik und schon gar nicht an revolutionäre Änderungen gedacht. Das ist ihm später oft angekreidet worden. Renner ist zeit seines Lebens ein Prediger der Toleranz gewesen, ein Mann des Ausgleichs, ein Mann, der bei allem theoretischen Wissen die politische Realität nicht übersah. Das hat ihn - neben vielem anderen - in Gegensatz zu Otto Bauer, den Führer der Sozialdemokratie in der Zwischen-kriegszeit, gebracht. Renner war zudem ein Mann, der um die Bedeutung des politischen und wirtschaftlichen Zusammenhalts im größeren Donauraum wußte, ihn nicht aufgeben wollte, ein neugestaltetes Österreich durchaus im Rahmen der Donaumonarchie verstand. Spöttisch wurde er damals von seinen Gegnern ein »k. u. k. Sozialdemokrat« genannt. Er ertrug es lächelnd, weil er wußte, was er wollte.

»Gegen Otto Bauers aus marxistischen Prämissen resultierende negative Einstellung zum bürgerlichen Staat als Instrument der Klassenherrschaft und rechtlicher Form der Ausbeutung stand Renners evolutionistisches Konzept der Milderung der Gegensätze in der Gesellschaft statt ihrer Zuspitzung mit dem Ziel einer gemeinwirtschaftlich orientierten Ordnung«, schreibt Karl R. Stadier. Renner, der Evolutionär, gegenüber Bauer, dem Revolutionär: der Gegensatz ist allein schon aus dem Werdegang verständlich. Otto Bauer wurde folgerichtig, ja zwangsläufig der flammende Marxist, da er den Widerspruch zum reichen Elternhaus, zur Erziehung, die ihm mühelos alles geboten hat, suchen mußte. Karl Renner - man weiß nicht einmal mehr, ob er das 17. oder 18. Kind seiner Eltern war - kam in bitterster Armut in Unter-Tannowitz bei Nikolsburg zur Welt. In seinem Memoirenband »An der Wende zweier Zeiten« lautet eine diesbezügliche Schlüsselstelle: »Ein Kind, das hineingeboren ist in eine Weinbauernfamilie, erfährt den allmählichen Verfall von deren bäuerlicher Wirtschaft als Folge von Kinderreichtum, Agrarkrise und ländlichem Wucher, erlebt die Erschütterung exekutiver Versteigerung seines Vaterhauses und zieht, hinabgestoßen ins Proletariat, zugleich mit seinen zahlreichen proletarisierten Geschwistern hinaus in die ungewisse Fremde; die Familienangehörigen verstreuen sich in die Welt und verteilen sich auf die verschiedensten Berufe und Lebensstellungen, ein typischer Vorgang für die soziale Umschichtung um die Jahrhundertwende.«

Daß Karl Renner trotzdem mit einem Stipendium am Nikolsburger Gymnasium maturieren konnte, mit Auszeichnung sogar, während die Eltern ins Armenhaus ziehen mußten - dies war ein erster Beweis für die unerhörte Energie, das Selbstvertrauen und auch das große Wissen des jungen Südmährers, der schließlich in Wien studiert, mit der jungen Sozialdemokratie in Kontakt kommt, Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer kennenlernt - und bezeichnenderweise »Das Kapital« von Karl Marx erst einmal für zu schwierig und unverständlich hält.

Er befaßt sich vorerst wissenschaftlichschriftstellerisch mit Ferdinand Lassalle. Er will Rechtsanwalt werden, gelangt aber immer mehr ins volkswirtschaftlich-theoretische Fahrwasser, erhält schließlich einen Posten in der Parlamentsbibliothek - und ist endgültig in einer Laufbahn, die zum Politiker führen muß, in einer Zeit, da die Sozialdeokraten sich zur zukunftsträchtigen Partei formieren.

Karl Renner - er hatte indessen seine Frau Luise gefunden, die ihn bis ins hohe Alter durch alle Fährnisse des Lebens begleiten sollte - hat sich zwischen 1899 und 1907 (dann wurde er Reichsratsabgeordneter) unter verschiedenen Pseudonymen vor allem publizistisch betätigt, und zwar in den drei großen Bereichen Volkswirtschaft, Rechtswissenschaft und Nationalitäten. Sein Werk »Die soziale Funktion der Rechtsinstitute, besonders des Eigentums« gilt noch heute als grundlegend, seine Arbeiten über die Nationalitätenfrage spiegeln die Problematik der untergehenden Donaumonarchie wider. Renner wollte diese Problematik im Rahmen dessen lösen, was er »Ökumene« nannte, die wirtschaftliche Einheit eben dieses Donauraums, der auseinanderzubrechen drohte.

1918 zerbrach auch diese »ökumenische« Idee. Für Karl Renner, den realistisch denkenden Sozialdemokraten, war ebenso wie für den revolutionären Otto Bauer das Zimmern der neuen Republik, gleichzeitig aber der Anschluß an das republikanische Deutschland die neue Aufgabe. Ersteres gelang ihm, letzteres verboten die Alliierten. Renner, zum Staatskanzler, also Regierungschef, des neuen Staates berufen, hat damals zwei Großtaten vollbracht. Er hat in Saint-Germain immerhin so etwas wie einen Verhandlungsfrieden zustande gebracht. Gewiß, Österreich hat Südtirol, die Untersteiermark und die deutschsprachigen Gebiete der heutigen Tschechoslowakei aufgeben müssen, aber die unzweifelbaren verhandlungstaktischen Erfolge, die sich auf die territoriale Unversehrtheit Kärntens und im besonderen die Gewinnung des Burgenlands bezogen, sind nicht zuletzt dem Chef der österreichischen Delegation zuzuschreiben.

Die zweite Großtat war die Schaffung der neuen österreichischen Verfassung, für die sich Karl Renner den jungen Juristen Hans Kelsen holte. Zwei Grundprinzipien gab Renner als Auftrag mit: der neue Staat sollte auf föderalistischer Basis und als parlamentarische Republik gestaltet werden. Am 1.Oktober 1920 wurde das Bundesverfassungsgesetz beschlossen; in der Fassung von 1929 - damals wurden Elemente einer Präsidialrepublik hineinverwoben, in - dem vor allem die Rolle des Bundespräsidenten gestärkt wurde - ist es auch heute noch in Geltung.

Als 1920 die Koalition zerbrach, schied Karl Renner aus der Regierung, widmete sich dem Genossenschaftswesen, das er aufzubauen mitgeholfen hatte, wurde erster Präsident der von ihm gegründeten Arbeiterbank - und schrieb, schrieb, schrieb; »seine Feder wurde nie trocken«, hieß es von ihm. Erst nach den Julitagen 1927 wurde er wieder politisch aktiv, er geriet dabei immer mehr in Opposition zu Otto Bauer und dessen Gesinnungsfreunden, weil er, mag er auch im strategischen Denken ähnlich gewesen sein, in puncto Taktik - wie es der sozialistische Journalist Jacques Hannak formulierte - »temperamentvoll und doch konziliant« gewesen ist. Im April 1931 wurde Renner zum Ersten Nationalratspräsidenten gewählt, als solcher trat er in der historischen Sitzung am 1.März 1933 zurück, um mit seiner Partei stimmen zu können. In einer verhängnisvollen Kettenreaktion taten dies dann auch die nachrückenden beiden anderen Präsidenten, das Parlament hatte sich selbst gelähmt und gab Bundeskanzler Dollfuß die Möglichkeit, den autoritären Ständestaat zu errichten.

Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 wurde Renner verhaftet, schließlich aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Er zog sich nach Gloggnitz zurück und war dort wissenschaftlich tätig; er lebte isoliert, ohne Kontakt mit seinen in den Untergrund gegangenen Gefährten - dem ist es, wie manche meinen, zuzuschreiben, daß Renner dann im Frühjahr 1938 jene Erklärung veröffentlichen ließ, die ihm als sein größter politischer Fehler angekreidet wurde. »Ich stimme mit Ja«, schrieb er zur Volksabstimmung über den Anschluß Österreichs an Hitlerdeutschland.

Warum hat er das getan? Gewiß, Renner war - wie Bauer - immer ein Anhänger der Vereinigung Österreichs mit einer (sozialdemokratischen) Republik Deutschland gewesen. Die Alliierten hatten ihr Veto eingelegt, damit hatten sich die österreichischen Sozialdemokraten abzufinden. Aber jetzt? Otto Bauer und die anderen waren ins Ausland gegangen, Renner war geblieben. Später hat er seinem Ja einen politisch-machiavellistischen Hintergrund gegeben. Er habe die Erklärung veröffentlicht, weil er schon damals gewußt habe, daß der »Anschluß« nicht von Bestand sein, Deutschland am Ende auseinanderbrechen werde - und daß man ihn und seine Erfahrungen als Republikgründer bei der Wiedererrichtung eines neuen Österreich werde brauchen können. Und um etwaige Verfolgungen in der Zwischenzeit von sich abzulenken, habe er den Ja-Aufruf publiziert.

In der Tat ist Karl Renner den Krieg über unbehelligt geblieben. Als im April 1945 die sowjetischen Truppen die Semmeringgegend besetzten, meldete er sich selbst, ließ sich ins Hauptquartier bringen und stellte sich zur Verfügung. Renner wurde schließlich nach Wien gebracht, leitete als Staatskanzler die erste provisorische österreichische Regierung - und konnte dank seinem politischen Wissen, seiner Erfahrung und seinem Verhandlungsgeschick erreichen, daß trotz anfangs erheblicher Widerstände vor allem seitens der Engländer diese Regierung als eine gesamtösterreichische galt, legitimiert schließlich durch die ersten freien Nationalratswahlen vom 25. November 1945.

Wenige Tage später wählte die Bundesversammlung - Nationalrat und Bundesrat in gemeinsamer Sitzung - den alten Herrn mit dem weißen Spitzbart zum ersten Bundespräsidenten des neuen Österreich. Er war auch in dieser Funktion ein treuer Diener seines Landes - jenes Staats, den er mit jeder Faser seines Herzens geliebt hatte. 1919 hat Karl Renner sogar eine Staatshymne gedichtet, sein Freund Wilhelm Kienzl hat sie vertont, »Deutschösterreich, du herrliches Land«, begann sie. In den späten vierziger Jahren zeichnete er dann jene berühmt gewordene Karikatur, die vier Elefanten im Staatsschifflein des kleinen Österreich zeigte, die vier Besatzungsmächte symbolisierend.

Bundespräsident Dr. Karl Renner hat die volle Freiheit seines Vaterlandes nicht mehr erlebt. Er starb am Silvestertag 1950. Er hat, solange er lebte, die Last zu erleichtern versucht, die seine Heimat zu tragen hatte. Daß seine Wahl zum Staatsoberhaupt 1945 einstimmig erfolgte, zeigt, wie dankbar ihm alle Lager dafür waren.

Weiterführendes#

Quelle#

  • Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.



Redaktion: Trautl Brandstaller


Sicher gemeinsam mit den Arbeiten von Norbert Leser das Beste, was derzeit über Renner zu lesen ist. Imponiert besonders durch die Erwähnung von Renners lang geheimgehaltener Schrift über Deutschösterreich, den Anschluss etc.; Renners Verschweizerungskonzept war schon die erfolgversprechendste Konzeption zur Rettung der Monarchie. Artikel bietet auch Stand der Forschung. Mit freundlichsten Grüßen!

--Glaubauf karl, Mittwoch, 13. Januar 2010, 17:08


Eine Vorfahrenliste (Stammbaum)von Dr.Karl Renner ist 2015 online Dr.Renner in Gedbas: http://gedbas.genealogy.net/person/database/38571

-- Kailbach Walter, Freitag, 12. Juni 2015, 15:12